In den 1990ern machte Ocker erneut von sich reden, jedoch weniger laut, sondern um einiges gedämpfter, erdiger und gedeckter, vorrangig in Kombination mit Beige und Terrakotta, sowie warmen Neutraltönen. In den cleanen, vom Minimalismus dominierten Folgejahren galt Ocker dann als out und wurde als Farbton verstanden, den man eher Großmutters Sofa und Fliesenspiegeln zuordnen würde.
Ocker erlebt ein Comeback im Interior
Nun kehrt Ocker seit wieder zurück, zusammen mit der Forderung nach natürlichen, persönlichen und ausdrucksstarken Interiors. „Aus unserer Sicht wird das Buttergelb der letzten Jahre von eher ruhigeren, natürlicheren Gelbtönen abgelöst“, sagen Tobias Petri und Sven Petzold vom Münchner Studio Holzrausch. „Besonders spannend finden wir Nuancen, die weniger süß und dekorativ wirken, sondern stärker aus dem Material heraus gedacht sind – warme, gebrochene Gelbtöne mit einer innewohnenden Erdung.“

Im Vergleich zu Buttergelb wirken Senftöne zeitloser, gereifter und erwachsner – und bringen von Haus aus eine gewisse Erdung mit sich, wie die Ankleide, die Holzrausch entworfen hat, zeigt.
Salva López
Sundowner-Farben, also? Oder „Indian Yellow“, wie Virginie Friedmann und Delphine Versace von Friedmann & Versace die Nuancen bezeichnen. In jedem Fall also Töne, die „tiefgründiger und leuchtender sind als Buttergelb und gleichzeitig eine reichere, anspruchsvollere Wärme ins Spiel bringen“, sagen Friedmann und Versace. Und genau darin liegt ihre Stärke. „Die dezent gewürzten Untertöne rufen Assoziationen an ferne Orte hervor und fangen mühelos Licht ein.“ Das funktioniert übrigens auch in tristen, grauen Plattenbauten, weiß der Berliner Interiordesigner Christopher Sitzler: „Viele meiner Projekte befinden sich in Berlin, wo es zum Großteil des Jahres nur wenig Licht gibt. Daher versuche ich, mit möglichst getönten Farben zu arbeiten, die die Farbwelt der Stadt aufnehmen. Ocker und Senfgelb bringen eine gewisse Wärme ins Wohnumfeld, ohne zu stark zu dominieren.“