Die diskussionsfreudige Marion House, die schelmische Trudy Jeremias und der charmante Arnold Greissle-Schönberg. Sie bildeten den Kern des New Yorker Stammtisches der Holocaust-Überlebenden der letzten Jahre.

„An Kaffeeklatsch bin ich nicht interessiert“, meinte Marion, die nun im Alter von 102 Jahren verstorben ist. Immer wollte sie über Politik und Kultur diskutieren. Der letzte Stammtisch zur Verabschiedung von Marion wurde gemäß der Tradition durch das Läuten mit einem kleinen Messingglöckchen in Frauengestalt eröffnet. „In Berlin hat zur gleichen Zeit auch ein Stammtisch stattgefunden“, sagt Thomas Strasser, bei dem sich die New Yorker Runde zu Hause versammelte. „Ganz in der Nähe von dem Ort, an dem Marion aufgewachsen ist. Das freut mich. Marion war leidenschaftliche Berlinerin.“

Neben bunten Blumen und einer brennenden Kerze steht ein Foto von Marion, auf dem sie herzlich lacht. Auch ein Bild von Gaby Glückselig, einer ehemaligen langjährigen Gastgeberin des Stammtisches, und ein Buch von Stammtischgründer Oskar Maria Graf, „Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis“, liegen da. In einem Gästebuch kann man sich ein letztes Mal eintragen. Neben den im Raum Anwesenden in Inwood in New York sind zwischen zwanzig und dreißig Teilnehmer aus der ganzen Welt über Zoom mit dabei.

„Viele Wiener Juden haben eine tiefe Sehnsucht nach dem alten Wien. Eine Sehnsucht nach Berlin habe ich nicht. Aber so sehr ich New York liebe, ich fühle mich trotzdem entwurzelt“, sagte Marion häufig. Dieses Gefühl der Entwurzelung konnte die mit einem Kindertransport 1939 aus Berlin Geflohene zeit ihres Lebens nicht abschütteln. Stolz und unabhängig war sie bis ans Ende. Mit Ohrringen oder Seidentuch geschmückt stieg sie bis weit ins hohe Alter in ihr eigenes Auto, um zum Stammtisch oder in die Oper zu fahren. Marion war sechzehn, als sie sich von ihren Eltern am Bahnhof verabschiedete: „Mir steigen heute noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Die Kinder haben geweint, die Eltern haben geweint.“

Marions Eltern überlebten die Inhaftierung im Konzentrationslager Theresienstadt. Erinnerungen an das Schwimmbad ihrer Kindheit, das Juden nicht mehr betreten durften, eine Schulfreundin, die plötzlich jeden Kontakt zu ihr abbrach, oder an den verpflichtenden ­Hitlergruß in ihrer Schule belasteten sie schwer. Marion erzählte davon, auch in Schulen, obwohl sie dabei traurig wurde und ihr Tränen in den Augen standen.

Vierzig Jahre lang half sie Holocaust-Über­lebenden, ihren Anspruch auf Wiedergutmachungszahlungen und Sozialversicherung durchzusetzen. „Es ist mir eine große Genugtuung, dass ich so vielen Leuten ein leichtes Alter verschafft habe.“ Auch in ihrer Freizeit beschäftigte sie sich mit dem Zweiten Weltkrieg, las zahlreiche Bücher darüber. Über ihre ehemalige Lehrerin „Fräulein Marzian“ erzählte sie gern. Sie hatte jüdische Schüler zu sich nach Hause eingeladen. „Sie hat uns einen schönen Tag bereitet. Wir haben gespürt, dass sie zeigen wollte, dass nicht alle Menschen gleich waren. Ich werde diese Lehrerin nie vergessen!“, so Marion. Der Stammtisch gab ihren Wochen Struktur, und sie genoss die Gespräche vor allem auch mit den jüngeren Teilnehmern sichtlich.

Gegründet wurde der Stammtisch 1943 von dem aus Bayern stammenden Schriftsteller und Dichter Oskar Maria Graf und dem Wiener Kaufmann Harry Asher. Über die Anfänge des Stammtisches erzählte dieser in einem Interview einmal: „Mein Freund Oskar Maria Graf hat gern einen Kreis um sich versammelt, wo er seine Bücher vorlesen konnte. Daraus ist eine Diskussion geworden. Man ist abwechselnd in den verschiedenen Wohnungen so ein- bis zweimal im Monat zusammengekommen.“

Dieser so entstandene Stammtisch traf sich mehr als 80 Jahre lange jede Woche, anfangs in Cafés und Restaurants, später in Privatwohnungen. Harry Asher beschreibt auch die illustren Teilnehmer der Runde: „Viele, viele Menschen sind da durchgegangen: Gewöhnliche, Ungewöhnliche, Bedeutende, Wichtige, Schriftsteller, Ganzdurchschnittsmenschen, Jüngere, Ältere, Leute wie Brecht, Verleger, Zuckmayer.“

Auf Deutsch wurde über Politik und Kultur diskutiert. Es war eine bunt gemischte Runde aus Holocaust-Überlebenden, Expats, Besuchern aus Deutschland und Österreich und Gedenkdienern. Diese stießen seit ungefähr 30 Jahren dazu, während sie ein Jahr am Museum of Jewish Heritage oder am Leo-Baeck-Institut arbeiteten. „Man plaudert nicht nur, sondern es wird ein Diskussionsthema ausgesucht. Eine Glocke wird verwendet, um die Aufmerksamkeit aller auf ein bestimmtes Thema zu lenken“, erzählte Gedenkdienerin Theresa über diese besondere Erfahrung. Beim ersten Treffen dachte sie, dass sie etwas „Gescheites“ sagen müsse. „Aber alle waren sehr freundlich!“, meinte sie lachend. Überhaupt habe sie wilde Geschichten über den Stammtisch von den früheren Gedenkdienern gehört. Der Stammtisch war für manche eine zweite Familie in der Großstadt New York. „Wie viele Großeltern, die man jede Woche trifft.“ Die Überlebenden interessierten sich für die Jungen, waren offen und neugierig. Der Altersunterschied zählte nicht. Die Betagten hörten den Jungen geduldig zu, forderten sie auf, mitzudiskutieren und ihre Meinung zu sagen.

Trudy Jeremias, dynamisch und lebhaft, war die letzte Gastgeberin des Stammtisches in ihrer Wohnung auf der Upper East Side in Manhattan. Sie verstarb Anfang 2025. Die 1923 in Wien Geborene strahlte die Besucher bereits beim Öffnen der Tür an, trug selbstgemachten auffälligen Schmuck und lange Röcke. „Ich möchte, dass alles schön ist. Anstrengend ist es schon“, sagte die Künstlerin. Die Vorbereitungen wie Essen herrichten, backen und aufräumen nahmen den ganzen Tag in Anspruch, damit sich die Runde mittwochs um ihren Tisch versammeln konnte. Die Wohnung war gefüllt mit Pflanzen und ihrer Mineraliensammlung.

An einer Wand hing die antike Schlüsselsammlung ihres im Konzentrationslager ermordeten Onkels. „Keine Katze hat sich damals um uns gekümmert“, beschrieb sie ihre erste Schulerfahrung in Manhattan im Jahr 1939. Sie stammte aus einer nicht religiösen jüdischen Wiener Bankiersfamilie, die 1939 von Wien nach New York emigrierte, nachdem der Großvater monatelang in Dachau interniert gewesen war. Nach dem Anschluss redeten ihre engsten Schulfreundinnen plötzlich nicht mehr mit ihr. Sie wurde nur mehr zu Hause unterrichtet, erzählte sie mit trauriger Stimme.

Für Trudy war wichtig, dass der Stammtisch nicht als religiöse Runde, sondern als kulturelle verstanden werden sollte. Auch als ­Holocaust-Überlebende sah sie sich nicht. „Wir waren nicht im Konzentrationslager. Uns ist es nicht so schlecht ergangen“, sagte sie, während die anderen nickten.

Eng war Trudy mit Gaby Glückselig aus Wiesbaden befreundet, die vor ihr lange die Gastgeberin des Stammtisches gewesen war. Beide Frauen hatten ein schelmisches Grinsen und einen starken Hang zum Anderssein. Sie freuten sich immer, wenn jemand die Regeln brach. Bei Gaby Glückselig fand sogar am Tag ihres Ablebens im Alter von 101 Jahren noch ein Stammtisch statt, während sie bereits nur mehr im Bett im Nebenzimmer lag. Auf einem Foto trägt die Lebhafte eine schwarze Zipfelmütze und lacht ausgelassen.

Überhaupt ging es immer lustig zu beim Stammtisch. Das schallende Gelächter von ­Miriam Merzbacher bleibt im Ohr. Sie floh 1937 mit ihrer Familie aus Deutschland in die Niederlande und wurde mit siebzehn im September 1944 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet, ihr Bruder in Mauthausen. Miriam und ihre Mutter überlebten und kamen später nach New York. Nicht nur gelacht, sondern auch gesungen wurde beim Stammtisch. Kurt Sonnenfeld und Arnold Greissle-Schönberg stimmten etwa die „Internationale“ an. Kurt war aus Wien zu Fuß durch die Schweiz und Frankreich geflohen und arbeitete in New York als Sozialarbeiter. „Welcher Bezirk?“, fragte er neue Gäste beim Stammtisch.

»Der Stammtisch traf sich mehr als 80 Jahre lang jede Woche, ­anfangs in Cafés und Restaurants, später in Privatwohnungen.«

Arnold war 1938 im Alter von vierzehn Jahren mit seiner Familie nach New York emigriert. Als amerikanischer Soldat kehrte er wieder nach Europa zurück und war in Nordafrika und Italien stationiert. Oft erzählte er von seinem Großvater, dem Komponisten Arnold Schönberg, dessen Stimme er perfekt nachahmen konnte. Gern gab er davon eine Kostprobe ab. Über den Stammtisch, den er wöchentlich mit seiner Frau Nancy besuchte, sagte Arnold: „Der Stammtisch ist eine Verbindung mit der Heimat. Wir sprechen nur Deutsch. Wir sind Flüchtlinge. Die Muttersprache ist das, was uns hinbringt.“ Oft brachte er sein Lieblingsgericht mit, selbstgemachten Wiener Erdäpfelsalat, oder bereitete Palatschinken in der kleinen Küche zu.

Über Politik wurde häufig diskutiert. Trudy, obwohl sie von sich sagte, dass sie Politik nicht interessierte, machte sich große Sorgen: „Jetzt ist die Politik so scheußlich. Ich fürchte mich jeden Tag, wenn ich die Tür aufmache und die ‚New York Times‘ hereinhole. Es geht alles in die falsche Richtung.“ Sie sagte, dass sie froh sei, das alles nicht mehr lange miterleben zu müssen. Marion meinte häufig, dass sie die heutige politische Situation in den Vereinigten Staaten klar an Berlin in den 1930er-Jahren erinnere. Die Polarisation und Ausgrenzung, der verstärkte Antisemitismus, aber auch der antimuslimische Geist waren für sie Warnzeichen.

Seit der Coronapandemie fand der Stammtisch manchmal über Zoom statt oder in den verschiedenen Wohnungen der Teilnehmer. Trudy war nicht mehr dazu in der Lage, den Stammtisch bei sich zu veranstalten. Ihren 95. Geburtstag feierten wir in einem Café in ihrer Straße, wo wir uns im Freien unterhalten konnten, ohne Ansteckungsgefahr. Trudy kam direkt vom Friseur, mit Maske. Arnolds Geburtstag wurde über Zoom gefeiert. Wir sangen virtuell „Happy Birthday“, während er seine Torte verspeiste.

Bei einem Thanksgiving-Stammtisch bei mir verzehrte Marion genussvoll Truthahn, Cranberry-Sauce und Kartoffelpüree, konnte sich aber wegen Hörschwierigkeiten kaum mehr unterhalten. Im österreichischen Kulturforum fand ein durch weitere Überlebende ergänzter Stammtisch statt. Nach einer Führung durch eine Ausstellung über die Roma-Künstlerin und Auschwitz-Überlebende Ceija Stojka, bei der sich mancher an Erfahrungen mit Roma und Sinti in den 1930er-Jahren erinnerte, gab es Kuchen und Kaffee, ganz im Sinne der Stammtischtradition. Auch die Nachfahren von Überlebenden stießen vermehrt dazu. So wie Marty Perl, Sohn zweier Überlebender aus Wien: „Es tut mir leid, dass ich erst jetzt zum Stammtisch dazugestoßen bin, weil die meisten Überlebenden nicht mehr unter uns sind. Es ist ein großer Verlust, diese Möglichkeit des politischen und kulturellen Austausches zwischen den Generationen nicht mehr zu haben.“

Auch für Gregorij von Leïtis, Gründer der Organisation „Elysium between two continents“, die sich für den Kampf gegen Antisemitismus einsetzt, ist dieses Format des politischen Diskurses heute genauso relevant, wie es bei der Gründung des Stammtisches war. „Die Zeugen der Zeitzeugen sollen genau jetzt sprechen, um diese Erfahrungen weiterzugeben. Wenn man das geschichtliche Wissen hat, realisiert man, dass die Zeit, in der wir heute leben, einer Zeit ähnelt, von der wir glaubten, dass sie längst vergangen sei.“ Das Ende der Zeitzeugen verändere uns, meint er.

Thomas Strasser, gebürtiger Salzburger, Lehrer und ehemaliger Gedenkdiener, unterstützt den Stammtisch seit vielen Jahren tatkräftig. „Die Überlebenden sind älter geworden. Die Rollen haben sich umgekehrt. Zuerst haben sie sich um die Jungen gekümmert. Dann musste man ihnen mehr unter die Arme greifen“, sagt er.

Wir stehen in Trudys leergeräumter Wohnung und kramen durch Kisten mit Stammtisch-Memorabilia. Das fröhliche Stimmgewirr des Stammtisches hallt noch immer durch die Räumlichkeiten. Fotos und Fotokollagen, Bücher und ausgedruckte E-Mails befinden sich in den Kisten. Auch die von Trudy handschriftlich geführten Namenslisten der wöchentlichen Teilnehmer kommen zum Vorschein. „Sie wurden aus ihren Heimaten gerissen und haben sich trotz allem erstaunlich offen und neugierig gezeigt. Sie hätten jeden Grund gehabt, das nicht zu tun“, sagt Thomas.

„Man hat versucht, sie auszulöschen und ihnen keine Namen zu geben. Jetzt stehen sie alle noch einmal in der Zeitung. Das ist wichtig. Sie haben trotzdem das letzte Wort.”

Zur Person

Stella Schuhmacher wurde 1972 in Salzburg geboren. Sie studierte Romanistik und besuchte die diplomatische Akademie. Sie arbeitete für die UNO und die Weltbank im Bereich Kinderschutz und Frauenrechte. Sie lebt seit über 20 Jahren in den USA und erzählt hier in unregelmäßigen Abständen vom zeitgenössischen jüdischen Leben in New York.