So eine Attacke hätte vor allem einen großen Propagandaeffekt. Moskau wisse genau, dass ein Angriff auf eine Grenzregion der Nato umgehend mit einem Gegenangriff auf russisches Gebiet beantwortet würde. Diese Länder seien aber psychologisch bereits auf einen Angriff vorbereitet. Deutschland hingegen könne er mit hybriden Mitteln angreifen, ohne dass dies bereits ein offener Krieg sei, und somit eine Gegenreaktion der Nato vermeiden.
„Der Kreml betrachtet Deutschland als Russlands Hauptfeind, sodass ein Angriff auf dieses Land aus Sicht des russischen Größenwahns eher gerechtfertigt wäre als ein Angriff auf Narva oder die Region Suwałki. Dies gilt umso mehr, als in Deutschland keine besondere Bereitschaft besteht, der russischen Bedrohung entgegenzutreten“, so Koort. Er sieht wenig Unterstützung in der deutschen Bevölkerung, die Bundeswehr auf 400.000 Soldaten aufzustocken. So blieben 180.000 Soldaten derzeit übrig, die ein Volk von 80 Millionen Menschen verteidigen müssen – und einen wichtigen Logistikstandort der Nato.
Der Sicherheitsexperte sieht Deutschland auch politisch noch nahe an Russland. Das seien die Auswirkungen der Politik von Angela Merkel und Gerhard Schröder. Selbst Bundeskanzler Merz spreche von Dialog, so Koort. Und die AfD rufe öffentlich zu einer Einigung mit Putin auf. Das bereite den Boden für eine erfolgreiche russische Offensive.
„Deutschland ist der Rückzugsraum für die an Russland angrenzenden Nato-Frontstaaten. Ohne einen vorherigen Angriff auf diesen Rückzugsraum hat ein Angriff auf Estland oder die Suwałki-Lücke keinerlei Aussicht auf Erfolg“, so Koort. Dabei würde Putin nicht einmal Raketen einsetzen müssen. Hybride Attacken wären kein offener Krieg, könnten aber desaströs sein, sowohl politisch als auch in der öffentlichen Meinung. Während Länder wie Estland jederzeit mit russischen Angriffen rechnen, sei Deutschland mental nicht vorbereitet. Die Zeitenwende von Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz sei vor allem Rhetorik gewesen.
Selbst jüngste Verhaftungen russischer Agenten in Deutschland würden nicht vermeiden können, dass über Jahrzehnte ein russisches Netzwerk aufgebaut wurde. „Ich glaube, dass dort derzeit Tausende von Agenten auf verschiedenen Ebenen des Staates tätig sind, die im richtigen Moment dessen Funktionsfähigkeit vollständig lahmlegen könnten“, so Koort. Das liege auch daran, dass es im Osten noch so etwas wie DDR-Nostalgie gebe. „Ich möchte nur ein Beispiel nennen: Nach der Wiedervereinigung wurden Offiziere der ostdeutschen Armee – sofern sie nicht aus dem Militär entlassen wurden – massenhaft um mindestens einen Dienstgrad und, im Falle höherrangiger Offiziere, um mehrere Dienstgrade herabgestuft“.