Ducournau: Der Film dreht sich nicht um Aids. Der Hauptfokus liegt darauf zu zeigen, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Angst sie kontaminiert. Der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht, Hass und Ablehnung kommen auf. Leute isolieren sich, Kommunikation wird erschwert und Traumata entstehen. Wenn diese nicht verarbeitet werden, man Dinge aus Scham geheim hält, dann trifft es auch die nächste Generation. Mich interessiert, wie Trauma transferiert wird, wenn damit nicht offen umgegangen wird. In den 90er-Jahren wurden Homosexuelle für ihren Lebensstil verurteilt. Die Gesellschaft hat entschieden, dass Aids nur sie betrifft und sie es fast schon verdient hätten, krank zu sein. Das war ein unglaublicher ethischer Rückschritt. Die Coronapandemie ist anders, weil nicht eine spezifische Bevölkerungsgruppe für ihren Lebensstil angegriffen wurde. Aber speziell junge Leute waren von Lockdowns hart betroffen, sie wurden in ihrem Leben gestoppt und kamen zurück in eine Welt, in der alles teurer und keine Jobs vorhanden waren. Wir dürfen nicht sagen: “Ihr müsst damit einfach klar kommen.” Aber das erwartet die Gesellschaft gewissermaßen von ihnen. Wir sollten eine sichere Welt kreieren, in der Verständnis für deren Situation besteht. Stattdessen werden sie an den Pranger gestellt, wenn sie noch bei ihren Eltern leben und keinen Job haben. Es scheint so, als hätten wir leider nichts aus der Vergangenheit gelernt.