Mercedes hat schon ein wenig früher als seine europäischen Mitbewerber erkannt, wie wichtig der US-amerikanische Markt für einen Autohersteller ist. Konkret: Vor 138 Jahren.

1888 hat Gottlieb Daimler gemeinsam mit William Steinway (ja, dem Klavierhersteller) in Long Island in New York eine Motorenfabrik gegründet, die Antriebe für Boote und Lkw herstellte. 1905 wurde der erste Mercedes, der Simplex 45 mit einem Vierzylindermotor mit 6,8 Liter Hubraum, als „American Mercedes“ in New York gefertigt.

Heute steht in den USA das größte Mercedes-Werk außerhalb Deutschlands. In Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama werden seit 1997 die SUV-Modelle der Marke gefertigt. Angefangen hat es mit der M-Klasse (bekannt aus dem ersten Film „Jurassic Park“), über die Jahre wurde ständig ausgebaut. Heute sind es sechs verschiedene Verbrenner- und Elektroversionen des GLE und GLS, die in der Fabrik gefertigt werden. Mehr als die Hälfte der Modelle (60 Prozent) geht in den weltweiten Export.

Und das war noch nicht das Ende. Mercedes investiert bis 2030 in den USA sieben Milliarden Dollar, allein vier Mrd. Dollar fließen in den Ausbau des Werks in Tuscaloosa. Als neues Modell wird ab kommendem Jahr die US-Version des Kompakt-SUV GLC in Tuscaloosa gebaut. Verkündet wurde das bei einer Feier in Alabama anlässlich des fünfmillionsten Fahrzeugs, das dort vom Band lief (ein Mercedes GLE), und der Weltpremiere der neuen SUV-Modelle GLE und GLS.

Welche Bedeutung Mercedes für einen der ärmsten Bundesstaaten der USA hat, konnte man an den Gästen erahnen, die zur Feier angereist waren. US-Verkehrsminister Sean Duffy, die beiden Senatoren Katie Britt und Tommy Tuberville, mehrere Vertreter der bundesstaatlichen Regierung und fast der gesamte Konzernvorstand der Mercedes-Benz Group AG.

Knapp 6000 Personen beschäftigt Mercedes in dem riesigen SUV-Werk, weitere 1700 arbeiten in einem kleineren Werk in Charleston im Bundesstaat South Carolina, wo der Sprinter und der eSprinter für den US-Markt gebaut werden. Insgesamt sind in den USA etwa 10.000 Personen für den deutschen Premiumhersteller tätig.

„Es rührt einen zu Tränen, wenn man sieht, was Mercedes für diesen Bundesstaat getan hat“, meinte Senator Tuberville, der in nicht weniger theatralischer Weise Gottes Segen für die Mercedes-Angestellten, „unseren großartigen Präsidenten Donald Trump“ und die US-Soldaten anrief. Die Mercedes-Fabrik bezeichnete er als „eine Ikone Alabamas“. Tuberville ist, wenig überraschend, Republikaner, ebenso wie seine Kollegin Britt, die von Mercedes als einem Teil einer „großen Familie“ sprach.

Es blieb Verkehrsminister Duffy vorbehalten, das heikle Thema der Zölle anzusprechen. „Viele Fabriken wurden nach China und nach Mexiko verlagert.“ US-Präsident Trump habe die Produktion zurückgeholt und insgesamt „einen wunderbaren Job gemacht.“ An dieser Stelle hielt Duffy in seiner Rede kurz inne, offenbar in Erwartung von Applaus. Den gab es von den etwa 250 Gästen aber nicht.

Wie wichtig die Fertigung von Mercedes nicht nur für Alabama, sondern für die gesamte US-Wirtschaft ist, sieht man an den Exportzahlen. Mercedes ist der zweitgrößte Autoexporteur der USA – übrigens nach einem anderen deutschen Autohersteller, nach BMW, das seine X-Modelle (SUVs) seit Jahren in Spartanburg im Bundesstaat South Carolina fertigt. Das führte zur skurrilen Situation, dass die deutschen Autobauer Einfuhrzölle in der EU bezahlen mussten, aber ihre SUV in den USA zollfrei verkaufen konnten.

Mercedes-Chef Ola Källenius hob die lange Geschichte der Fertigung in den USA hervor. „Vor 140 Jahren haben wir das Automobil erfunden. Und nur zwei Jahre später haben wir in den USA Fuß gefasst.“ Die Fertigung in Alabama sei „ein klares Bekenntnis“ zu dem Bundesstaat und den USA. Die Strategie von heute entspreche im Wesentlichen der der frühen Pioniere aus dem Jahr 1888.

Für Källenius hat Tuscaloosa und Alabama auch persönlich eine spezielle Bedeutung. Er arbeitete früher unter anderem als Werkschef in dem US-Bundesstaat und hat hier seine Frau geheiratet. Auch zwei seiner Söhne wurden in Alabama geboren.

Im vergangenen Jahr lieferte Mercedes in den USA 303.200 Fahrzeuge an Kunden aus. Das war ein Plus von einem Prozent im Vergleich zu 2024. Beim Verkauf (Mercedes misst den Verkauf von Fahrzeugen vom Konzern an die Händler) gab es dagegen einen Rückgang von zwölf Prozent auf 285.000 Fahrzeuge.