Die amerikanische Schauspielerin Laura Dern spricht im Interview über ihren neuen Film »Is This Thing on?«, über die Zusammenarbeit mit Regisseur Bradley Cooper und darüber, warum Schauspielerei fast so kompliziert ist wie eine Beziehung.
Sie hat schon Dinosauriern gegenübergestanden, David Lynchs Albträume überlebt und im Independent-Kino ebenso brilliert wie im großen Hollywoodfilm: Laura Dern gehört zu den Schauspielerinnen, die ihre Figuren mit einer seltenen Mischung aus Intelligenz, Empathie und unerschrockener Offenheit ausstatten. Die Oscar-Preisträgerin besitzt ein feines Gespür für die emotionalen Bruchstellen unserer Zeit – für Beziehungen, die sich verändern, für Familien, die aneinander wachsen oder zerbrechen. In Bradley Coopers neuem Film „Is This Thing on?“ (bereits im Kino) spielt sie eine Frau, die sich plötzlich fragt, ob Liebe auch dann Bestand haben kann, wenn sie ihre romantischen Versprechen verliert. Selbst über den Computer-Bildschirm besticht Laura Dern mit ihrem wachen Blick und ihrem warmen Gesprächston, und spricht mit erstaunlicher Direktheit über Schauspiel, Beziehungen, das Älterwerden und Ehrlichkeit.
Ihre Rollen in Filmen wie „Marriage Story“ oder „The Father“ haben Ihnen nicht nur einen Oscar eingebracht – jedes Mal berühren Ihre Figuren. Bringen Sie diese Gefühle selbst mit oder wählen Sie gezielt Geschichten, die diese Wärme in sich tragen?
Laura Dern: Wissen Sie, ich leiste mir den Luxus, mit außergewöhnlichen Filmemachern zu arbeiten. Wenn jemand wie Noah Baumbach oder jetzt Bradley Cooper mich anfragt, ist das für mich praktisch immer ein sofortiges Ja. Aber was mich wirklich interessiert, ist die Erforschung von Menschlichkeit – von Sehnsucht, Herzschmerz und der Frage, wie wir Liebe immer wieder neu definieren.
Wie arbeitet Bradley Cooper als Regisseur? Er soll bei den Proben ungewöhnliche Methoden vorgeschlagen haben.
Ja – aber was ich daran so bemerkenswert finde: Bradley ist selbst Schauspieler. Und als Regisseur ist er bereit, Figuren wirklich von allen Seiten zu erforschen. Er begann mit einer Art Workshop-Prozess, in dem wir uns selbst besser kennenlernen sollten. Die Idee war: Wenn diese beiden Menschen im Film seit 26 Jahren zusammen sind, müssen wir ein Gefühl dafür entwickeln, als hätten wir tatsächlich ein gemeinsames Leben hinter uns. Das Besondere an diesem Film ist ja, dass er die Geschichte dieser Beziehung nicht klassisch erklärt. Es gibt keine langen Rückblenden, keine Szenen, die alles ausbuchstabieren – kein „Das ist passiert, dann hat er das gesagt, dann kam dieser Streit, dann diese Affäre“. Stattdessen begegnen wir diesen Figuren genau in dem Moment, in dem sie sich selbst fragen: „Funktioniert diese Beziehung eigentlich noch?“ Um das glaubwürdig spielen zu können, mussten Will Arnett und ich uns sehr schnell sehr nahekommen. Dieser Prozess hat uns tatsächlich eng verbunden.
Und Bradley hat dabei selbst die Kamera geführt?
Ja, oft sogar. Dadurch entstand eine ganz besondere Situation. Es fühlte sich nicht an, als würde ein Regisseur von außen Anweisungen geben. Es war eher, als wären wir drei ein einziger Organismus. Er stand direkt neben uns mit der Kamera. Wenn er spürte, dass etwas emotional entsteht, konnte er sofort reagieren – manchmal flüsterte er uns dann direkt etwas zu. Er hat uns in Echtzeit geleitet und versucht, uns immer wieder zu unserer ehrlichsten Version zu bringen. Gerade bei Szenen ohne Dialog ist das unglaublich anspruchsvoll. Es gibt eine Szene, in der meine Figur ihren Mann dabei erwischt, wie er auf einer Stand-up-Bühne sehr intime Dinge über ihre Ehe erzählt. Sie erlebt dabei gleichzeitig Schmerz, Überraschung, Zärtlichkeit – alles auf einmal. Und das muss es zeigen, ohne ein einziges Wort zu sagen. So etwas funktioniert nur, wenn der Regisseur so nah bei einem ist.
Schauspielerei ist also fast so kompliziert wie eine echte Beziehung?
In gewisser Weise ja. Man muss sich selbst wirklich zeigen und ehrlich sein. Als ich als junge Frau mal einen, wie ich dachte, vielversprechenden Mann datete, sagte der zu mir, er wisse nicht, ob er mit einer Schauspielerin zusammen sein wolle – schließlich „lügen wir ja beruflich“. Aber das Gegenteil ist wahr: Wenn man nicht ehrlich sein kann, funktioniert Schauspiel gar nicht. Die eigentliche Frage ist eher: Kann man diese Ehrlichkeit auch in Beziehungen leben? Dort sind die Risiken größer – weil man Angst vor Zurückweisung hat.
Warum ist Ehe eigentlich ein so faszinierendes Thema – auch im Kino?
Vielleicht weil wir sie noch immer nicht wirklich verstanden haben. Wir heiraten jemanden zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem Leben. Wir glauben zu wissen, wer wir selbst sind, wer der andere ist und was wir gemeinsam wollen. Aber Menschen verändern sich ständig – wie Wasser. In zehn oder zwanzig Jahren sind wir oft völlig andere Personen. Wenn wir glauben, wir könnten eine Beziehung einfrieren und sie würde für immer gleich bleiben, dann verkennen wir eigentlich, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Vielleicht müsste man die romantische Idee der Ehe also entzaubern und durch eine erwachsenere Form von Partnerschaft ersetzen.
Absolut. Genau deshalb liebe ich diesen Film so sehr. Es gibt einen Moment darin – Achtung, ich spoilere –, in dem er zu ihr sagt: „Ich will mit dir unglücklich sein. Lass uns gemeinsam unglücklich sein.“ Das ist vielleicht der unromantischste und zugleich romantischste Satz, den ich je in einem Film über Beziehungen gehört habe. Mein Sohn Ellery ist 24 und steht gerade am Anfang seiner eigenen Liebesgeschichten. Er kam mit Freunden ins Kino und sagte danach zu mir: „Das ist der ehrlichste Liebesfilm, den ich je gesehen habe.“ Da dachte ich: Vielleicht schenken wir diese Geschichte auch der nächsten Generation.
Sie sind eine dieser starken, unabhängigen Frauen, bei denen es völlig uninteressant ist, ob sie verheiratet sind, liiert oder Single – so wie die große Diane Keaton: Sie sind immer vollständig. Wer gehört zu Ihren Lieblingsfrauen?
Ich denke da sofort an Catherine Deneuve oder Meryl Streep. Oder Simone Signoret. Bei denen denke ich auch nicht zuerst an ihre Beziehungen, sondern an sie selbst – an ihre Persönlichkeit. Und natürlich meine Mutter. Sie hat mich sehr geprägt. Ebenso meine Patentante Shelley Winters. Diese Frauen hatten eine enorme innere Stärke. Ich hoffe, dass ich das auch an meine Kinder weitergeben kann – ob ich nun in einer Beziehung bin oder nicht.
Steckbrief
1967 wurde Laura Dern in Los Angeles geboren.
1993 wurde sie in Steven Spielbergs „Jurassic Park“ quasi über Nacht zu einem Star, wobei sie schon zuvor viel beachtete Rollen spielte und für „Die Lust der schönen Rose“ auch für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert war. Diesen bekam sie 2020 für „Marriage Story“ als beste Nebendarstellerin. Zu weiteren Erfolgsfilmen zählen unter anderem „Der große Trip – Wild“, „Little Women“ und zuletzt „Jay Kelly“.
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