Vier unserer Monate heißen nach Göttern (Janus, Mars, Maia, Juno), zwei nach Herrschern (Julius Caesar, Augustus), einer nach einem Fest (dem Sühne- und Reinigungsfest Februa), vier fantasielos nach ihnen einst zugeordneten Zahlen: sieben, acht, neun, zehn. Bleibt der April: Wonach ist er benannt? Nach der Liebesgöttin Aphrodite, sagen manche, andere leiten das Wort vom Sonnenschein („apricum“) ab, wieder andere von den Knospen oder Erdschollen, die sich im Frühling öffnen („aperire“).
Das Sonnenlicht, und zwar im Münchner Hofgarten, kommt auch bald in dem Gedicht vor, das nicht nur allen Englischlehrern einfällt, wenn der April hereinbricht. „The Waste Land“ von T. S. Eliot fängt mit den Zeilen an: „April is the cruellest month, breeding lilacs out of the dead land.“
Der grausamste Monat. Weil er den Winter ablöst, der uns warm gehalten hat, wie es paradox bei Eliot heißt? Auch der damals sehr jungen Rockband Deep Purple fiel 1969 für ihre hübsche Klassik-Rock-Suite „April“ das Gedicht Eliots ein: „April is a cruel time“, singt Rod Evans zu Beginn des dritten Teils, „even though the sun may shine, and world looks in the shade as it slowly comes away.“ Und dann fällt er gleich, der Aprilregen, und dem Sänger graut vor einem „April without end“ …
Was kann just am ersten vollständigen Frühlingsmonat so grausam sein? Womöglich dass er überall den Flieder aus dem toten Land brütet, während man sich selbst noch gar nicht so lebendig fühlt, im Sinn der Frühjahrsmüdigkeit? Oder das Gefühl, dem sprichwörtlich wechselhaften Wetter ausgeliefert zu sein wie, Verzeihung, in Rainhard Fendrichs „I Am From Austria“ ein Gletscher im April?
„April, April, der macht, was er will“, heißt es im Kinderreim. Das Folk-Pop-Duo Simon & Garfunkel variierte das Motiv 1966 im so lieblichen wie nachdenklichen Song „April Come She Will“, der die Reihe der Monate reimend bis in den August („die she must“) zieht und dann den Bogen schließt: „September, I remember, a love once new has now grown old.“
Gleich im April blieb Prince in „Sometimes It Snows In April”, dem Nachruf auf einen (fiktiven) Freund. Auch hier regiert der Kontrast: Der Frühling sei immer seine liebste Jahreszeit gewesen, seufzt Prince, „a time for lovers holding hands in the rain“. Offenbar verführt dieser Monat zu Gedanken an die Vergänglichkeit.
Solche Gedanken, bis hin zur bleiernen Depression, paradoxerweise gemildert durch das Gefühl, das sich nichts jemals ändert, jemals ändern kann, prägen das Werk der schottischen Rockband The Jesus And Mary Chain. Sie veröffentlichte 1987 ihr zweites Album „Darklands“, dessen zweite Seite mit dem Song „April Skies“ beginnt. Er basiert auf nur zwei Akkorden, erst spät steigt die Melodie auf einen dritten und fällt wieder herab, während Jim Reid mit plötzlichem Gefühlsausdruck „And I can’t help it“ singt. Sonst passiert nichts, nur der Rhythmus der Uhr und gleichförmiges Gitarrenlärmen. Großes stoisches Mikro-Drama.
Auf andere Art dramatisch ist der Song „April“ der Postpunk-Tragödin PJ Harvey: Zu ungeschickten Beats und Heimorgelklängen reproduziert sie (ironisch?) April-Klischees („April, how could I‘ve worn inappropriate clothing?“), bis das Unheimliche klar wird: Sie spricht den Monat wie eine abweisende Person an, heult ihn an. Am Ende bleiben nur der Regen und die Orgel.
Eine Songliste, egal zu welchem Thema, wäre unvollständig, wenn Bob Dylan nicht darin vorkäme. In diesem Fall mit seinem zweitlängsten Song, „Tempest“ (2012), dessen Zeile „’t was the fourteenth day of April“ sich ganz prosaisch daraus erklärt, dass er den Untergang der Titanic behandelt, der 1912 stattfand, am 14. April.
Dieses Unglück meinte vielleicht auch der Elektronikmusiker Aphex Twin mit dem verstörend mechanisch klingenden Instrumentaltitel „Avril 14th“. Und Dylan spielte wohl auch darauf an, als er den Song „Crossing The Rubicon“ cäsarisch, aber unhistorisch begann: „I crossed the Rubicon on the fourteenth day of the most dangerous month of the year, at the worst time, at the worst place.“
Also auch der gefährlichste Monat. Prädestiniert, um die berühmteste Dystopie zu datieren. George Orwells „1984“ beginnt so: „It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.” Was soll da noch kommen?