Jedem Sport seine Kultstätte. Und kaum eine kuratiert ihr Image penibler als der Augusta National Golf Club. Hier gibt es keine Führungen, um einen Blick hinter die Kulissen zu ergattern, hier öffnen sich die Tore für Normalsterbliche nur in den Turnierwochen. „Es ist dort wirklich wie an einem Film-Set: alles schaut perfekt aus, zu perfekt eigentlich“, sagt Emma Spitz. Sie schlug 2019 bei der Premiere des Frauen-Amateurturniers erstmals selbst dort ab und gibt Einblick in die Welt am Ende der berühmten Magnolia Lane.

Seit der Premiere 1934 wird das Masters als einziges der vier Major-Turniere auf demselben Platz gespielt und hat traditionell auch das kleinste Starterfeld. Heuer sind exakt 92 Teilnehmer eingeladen, denn im Augusta-Jargon kann man sich nicht qualifizieren. Sepp Straka erhielt zum bereits fünften Mal den von Golfern ersehnten Brief und wird ab Donnerstag auf den nach Pflanzen benannten Löchern (von 1 Herbstduftblüte bis 18 Stechpalme) abschlagen.

Ansonsten bleibt der illustre Kreis an berühmten wie reichen Mitgliedern (erst seit 2012 werden auch Frauen aufgenommen) unter sich. Ja, nicht einmal wie viele „patrons“, also Gäste, wie die Fans hier konsequent genannt werden, alljährlich zum Masters pilgern, wollen die Veranstalter verraten. Auf 45.000 pro Tag belaufen sich die Schätzungen; es bedarf viel Glück und Geduld, um in der Verlosung eines der begehrten Tickets zu ergattern. Tradition und Exklusivität sind hier im US-Bundesstaat Georgia das wertvollste Gut, aber nicht unbedingt am Preis festgemacht: vergleichsweise günstige 525 US-Dollar kostet der Viertagespass. Dem verbotenen privaten Weiterverkauf sollen die Hausherren inzwischen ganz genau nachgehen und ihn mit lebenslanger Sperre sanktionieren.

Emma Spitz wurde dreimal die Ehre zuteil, beim Frauen-Amateurturnier in Augusta abzuschlagen.

Emma Spitz wurde dreimal die Ehre zuteil, beim Frauen-Amateurturnier in Augusta abzuschlagen. USA TODAY Sports/Katie Goodale

Insgesamt dreimal trat Spitz in Augusta an, verpasste 2021 das Stechen um den Sieg gar nur um einen Schlag. Die 25-Jährige weiß, um die vielen Eindrücke, die an dieser berühmten Stätte auf einen einprasseln. „Im Endeffekt am meisten wahrnehmen und die Atmosphäre genießen konnte ich während Corona, als keine Familie da war.“ Über 80.000 Pflanzen sorgen auf dem Gelände einer ehemaligen Landwirtschaft für das berühmte Blumenmeer, für das freilich nur während der Proberunde wirklich ein Auge bleibt. „Alles ist perfekt grün, und dann stechen diese rosanen Blüten heraus, die alle blühen“, schwärmt die Niederösterreicherin von den Azaleen, von denen es auf dem Platz verteilt rund 1600 in 30 verschiedenen Sorten gibt. Den Mythos, dass in Augusta jeder Grashalm mit der Nagelschere auf die gewünschte Höhe zurecht getrimmt wird, kann Spitz aus eigener Erfahrung nur bestätigen. „Sobald da ein Stückchen Rindenmulch an der falschen Stelle liegt, kommt sofort jemand und bessert das aus.“

Den vom britischen Stardesigner Alister MacKenzie entworfenen Par-72-Kurs selbst beschreibt Spitz als herausfordernd aber fair. „Du wirst nicht unnötig bestraft, sondern nur, wenn du auf die falschen Stellen spielst.“ Größte Herausforderung seien die vielen Wellen und Hügeln, die man auf den TV-Bildern gar nicht so erkennen würde. „Wenn du sie richtig anspielst, kannst du das natürlich auch zu deinem Vorteil nützen.“ Am berüchtigtem Amen-Corner (Löcher 11 bis 13), wo der Legende zufolge nur noch Stoßgebete helfen „ist die Atmosphäre noch einmal spezieller“.

Im Inneren des 1854 erbauten Klubhaus ist die historische Note nicht zu übersehen. „Es ist schon modern, aber belassen wie es war, und damit urig“, sagt Spitz, die 2022 Profi wurde und auf der Ladies European Tour spielt. Nicht nur die Grüns genießen freilich höchste Aufmerksamkeit vom Personal, auch den Protagonisten wird (fast) jeder Wunsch erfüllt. „Im Restaurant gibt es ca. 20 Tische und genau so viele Kellner. Es gibt keine wirkliche Karte, sondern man kann von Steak bis Sushi quasi alles haben, was man möchte“, erinnert sie sich. Dieses Prinzip wird auch beim traditionellen „Champions Dinner“ am Dienstag vor dem Turnier zelebriert: Heuer lässt Titelverteidiger Rory McIlroy sich und den Gewinnern vergangener Auflagen sowie dem Klubvorsitzenden Thunfisch-Carpaccio, gegrillten Elch und Wagyu-Filet servieren.

Österreichs Nummer eins, Sepp Straka, ist zum fünften Mal in Augusta dabei.

Österreichs Nummer eins, Sepp Straka, ist zum fünften Mal in Augusta dabei. Reuters / Jeff Romance

Für die Besucher draußen auf dem Gelände geht es zünftiger, aber dafür überraschend preisgünstig zu. Das legendäre Pimento-Cheese-Sandwich steht auch dieses Jahr wieder auf der Karte, und kostet stabil seit 2002 nur 1,50 US-Dollar. Wer es einmal ins Golf-Paradies geschafft hat, so offenbar die mitschwingende Note, soll es auch in vollen Zügen genießen. Das Nadelöhr in Augusta bleibt der Zugang. Selbst Spitz bekam als Teilnehmerin des Frauenturniers damals keine Tickets für das darauffolgende Männerturnier.

Was aus Augusta nach außen dringt, wird von den Veranstaltern streng kuratiert. So modern sie mit der Präsentation in Fernsehen und Social Media voran gehen, so strikt halten sie am Handyverbot fest: Insta-Spots wird es auf dem Gelände noch länger keine geben. Auch Spitz und Kolleginnen durften nur auf der Proberunde Erinnerungsfotos machen, ihr gingen jedoch die meisten mit dem Smartphone verloren. Nicht nur deshalb möchte Spitz bald zurückkehren. „Mein Traum ist ein Masters für Frauen!“ Womöglich sind die Chancen dafür größer als in der Ticket-Lotterie.

Zahlen & Fakten

Am Donnerstag beginnt die 90. Masters-Auflage. 92 Profis um Titelverteidiger Rory McIlroy (NIR) spielen beim ersten Major-Turnier des Jahres um das „Grüne Jackett“ und 20 Millionen Dollar Preisgeld. US-Legende Jack Nicklaus hält mit sechs Siegen den Rekord.

Österreich ist in Augusta durch Sepp Straka (Topresultat Platz 16 2024, im Vorjahr Cut verpasst) vertreten, zuvor schlugen Bernd Wiesberger und beim Frauen-Amateurturnier (seit 2019) Emma Spitz und Isabella Holpfer ab.