Amnesty-Experte Castner betont jedoch, dass diese Ausnahme auf die aktuelle Lage der US-Streitkräfte in der Golfregion nicht zutreffe. Die amerikanischen Soldaten seien nicht in die Städte verlegt worden, um die Zivilbevölkerung vor Angriffen zu schützen. Im Gegenteil: Sie versuchten, selbst einem Angriff zu entgehen, indem sie sich in Hotels aufhielten, die andernfalls keine legitimen militärischen Ziele wären. Dieser Unterschied ist juristisch wesentlich: Wer Zivilisten schützt, handelt im Sinne des humanitären Völkerrechts. Wer sich hinter Zivilisten versteckt, verletzt es.

Noch einen Schritt weiter geht die Frage, ob ein solches Verhalten als Einsatz von „menschlichen Schutzschilden“ gewertet werden könnte – eine Taktik, die als Kriegsverbrechen gilt. Dabei werden Zivilisten absichtlich als Schutzschild gegen Angriffe eingesetzt. Guerillakräfte haben dieses Mittel in Auseinandersetzungen mit stärkeren Militärmächten wiederholt angewandt. Ob das Handeln der USA diese Schwelle erreicht, ist nach Einschätzung der befragten Experten juristisch noch offen – der Vorwurf steht jedoch im Raum.

Der Fall ist laut Ansicht von Militärexperten ein Beweis für tiefergehende strategische Versäumnisse im Vorlauf der Angriffe auf den Iran. Kelly Grieco, Senior Fellow am US-amerikanischen Thinktank Stimson Center, beschreibt den aktuellen Konflikt als ersten Krieg, in dem die USA mit den Konsequenzen einer „demokratisierten Luftmacht“ konfrontiert sind – also mit der Tatsache, dass auch ein mittlerer regionaler Akteur wie der Iran in der Lage ist, dauerhaft und weitreichend aus der Luft anzugreifen. „Die mangelnde Vorbereitung beschränkt sich nicht auf diesen Kriegsschauplatz, sondern auch auf US-Basen in dessen Reichweite“, so Grieco.

Ein konkretes Indiz für die militärische Unvorbereitetheit: Das Pentagon hat jüngst eine Ausschreibung für vorgefertigte Bunker lanciert, die rasch in den Nahen Osten verschifft werden könnten und Schutz vor Druckwellen und Splitterwirkung bieten sollen. Dass ein solcher Schritt erst während eines laufenden Krieges erfolgt, unterstreicht, wie unzureichend die bestehende Schutzinfrastruktur offenbar ist.