Der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Batteriezellproduktion in Europa steht vor großen Herausforderungen. Trotz politischer Zielsetzungen, die Abhängigkeit von China zu verringern und eine eigenständige Industrie zu etablieren, bleibt die Umsetzung schwierig. Entscheidend ist nach Einschätzung von Experten vor allem die Frage der Wirtschaftlichkeit und der staatlichen Unterstützung.
Der Batterieexperte Heiner Heimes von der RWTH Aachen verweist im Gespräch mit der Automobilwoche auf die zentrale Rolle von Fördermitteln. Für Hersteller sei ausschlaggebend, ob staatliche Hilfen die Mehrkosten gegenüber asiatischen Wettbewerbern ausgleichen können. Eine Produktion in der EU sei ohne Unterstützung kaum realisierbar. „Für eine Zellfertigung in der EU wird entscheidend: Ist die Förderung so üppig, dass sie für Hersteller die Mehrkosten im Vergleich zu asiatischen Zellen ausgleichen kann?“
Aktuelle Daten aus dem von Heimes herausgegebenen „Battery Atlas“ zeichnen ein ernüchterndes Bild: Die geplanten Kapazitäten für Batteriezellfertigung in Europa sind deutlich gesunken. Im Vergleich zu 2023 hat sich die Kapazität von über 2000 auf rund 1190 Gigawattstunden (GWh) nahezu halbiert. Diese Differenz entspricht etwa 20 „Gigafactories“ oder der Versorgung von rund zehn Millionen Elektroautos mittlerer Größe.
Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu politischen Ambitionen. Die Bundesregierung strebt den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Batterieproduktion bis 2035 an. Auch die EU setzt mit dem Industrial Accelerator Act sowie Förderprogrammen wie dem Battery Booster auf Unterstützung der Branche.
Heimes bewertet diese Initiativen grundsätzlich positiv, sieht aber entscheidende Unsicherheiten in der konkreten Ausgestaltung. Unklar sei etwa, was genau unter „Made in Europe“ zu verstehen ist. Ein Großteil der Wertschöpfung entfalle auf Komponenten, die bislang nicht vollständig in Europa produziert werden. Auch für den Maschinen- und Anlagenbau seien bislang keine unmittelbaren Vorteile erkennbar.
Hinzu kommt die starke Dominanz asiatischer, insbesondere chinesischer Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Diese reicht von der Komponentenfertigung bis zum Bau kompletter Produktionsanlagen. Europäische Projekte geraten ins Stocken: Northvolt meldete Insolvenz an, ACC stoppte Fabrikpläne, und auch Porsche legte ein Akkuprojekt auf Eis.
Ein weiterer Wettbewerbsnachteil ergibt sich aus den globalen Marktbedingungen. China hat erhebliche Überkapazitäten aufgebaut, was zu sinkenden Preisen führt. Laut Schätzungen der Internationalen Energieagentur liegen die Kosten für europäische Lithium-Ionen-Zellen etwa 50 Prozent über denen chinesischer Produkte.
Um diese Differenz auszugleichen, fordert Heimes deutlich höhere Fördermittel. Nur so könne strategische Unabhängigkeit erreicht werden. „Das ist der Preis unserer Unabhängigkeit.“ Langfristig könne sich die Kostendifferenz verringern, wodurch auch der Förderbedarf sinke. Der Vorteil: Es handle sich um ein Problem, das grundsätzlich finanzierbar sei.