Historische Inspiration: Frauen lebten als Männer, um zu überleben
Die Figur ist historisch inspiriert. 300 verbürgte Fälle von Frauen, die sich als Männer ausgaben, haben Regisseur Markus Schleinzer und sein Co-Autor in Gerichtsakten und Tagebüchern gefunden, wie Schleinzer auf der Berlinale erzählte. Die Frauen hätten das aus unterschiedlichsten Gründe getan. Manche würde man heute als transgender oder queer lesen. Viele aber taten es, um zu überleben.
So wie die letztlich fiktive Hauptfigur des Filmes. Auch Hauptdarstellerin Sandra Hüller ließ, danach befragt, auf der Berlinale keinen Zweifel an der existenziellen Not, die Rose antreibt. Einmal in die Hosen gestiegen, erlebt sie aber auch, welche Freiheit ihr das eröffnet.
Film bricht mit bekannten „Hosen-Rollen“ aus der Filmgeschichte
Die Filmgeschichte kennt bereits einige dieser sogenannte „Frauen in Hosenrollen“: Renate Müller in der Ufa-Komödie „Viktor und Viktoria“ (1933), Barbara Streisand im Musical „Yentl“ (1983), Johanna Wokalek in „Die Päpstin“ (2009) oder auch den Disney-Animationsfilm „Mulan“ (1998). Die meisten dieser Rollen haben jedoch einen gewissen Travestie-Charakter, kommen zumindest nicht ohne die Präsentation des weiblichen Körpers aus. „Rose“ bricht nun mit diesem männlichen Blick und betrachtet die Hauptfigur mit dem historischen Bewusstsein für die gesellschaftlichen Zwänge, die daraus erwachsen, im weiblichen Körper geboren zu sein.
Die patriarchalen Ansprüche verkomplizieren und bedrohen beständig Roses hart erarbeitetes Glück. Bald sieht sie sich gezwungen, Suzanna zu heiraten, eine angebliche Jungfrau aus dem Dorf. Um der Form genüge zu tun, besteigt sie das Mädchen mit einem umgeschnallten Dildo aus Kuhhorn. Die Ironie der brutalen Geschichte will es, dass Suzanna wirklich ein Kind empfängt, was Roses Erzählung erst wasserdicht macht. Und dadurch gelangt schließlich auch Suzanna zu einem selbstbestimmten Leben. Aus der Zweckehe wird eine Komplizenschaft, die der Männerwelt trotzt, zumindest in den eigenen vier Wänden.
Sandra Hüller erfindet sich mit „Rose“ neu
Sandra Hüller war schon oft auf der Berlinale zu bewundern, seit sie 2006 für „Requiem“ den Silbernen Bären erhielt. Immer waren ihre Rollen eigenwillig und gewagt. Etwa in „The Brownian Movement“ (2010), wo sie eine verheiratete Ärztin mit Doppelleben spielte. Oder in „Sissi und ich“ (2023) als eifersüchtige Kammerzofe der Kaiserin.
Mit Rose erfindet auch sie sich noch einmal neu. Nervös, wortkarg, entschlossen – und doch innerlich brüchig. Eine ambivalente Figur, doch zum unvermeidlichen tragischen Ende hin verleiht Hüller ihr die Würde einer Jeanne d’Arc.
Geschichte wirkt modern trotz historischen Settings
Sandra Hüller und die in jedem Moment präzise Kamera von Gerald Kerkletz schaffen es auch, die Geschichte stets gegenwärtig erscheinen zu lassen – trotz der leicht altertümlichen Sprache, der historischen Kostüme und der Standbilder, die an die Malerei der niederländischen Meister erinnern.
Eine Neuentdeckung ist Caro Braun als Suzanna. Markus Schleinzer hat sie unter 800 gecasteten Frauen entdeckt. Erfahrung im Casting hat er genug: So hat er etwa die Kinder für „Das Weiße Band“ von Michael Haneke gefunden – von dem er auch sonst viel gelernt hat.
Film „Rose“ ist ein Meisterwerk
Wie in seinem letzten Kinofilm „Angelo“, ebenfalls ein historischer Stoff, ist Markus Schleinzer ein zurückhaltender und im besten Sinne distanzierter Erzähler. In „Rose“ setzt er sogar eine Erzählerin ein. Das setzt nicht nur den chronistischen Grundton, sondern ermöglicht es auch, einige für die Handlung wesentliche Momente auszusparen. Vermeiden, so sagte er auf der Berlinale, möchte er Bilder, die Menschen als Opfer von Gewalt zeigen. Davon gebe es schon genug: „Bilder haben Verantwortung“, sagt er. Mit „Rose“ ist dem Österreicher ein Meisterwerk gelungen, preiswürdig in sämtlichen Kategorien.