Zwei Frauen stehen an der Bushaltestelle, schauen vom Stadtplan aufs Handy zum Busfahrer und wieder auf den Stadtplan. „I kenn’ mi ned aus“, sagt die eine. „Welche Linie ist denn am schönsten? Wo sehen wir am meisten?“ Der Fahrer deutet auf den vorderen der drei Doppeldeckerbusse. Die rote Linie, sagt er. Fährt einmal um die Münchner Altstadt rum, in fünf Minuten ist Abfahrt. Die Frauen nicken zufrieden und steigen ein.
Viel ist an diesem Nachmittag nicht los an der Haltestelle gegenüber vom Münchner Hauptbahnhof, von wo aus die roten Hop-On-Hop-Off-Busse starten, um Touristen im Halbstundentakt durch die Stadt zu fahren. Aber das wird sich bald ändern, denn München boomt und im April startet die Saison. Rund 325.000 Besucherinnen und Besucher sind im Schnitt jeden Tag in der Stadt unterwegs. Knapp 20 Millionen Übernachtungen zählten die Hotels im vergangenen Jahr, damit hat München Hamburg überholt und ist nach Berlin die meistbesuchte Stadt in Deutschland. Gleichzeitig gilt die bayerische Metropole als griesgrämig, vergangenes Jahr wurde sie in einer Umfrage zur unfreundlichsten Stadt der Welt ernannt. Dazu das Klischee von Brezn, Bier und Schickimicki, manche halten München für ein Millionendorf mit etwas zu viel Mia-san-mia-Attitüde. Aber wie sehen das eigentlich die Touristinnen und Touristen? Was suchen sie wirklich in der Stadt? Zeit für eine Rundfahrt.
Die Eisbachwelle im Englischen Garten war jahrelang ein beliebtes Touristenziel
Der rote Doppeldeckerbus schiebt sich durch die Straße Richtung Königsplatz. Oben am Fenster sitzt eine Familie, weiter hinten die beiden Frauen, die nach der schönsten Linie gefragt hatten. Aus Graz sind sie angereist und zum ersten Mal in München, eine Woche Kurzurlaub. „Wir lieben Kunst und Kultur, da ist München ein Traum“, sagt Dunja. Erster Eindruck? „Super, ich hab’s mir chaotischer vorgestellt, aber es fühlt sich recht relaxed an.“ Ihre Freundin winkt ab. „Im Urlaub fühlt sich eh nichts hektisch an, da ist selbst New York entspannt.“
Der Bus biegt zum Königsplatz ab, das Lenbachhaus mit seiner ockergelben Fassade ist gerade noch zu sehen. „Da müssen wir unbedingt rein und den Blauen Reiter anschauen“, sagt Dunja. Und in die alte Pinakothek, jetzt sei eh die beste Zeit für Sightseeing, weil noch nicht so viel los ist und das Wetter passt. Die Sonne scheint durchs Busfenster, die kolossalen Bauten rund um den Königsplatz werfen ihre Schatten und vorn am Karolinenplatz ragt der Obelisk in den Himmel. „Ich bin nicht so die Biertrinkerin, aber in den Biergarten gehen wir schon auch“, sagt Dunja. „Das ist ja eh Pflicht, egal bei welchem Wetter.“

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Auch vom Busfenster aus beeindruckend: Die kolossalen Bauten rund um den Königsplatz.
Foto: Felicitas Lachmayr
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Auch vom Busfenster aus beeindruckend: Die kolossalen Bauten rund um den Königsplatz.
Foto: Felicitas Lachmayr
Erster Halt, Odeonsplatz, ertönt es durch die Lautsprecher im Bus. Ein junges Paar steigt ein. Theatinerkirche, Feldherrnhalle, Residenz, alles eindrucksvoll, aber was ist eigentlich mit der Eisbachwelle? Schnell noch die Familie fragen, die gerade aussteigt. Ob sie zur Welle wollen oder den Streit um die Surfattraktion mitbekommen haben? Sie schütteln den Kopf und sind schon draußen.

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Eisbachwelle München
Foto: Sina-Lara Nachtrub
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Eisbachwelle München
Foto: Sina-Lara Nachtrub
Die Eisbachwelle im Englischen Garten, einst weltweit größte Flusswelle mitten in einer Großstadt und beliebtes Touristenziel, zieht nicht mehr. Seit den 1970er Jahren surften hier Hobbysportler, auch Weltmeister Robby Naish schwang schon ein paar Kurven, ein Dokumentarfilm wurde gedreht, das Münchner Tatort-Duo ermittelte an der Welle. Und jetzt? Surft dort niemand mehr. Nach einem tödlichen Unfall vor einem Jahr hatte die Stadt das Surfen wegen Lebensgefahr eingeschränkt, inzwischen ist es ganz verboten. Der Einbau einer neuer Rampe ist nicht in Sicht, zum Ärger vieler Surferinnen und Surfer. Schade auch für Touristen, denn für sie gibt es am Eisbach nicht mehr viel zu sehen.
International ist München vor allem bei Gästen aus den USA beliebt
Also weiter mit dem Bus und mal hören, was der Audioguide so über München verrät. Klassische Musik erklingt, einige Sätze zur Feldherrnhalle, ein paar Jahreszahlen zur Residenz und königlichen Geschichte, einen Blick in den Englischen Garten solle man erhaschen, denn der sei nach dem Marienplatz das beliebteste Ziel in München. Aber mal andersrum gefragt, bei wem ist München eigentlich besonders beliebt? Zeit für einen kurzen Blick aufs Handy und in die aktuelle Tourismusbilanz. Die ist online einsehbar und verrät, dass im vergangenen Jahr mehr als 55 Prozent der Übernachtungen auf Gäste aus Deutschland entfielen. Von den europäischen Besuchern kamen die meisten aus Italien. International ist München vor allem bei Gästen aus den USA beliebt, die Stadt verzeichnete 1,4 Millionen Übernachtungen. Aber auch immer mehr Touristen aus China, Indien, Japan, den Arabischen Golfstaaten und der Türkei zieht es in die bayerische Landeshauptstadt. Im Schnitt bleiben Besucherinnen und Besucher 2,115 Tage. Wenig Zeit, um die Stadt zu erkunden, mit dem Bus geht es schnell.

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Viele Touristen nehmen den Bus, um die Stadt zu erkunden.
Foto: Felicitas Lachmayr
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Viele Touristen nehmen den Bus, um die Stadt zu erkunden.
Foto: Felicitas Lachmayr
Eine Stunde dauert die Fahrt, je nach Verkehr und Linie. Sechs Stopps auf der roten, vier auf der lila Linie zum Schloss Nymphenburg, sechs auf der blauen Linie durch Schwabing. Dazu ein acht-sprachiger Audioguide, der gerade erklärt, dass manche Münchner übermütig oder von Kopfschmerzen geplagt werden, wenn mal wieder Föhn ist. Der abrupte Wetterumschwung werde auch gern als Ausrede genutzt, wenn die Knödel nicht gelingen oder die falsche Fußballmannschaft gewinnt … ein bisschen Klischee darf sein. Vom Wetterphänomen hat das junge Paar in der dritten Reihe jedenfalls noch nie gehört. Sie kommen aus Kiew, für die Arbeit sind sie eine Woche in München. Die gotischen Kathedralen und die Architektur sind beeindruckend, sagt die junge Frau. Sie sei erst skeptisch gewesen, dachte, die Stadt sei recht strikt und die Leute distanziert, aber es fühle sich comfy an in München. Anders als zu Hause. Das Gespräch kommt auf den Krieg in der Ukraine. Hier dagegen? Heile Welt.
Attraktion am Marienplatz: Fürs Glockenspiel am Rathaus gibt es inzwischen Applaus
Nächster Halt Marienplatz. Beliebteste Sehenswürdigkeit, nicht nur den mehr als 147.000 Google-Bewertungen zufolge. Rathaus, Frauenkirche, Hofbräuhaus, muss man mal gesehen haben, sagt ein älterer Herr mit sächsischem Dialekt und steigt aus dem Bus. Und diesen Markt, wie hieß der noch gleich, sagt seine Frau und schon sind die beiden in der Menge verschwunden. Kurz nach fünf, das Glockenspiel am Rathaus bimmelt. Besucherinnen und Besucher aus aller Welt halten inne und ihre Smartphones in die Höhe. „Perfect timing“, ruft eine Britin ihrer Freundin zu und filmt die Figuren im Turm. Italienische Teenager stehen um die Mariensäule herum, kichern, machen Selfies. Neben ihnen eine spanische Großfamilie. „Qué bonito!“, ruft die Großmutter und lauscht dem Gebimmel, während das Mädchen um sie herumhüpft, stolpert, plärrt.

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Wenn das Glockenspiel am Rathaus erklingt, halten Touristen aus aller Welt inne und ihre Handys in die Höhe.
Foto: Felicitas Lachmayr
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Wenn das Glockenspiel am Rathaus erklingt, halten Touristen aus aller Welt inne und ihre Handys in die Höhe.
Foto: Felicitas Lachmayr
Weiter vorn stehen zwei junge Männer, sie sind aus China angereist, erzählen sie. Zwei Tage München, dann geht es weiter nach Salzburg. „Die alten Gebäude sind so beeindruckend“, sagt der Größere von beiden. „Wenn ich vor dem Rathaus oder der Residenz stehe, kann ich mir gut vorstellen, wie die Menschen hier vor hunderten Jahren gelebt haben.“ Er interessiere sich für europäische Geschichte, hätte gern mehr Zeit in der Stadt. Er blickt nach oben, die Figuren am Turm drehen sich noch.
Solange die Besucher draußen stehen, kurz mal hinein in die Tourismusinformation. Sie liegt gleich neben dem Rathauseingang. Postkartenständer, Stadtpläne und hinter dem Tresen stehen drei Damen. Wie viele Besucher sie jeden Tag beraten? 200 vielleicht, sagt die eine. Noch sind es nicht so viele, erst im Frühjahr geht es richtig los und im Sommer stehen sie dann wieder Schlange bis auf den Marienplatz.

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Der Marienplatz mit der Frauenkirche und dem Hofbräuhaus in der Nähe ist das beliebteste Touristenziel in München.
Foto: Adobe Stock
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Der Marienplatz mit der Frauenkirche und dem Hofbräuhaus in der Nähe ist das beliebteste Touristenziel in München.
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Dort wird plötzlich gejubelt und applaudiert. Handstand? Heiratsantrag? Die Kollegin winkt ab. „Das Glockenspiel ist vorbei“, sagt sie. Das geht schon seit Monaten so, nach dem Gebimmel wird geklatscht, vielleicht ein neuer Tiktok-Trend. Tanzende Schäfflerfiguren statt shuffelnden Influencerinnen? Das Glockenspiel wollen jedenfalls alle sehen, die nach München kommen. Wann es zu hören ist, werden sie in der Tourismusinformation dann oft gefragt, wo das „Dadamdadam“ oder die „Show“ stattfindet. Noch öfter aber werden sie nach der nächsten Toilette oder dem Hofbräuhaus gefragt.
Verständigungsprobleme gibt es in der Tourismusinformation immer wieder
„Manche Besucher sind völlig blank, andere kommen mit einer ganzen Liste an Dingen, die sie sehen oder machen wollen“, sagt eine der drei. Dann werden die Fragen auch mal speziell. Wo kann man einen echten Warhol sehen? Wo gibt es Longchamps-Taschen zu kaufen? Gibt es ein Lokal ohne Touris? In welcher Bar trifft man nice people? Wo ist das nächste Bordell? Wie heißt das Museum, das lange geschlossen war und jetzt wieder offen ist? Villa Stuck. Da mussten sie aber auch erst mal zu dritt überlegen. „Neulich hat ein Herr aus England einen speziellen Hut gesucht“, sagt die eine. „Wir sind die bekannten Läden durchgegangen, aber er ist leider nicht fündig geworden.“ „Und erinnerst du dich“, wirft die Kollegin ein. „Letzte Woche wollte ein Mann maßgeschneiderte Schuhe.“ Aber viele Touristen suchen auch einfach nur ein Souvenir, eine Tafel Schokolade, ein Lebkuchenherz oder besonders begehrt, eine Kuckucks-Clock.

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Lebkuchenherz und Kuckucksuhr sind beliebte Souvenirs.
Foto: Ulrike Eicher (Symbolbild)
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Lebkuchenherz und Kuckucksuhr sind beliebte Souvenirs.
Foto: Ulrike Eicher (Symbolbild)
Manche haben nur eine Stunde Zeit, andere sind zwei Wochen in der Stadt und hätten am liebsten ein individuelles Programm, aber dafür fehlt den Expertinnen in der Tourismusinformation die Zeit. Sie sprechen viele Sprachen, Verständigungsprobleme gibt es trotzdem immer wieder. Manche Orte und Namen sind halt einfach schwer auszusprechen, finden die drei. Da wird aus der Theatinerkirche eben mal die Tina-Turner-Church oder Schloss Neuschwanstein zum neuen Schweineschloss. Manche fragen nach dem Angelina, wollen aber auf ein Bier ins Augustiner. Und die Pinkelthek … pardon Pianothek … I mean … Pinakothek ist immer für einen Versprecher gut. Oh, and how do we get to Sellämmsi? Nach Zell am See, am besten mit dem Zug, raten die Damen dann.
Auch ums Oktoberfest ranken sich viele Fragen und die drei erzählen … von US-Amerikanern, die verwirrt sind, weil das Oktoberfest nicht in der ganzen Stadt oder das ganze Jahr über gefeiert wird. Von Israelis, die den Tränen nahe sind, weil sie dachten, das Oktoberfest findet im Oktober statt und es verpasst haben. Von Besuchern, die nach Tickets und Eintrittspreisen für die Wiesn fragen, von der Wiesn reden, aber das Hofbräuhaus meinen oder die einen Trachtenverleih suchen, weil sie denken, dass sie ohne Dirndl und Lederhosen nicht ins Festzelt dürfen.
Teurer Spaß: 74,20 Euro geben Gäste im Schnitt am Tag aus
Langweilig wird ihnen in der Tourismusinformation nicht. Sie wundern sich auch nicht mehr, wenn ein älteres Ehepaar mal wieder den Koffer am Eingang abstellt und drei Stunden in der Stadt spazieren geht. „Neulich hat jemand sein Handy aufgeladen und ist gegangen, dann hat das Ding die ganze Zeit geklingelt“, sagt eine. Auch verzweifelte Eltern, die ihr Kind aus den Augen verloren hatten, standen schon am Tresen. „Und weißt du noch, einmal, da kam eine Japanerin rein und hat nach dem Weg zum Fürstenpalast gefragt“, sagt die Kollegin. „Sie dachte, sie sei in Monaco. Da hatte es eine Verwechslung am Flughafen in Italien gegeben.“

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Die Statue von Helmut Fischer alias Monaco Franze im Café an der Münchner Freiheit.
Foto: Laura-Sophie Lang
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Die Statue von Helmut Fischer alias Monaco Franze im Café an der Münchner Freiheit.
Foto: Laura-Sophie Lang
Zwischen Marienplatz und Maximilianstraße steckt ja auch ein bisschen Monaco. Und wenn’s nur der Monaco Franze war, der mit augenzwinkerndem Charme dem gehobenen Lebensstil frönte und der Stadt ein mondänes Image verpasste. Der ewige Stenz hätte sich bestimmt gefreut über die vielen Besucher…innen, aber die kennen wahrscheinlich eher den Franz vom FC Bayern. Von den hohen Münchner Preisen lassen sie sich jedenfalls nicht abschrecken. 74,20 Euro geben Gäste im Schnitt am Tag aus, wie in der Tourismusbilanz zu lesen ist. Dazu kommt ein Zimmerpreis von knapp 144 Euro pro Nacht. In Summe bescheren Touristen der Stadt 8,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Am meisten profitieren Restaurants und Hotels, denn knapp die Hälfte fließt ins Gastgewerbe. 31,5 Prozent gehen an den Einzelhandel, knapp 21 Prozent in Dienstleistungen. Rund 153 Millionen Euro fließen so an Steuereinnahmen in die Stadtkasse. Kein Grund zum Granteln also, finden wohl auch die Münchner. Die meisten, so steht es in der Tourismusbilanz, empfinden die Besucher aus aller Welt als Bereicherung.
Am Wiener Platz ragt ein blau-weißer Maibaum in die Höhe – Bayern wie aus dem Bilderbuch
Also mal zurück zur Bushaltestelle und hinein in den nächsten roten Doppeldecker. Eine Dame mit Rucksack und Stadtplan steigt mit ein. Liz, 64, aus Alberta, Kanada. Die Münchner Preise nennt sie relatively moderate, die prunkvollen Gebäude absolutely beautiful. Was sie hierher geführt hat? Sie habe ihre Tochter besucht, die in Bochum arbeitet, jetzt machte sie eine kleine Deutschlandtour. In Berlin war sie schon, interesting with all its history, in München ist sie seit zwei Stunden. Erster Eindruck? Sie habe keine konkreten Vorstellungen gehabt, nur online recherchiert. Da stand, dass die Münchner a little cold seien. Etwas kühl und distanziert, Grantler halt. Aber bisher waren alle freundlich, sagt Liz. Und dass alle Bier trinken und Lederhosen tragen, sei wahrscheinlich auch nur ein Klischee. Wobei, es soll ja ein Restaurant geben, wo das tatsächlich so ist.

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Brezn, Obazda und ein kühles Bier: Auch Touristen liebe die Münchner Biergartenkultur.
Foto: Stock Adobe
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Brezn, Obazda und ein kühles Bier: Auch Touristen liebe die Münchner Biergartenkultur.
Foto: Stock Adobe
Liz schaut aus dem Fenster, vor ihr liegt die Maximilianstraße. Terrakottabauten, edle Boutiquen, links die Oper mit den imposanten Säulen. Eine Opernaufführung hätte sie gerne besucht, aber ihr fehlt die Zeit, sagt Liz. Nur eines wollte sie unbedingt sehen: Schloss Neuschwanstein. Das Ticket hat sie schon vor Wochen gebucht, morgen ist es soweit. „Oh, that’s lovely“, sagt Liz und deutet nach draußen. Die Isar fließt vorbei, rechts die Praterinsel, weiter vorn thront das Maximilianeum und schon fährt der Bus durchs beschauliche Haidhausen. Niedrige Häuser, enge Gassen und am Wiener Platz ragt ein blau-weißer Maibaum in die Höhe. Bayern wie aus dem Bilderbuch, der Bus hält, zwei Touristen steigen aus und gehen Richtung Hofbräukeller, Liz bleibt sitzen. Ob sie schon mal im Biergarten war? Sie schüttelt den Kopf. Erleben würde sie das ja schon gerne mal, aber lieber im Sommer. Und aufs Oktoberfest? Liz winkt ab, zu viel Trubel.
Knapp 20 Millionen Übernachtungen verzeichnet München im Jahr
Sechseinhalb Millionen Menschen haben die Wiesn im vergangenen Jahr besucht. Der überwiegende Teil kommt aus München und dem Umland, an einem Wiesn-Samstag sind aber auch mal 30 Prozent der Gäste aus dem Ausland. Touristisch lässt sich die Wiesnzeit aber noch toppen, nicht nur, wenn Taylor Swift, Adele und Coldplay in München spielen und Millionen Fußballfans zur Europameisterschaft anreisen wie im Sommer vor zwei Jahren. Das erfolgreichste, touristische Jahr in München seit Beginn der Aufzeichnungen 1912, steht in der Tourismusbilanz. Knapp 20 Millionen Übernachtungen verzeichnete die Stadt damals.

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Als Superstar Taylor Swift im Rahmen ihrer „The Eras Tour“ 2024 zwei Konzerte in München spielte, war der Olympiaberg voll. Fans aus aller Welt kamen nach München.
Foto: Felix Hörhager, dpa
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Als Superstar Taylor Swift im Rahmen ihrer „The Eras Tour“ 2024 zwei Konzerte in München spielte, war der Olympiaberg voll. Fans aus aller Welt kamen nach München.
Foto: Felix Hörhager, dpa
Im vergangenen Jahr kamen zwar weniger Superstars, aber ähnlich viele Besucher. Die allermeisten, knapp zwei Millionen, waren im Juli in München. Ein Sommertag an der Isar ist eben doch attraktiver als ein Tag im Bierzelt. Auch Januar, April, Mai, September, Oktober und Dezember sind beliebt. In der Tourismusbilanz heißt es dazu: Die Verteilung der Übernachtungen war ausgewogen und zeigt, dass die Bemühungen um eine Entsaisonalisierung greifen. Entsaisonalisierung? Mal bei der Stadt nachfragen, was genau damit gemeint ist. Man wolle die touristische Nachfrage möglichst gleichmäßig über das Jahr verteilen, teilt eine Sprecherin mit. Überlastungen in Hochphasen sollen vermieden und schwächere Zeiten für Betriebe und Beschäftigte gestärkt werden. Wie das gelingt? Die Stadt setze auf Kongresstourismus und einen ganzjährig attraktive Veranstaltungskalender. Messen wie die IAA, Bauma oder Intersolar, Sportveranstaltungen, Events und Kultur- und Freizeitangebote würden München zu einem saisonunabhängigen Städtereiseziel machen. Alles bestens also, solange es nicht in der ganzen Stadt zugeht wie am Stachus.

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Am Stachus ist immer was los. Zahlreiche Besucher spazieren am Karlsplatz durch die Fußgängerzone.
Foto: Lino Mirgeler, dpa
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Am Stachus ist immer was los. Zahlreiche Besucher spazieren am Karlsplatz durch die Fußgängerzone.
Foto: Lino Mirgeler, dpa
Der ähnelt wie immer einem hektischen Wimmelbild. Der Bus hält, das junge Paar aus Kiew steigt aus, eine Familie steigt ein. Rona, Ruel und Tochter Finley von den Philippinen. Seit zwei Tagen sind sie in der Stadt, erzählen sie, ein paar Tage wollen sie noch bleiben, bevor es zum Familienbesuch nach Italien weitergeht. Was ihnen an München gefällt? Die Stadt fühle sich laid back an, sagt Rona. Entspannter als erwartet, bayerische Gemütlichkeit halt. Sie arbeite für eine deutsche Bank, sagt Rona, ist mit der deutschen Mentalität vertraut, aber dass die Geschäfte um acht Uhr abends zu machen und am Sonntag gar nicht erst auf, das hat sie wirklich überrascht. Und auch das Wetter hat sie kalt erwischt. „Wir haben uns erst mal dicke Jacken besorgt“, sagt Rona und lacht. Abgesehen davon sei die Stadt sehr schön, die alten Häuser, die Kirchen, der Marienplatz mit den vielen, talentierten Musikern. My favourite place, sagt Rona und zeigt ein Handy-Video von einer Saxophon-Spielerin, die am Bogen vor dem alten Rathaus steht. Ein kostenloses Konzert unter freiem Himmel, das gebe es auf den Philippinen nicht, da würde die Polizei kommen.

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Ruel, Rona und Finley kommen von den Philippinen und sein für einige Tage in München.
Foto: Felicitas Lachmayr
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Ruel, Rona und Finley kommen von den Philippinen und sein für einige Tage in München.
Foto: Felicitas Lachmayr
Der rote Doppeldeckerbus hält. Hauptbahnhof. Rona, Ruel und Finley steigen aus, bitten noch um ein Foto, dann ziehen sie los. Sie wollen ein Restaurant mit typical german food finden. Auch Liz aus Kanada steigt aus, sie freut sich auf morgen, wenn Schloss Neuschwanstein nicht mehr nur ein Postkartenmotiv ist. Auf dem Gehsteig neben dem Bus stehen zwei Fahrer. War wenig los heute, sagt der eine. Wird sich bald ändern, meint der andere. Wenn an Ostern die Sonne scheint, machen wir das Verdeck auf, dann brennt die Hütte wieder. Für heute war es die letzte Fahrt.
Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Archiv, wir wollen Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 28. März veröffentlicht.
Felicitas Lachmayr
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München
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