Der mehr als fünfwöchige Krieg von USA und Israel gegen den Iran hat neue Realitäten im Nahen Osten geschaffen – aber andere, als die Angreifer angestrebt hatten. Das iranische Regime hat den Krieg trotz schwerer Verluste nicht nur überlebt, sondern geht gestärkt aus dem Konflikt hervor.

Teheran pocht auf die dauerhafte Kontrolle über die Straße von Hormus und verlangt den Abzug des US-Militärs aus Nahost. Die iranischen Erfolge sind der Grund dafür, dass sich Israel der Feuerpause nur widerwillig beugt und seinen Krieg im Libanon fortsetzen will. Die USA sind trotz militärischer Übermacht die Verlierer. Vom Frieden bleibt die Region weit entfernt.

US-Präsident Donald Trump zog in der Nacht zum Mittwoch seine Drohung zurück, die „ganze Zivilisation“ im Iran mit massiven Luftangriffen auszulöschen, und stimmte einem Vorschlag von Vermittler Pakistan für eine 15-tägige Waffenruhe zu. In dieser Zeit wollen die USA und der Iran ab Freitag in Islamabad über eine dauerhafte Friedensvereinbarung verhandeln, wie Pakistans Premier Shehbaz Sharif, mitteilte.

Pakistan erklärte, die Feuerpause gelte auch für den Libanon, wo Israel gegen die pro-iranische Hisbollah-Miliz kämpft, doch Israel widersprach und setzte den Feldzug fort.

Grundlage für die Gespräche in Islamabad ist ein iranischer Zehn-Punkte-Plan, wie Trump bestätigte. Nach Angaben des US-Präsidenten haben Washington und Teheran in bisherigen Kontakten bereits große Fortschritte gemacht. Die USA hätten einen „totalen und kompletten Sieg“ errungen, sagte Trump der Nachrichtenagentur AFP.

Danach sieht es allerdings nicht aus. Die zehn Punkte enthalten laut iranischen Staatsmedien die Forderungen nach einer dauerhaften iranischen Kontrolle über die Straße von Hormus, einer Aufhebung aller Sanktionen und einer Nichtangriffs-Garantie der USA. Außerdem verlangt Teheran den Abzug des US-Militärs aus dem Nahen Osten und das Recht, weiter Uran anzureichern. 

Das Regime in Teheran feierte sich als Sieger des Konflikts. „Der Feind hat eine klare, historische und vernichtende Niederlage erlitten“, erklärte der iranische Sicherheitsrat. Der Iran habe „das kriminelle Amerika“ dazu gezwungen, die zehn Punkte als Verhandlungsgrundlage zu akzeptieren. Regimeanhänger feierten in der Nacht zu Mittwoch auf den Straßen iranischer Städte.

Tatsächlich haben USA und Israel wichtige Ziele verfehlt: Die Diktatur der Islamischen Republik in Teheran wurde nicht beendet, der Iran hat seinen Vorrat an 440 Kilogramm hoch angereichertem Uran, das für den Bau einer Atombombe verwendet werden könnte, nicht herausgegeben. Trotz heftiger Bombardements behielt der Iran genügend Raketen und Drohnen für Gegenangriffe.

Vor allem aber hat sich der Iran im Krieg die Kontrolle über den Tankerverkehr durch die Straße von Hormus gesichert. Trump erklärte zwar, der Iran werde den Schiffsverkehr durch die Meerenge sofort und vollständig freigeben. Doch nach iranischer Darstellung dürfen Schiffe nur „nach Koordination mit den iranischen Streitkräften“ die Meeresstraße passieren. Zudem will der Iran Mautgebühren in Höhe von zwei Millionen Dollar pro Schiff erheben. 

Die größten Verlierer sind die arabischen Golfstaaten. Sie hatten auf den Schutz der USA vor iranischen Angriffen gehofft und wurden enttäuscht. Sie haben durch iranische Angriffe wirtschaftliche Milliardenverluste erlitten, und ihr Ruf als stabiler Investitionsstandort und als sicheres Urlaubsziel ist nachhaltig erschüttert. Zudem müssen sie ab sofort mit einem selbstbewussteren Iran umgehen.

Das Ergebnis des Krieges sei „eine gewaltige strategische Niederlage für die USA“, schrieb der Politologe Robert Pape von der Universität Chicago auf X: „Die größte Niederlage seit Vietnam.“ Dagegen steige der Iran in die Riege der Weltmächte auf. Man müsse fragen, was mit diesem Krieg eigentlich bezweckt werden sollte, kommentierte der Iran-Experte und frühere Mitarbeiter des israelischen Militärgeheimdienstes, Danny Citrinowicz, ebenfalls auf X.

Sollte der Iran nach den nun anstehenden Verhandlungen immer noch „nukleare Kapazitäten“ besitzen, werde die neue Realität im Nahen Osten aus Sicht von USA und Israel schlechter aussehen als vorher.

Viel hängt davon ab, inwieweit sich Israel an die Absprachen gebunden fühlt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnet es als seine Lebensaufgabe, das iranische Regime zu stürzen. Laut Medienberichten versuchte er noch in den vergangenen Tagen, Trump von einer Waffenruhe abzubringen.

Die tiefe Feindschaft zwischen Israel und dem Iran besteht weiter. Zudem ist das radikalisierte Regime in Teheran entschlossen, auch weiterhin anti-israelische Gruppen wie die Hisbollah zu unterstützen.

Der Konflikt könnte deshalb trotz der zweiwöchigen Waffenruhe wieder aufflammen. Die geplanten Verhandlungen in den kommenden zwei Wochen „bedeuten nicht das Ende des Krieges“, erklärte der iranische Sicherheitsrat. Der Iran gehe mit „absolutem Misstrauen“ gegenüber den USA in die Gespräche. „Unsere Finger sind am Abzug.“