Martin Lewicki

8. April 2026, 20:52 Uhr |
Lesezeit: 4 Minuten

Spätestens während der Corona-Pandemie eskalierte der Streit zwischen Impfgegnern und -befürwortern. Eine aktuelle Studie spricht für die Position der Impfbefürworter, wenn auch mit einem eher unerwarteten positiven Impfeffekt. Denn offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen einer hochdosierten Grippeimpfung und einem geringeren Alzheimer-Risiko.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt vor allem älteren Menschen ab 60 Jahren sowie Risikogruppen (z. B. chronisch kranke Personen, Gesundheitspersonal etc.) eine jährliche Impfung gegen saisonale Influenza.1

Umgangssprachlich sprechen wir von der Grippeimpfung, die vor einem schweren Verlauf der Krankheit schützt. Doch US-Forscher des Massachusetts General Hospital in Boston haben in einer Studie einen weiteren positiven Effekt identifiziert. Ihrer Untersuchung nach gibt es einen Zusammenhang zwischen einem hochdosierten Grippeimpfstoff und einem geringeren Risiko für ältere Erwachsene, an Alzheimer-Demenz zu erkranken.2

Was haben die Forscher untersucht?

In die vorliegende Studie wurden ausschließlich ältere Erwachsene einbezogen, die eine Grippeimpfung erhalten hatten. Die Probandendaten stammen aus den Jahren 2014 bis 2019 aus der US-amerikanischen Gesundheitsdatenbank „IQVIA PharMetrics Plus for Academics“. Alle Studienteilnehmer waren mindestens 65 Jahre alt, hatten mindestens zwei Jahre lang durchgehend eine Kranken- und Arzneimittelversicherung und wiesen keine Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung auf.

Alle hatten eine Grippeschutzimpfung erhalten und wurden anschließend zwei bis drei Jahre lang gesundheitlich beobachtet. Eine in diesem Zeitraum neu auftretende Alzheimer-Demenz wurde anhand von Diagnose-Codes oder Abrechnungen für eines von vier zur Behandlung von Alzheimer-Symptomen eingesetzten Medikamenten definiert.

Die Forscher definierten alle in den USA während des Untersuchungszeitraums für Personen ab 50 Jahren zugelassenen Grippeimpfstoffe in der Normaldosis als Standardimpfstoffe. Der einzige im Dezember 2009 von der FDA (US-amerikanische Behörde für Lebens- und Arzneimittel) für Personen ab 65 Jahren zugelassene Hochdosis-Impfstoff war eine konzentrierte Formulierung namens „Fluzone High-Dose Quadrivalent“.

Das Durchschnittsalter in beiden Gruppen lag bei 74 Jahren, 57 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Insgesamt erhielten über 120.000 Studienteilnehmer die hochdosierte Impfung und rund 44.000 die Standarddosis.

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Welchen Zusammenhang gibt es zwischen einer Hochdosis-Grippeimpfung und Alzheimer-Risiko?

Die Auswertung der Daten ergab, dass die hochdosierte Grippeimpfung im Vergleich zu Impfungen mit einer Standarddosis in den ersten 25 Monaten nach der Impfung mit einem geringeren Risiko für Alzheimer-Demenz verbunden war.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die höhere Dosis im Vergleich zur Standarddosierung eine Risikoreduzierung um etwa 20 Prozent bewirkte“, erklärte Dr. Paul Schulz, Co-Autor der Studie in einer Pressemitteilung der McGovern Medical School at UTHealth Houston.3 Er ergänzte, dass es besonders interessant sei, dass die Reduzierung des Risikos in den ersten Monaten nach der Injektion am größten ist. Gerade wenn der Impfstoff gleichzeitig vor dem Influenzavirus schützt. Interessant: Die Forscher vermuten, dass die Effekte in den ersten sieben Monaten teils auf noch nicht diagnostizierte Erkrankungen zurückgehen könnten.

Zudem hatten Frauen, die eine hochdosierte Grippeimpfung erhielten, in den ersten 13 Monaten ein deutlich niedrigeres Alzheimer-Risiko als Männer. Bei Männern war das Risiko für Alzheimer-Demenz hingegen in den Monaten 17 bis 24 nach der hochdosierten Impfung geringer.

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Forscher fanden bereits in früheren Untersuchungen Hinweise für den Zusammenhang

Die vorliegende Studie ist die jüngste in einer Reihe von Untersuchungen des Forschungsteams. Seit Jahren analysieren sie den Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Risiko insbesondere für Alzheimer-Demenz.

„Unsere erste Veröffentlichung aus dem Jahr 2022 ergab, dass eine Grippeimpfung das Alzheimer-Risiko um bis zu 40 Prozent – bei sechs jährlichen Impfungen – über einen Zeitraum von bis zu acht Jahren senkt“, erklärte Dr. Schulz gegenüber dem Nachrichtenportal „MedPage Today“. Das führte dazu, dass er und sein Team der Frage nachgingen, ob dies spezifisch für die Grippeimpfung gilt.

So folgte im Jahr 2023 eine weitere Studie, die zeigte, dass jede der untersuchten Impfungen (Tetanus und Diphtherie, Herpes zoster (Gürtelrose) und Pneumokokken) mit einem später geringeren Alzheimer-Risiko verbunden war.

„Dies deutete darauf hin, dass die Senkung des Alzheimer-Risikos eine allgemeine Eigenschaft von Impfungen ist und nicht spezifisch für die Grippeimpfung gilt“, kommentiert Dr. Schulz. Daraus folgte die Frage, ob es einen echten Zusammenhang gab. Oder ob Menschen, die sich impfen lassen, möglicherweise generell gesünder leben. Und das führte wiederum zu der aktuellen Studie.

Einschränkungen der Studie

Die Forscher weisen selbst darauf hin, dass die Sterbedaten der Studienteilnehmer in der aktuellen Studie fehlten. Dies könne darauf hindeuten, dass das Alzheimer-Risiko unterschätzt wurde. Zudem räumten die Forscher ein, dass die Alzheimer-Demenz eine lange präklinische Phase hat. Die Nachbeobachtungsdauer von bis zu drei Jahren könnte zu kurz sein. Dies könnte eine weitere Einschränkung sein, obwohl diese Studie mit anderen Studien vergleichbar ist, die sich mit Impfungen und dem Demenzrisiko befassen.

Die US-Forscher fordern weitere Studien, um zu klären, ob der Effekt auf Influenza-Schutz oder andere Faktoren wie den Lebensstil zurückgeht.