Störung statt Zerstörung?

Bei Alzheimer nahm man bisher an, dass die Gedächtnisverluste primär durch die Zerstörung der Hirnsubstanz verursacht werden – gerade im Hippocampus gehen im Zuge der Demenz oft besonders viele Neuronen zugrunde. Doch Düzel und sein Team haben anhand der aktuellen Forschungslage ein neues Modell aufgestellt. Nach diesem „Circuit Utilization Framework“ geht zumindest ein Teil der Gedächtnisprobleme – vor allem zu Beginn der Demenz – nicht auf Hirnzellverluste zurück, sondern nur auf eine gestörte Zusammenarbeit der Hirnnetzwerke.

Ein Teil der Gedächtnisstörungen könnte demnach darauf zurückzuführen sein, dass bestehende Verbindungen nicht mehr optimal aktiviert oder koordiniert werden. Die Neuronen und funktionellen Verknüpfungen des episodischen Gedächtnisnetzwerks sind demnach noch vorhanden. Aber die Synapsen, die die nötigen Signale weiterleiten, sind dereguliert: Einige reagieren zu schwach, andere dagegen zu stark, wie die Forscher berichten. Die Folge ist eine Dysbalance, die die Funktion des Gedächtnisses stört.

„Wir sehen Hinweise darauf, dass noch erhaltene Funktionskapazitäten im Gehirn nicht mehr zuverlässig genutzt werden können“, sagt Düzel. „Das eröffnet die Möglichkeit, gezielt an der Funktionsweise dieser Netzwerke und Schaltkreise anzusetzen.“

Wo Therapien ansetzen könnten

Nach Ansicht des Teams sollten Alzheimer-Therapien daher nicht allein darauf ausgelegt sein, die fortschreitende Zerstörung der Hirnzellen zu stoppen. Zusätzlich sei es sinnvoll, auch die noch vorhandenen, nur in ihrer Funktion gestörten Hirnnetzwerke und Kapazitäten zu stärken. Solche Therapien könnten helfen, einige Symptome der Demenz zu bessern und in Teilen sogar wieder rückgängig zu machen, wie Düzel und seine Kollegen erklären.

Konkret könnte man beispielsweise an der Funktion der Synapsen ansetzen, indem man deren übersteigerte oder zu geringe Aktivität durch Medikamente reguliert. Auch eine gezielte Stimulation bestimmter Hirnareale durch elektrische oder magnetische Verfahren könnte die Alzheimer-bedingten Dysbalancen mindern, so die Wissenschaftler. Erste klinische Studien mit Patienten in frühen Alzheimer-Stadien haben bereits gezeigt, dass eine solche Stimulation insbesondere des Hippocampus das Gedächtnis wieder messbar verbessern kann.

„Wir müssen dieses Wissen besser klinisch nutzen“

„Das Gehirn hat mehr Möglichkeiten, als wir lange gedacht haben“, sagt Düzels Kollege Michael Kreutz. „Aber wir verstehen erst ansatzweise, wie wir dies gezielt fördern können.“ Einige Verfahren werden bereits im Rahmen von Studien untersucht. Allerdings ist noch offen, in welchem Umfang sich Gedächtnisleistungen im Alltag verbessern lassen und bei wem. Auch Fragen zu Kosten und Verfügbarkeit solcher Behandlungen sind noch offen.

Dennoch sehen die Forscher in ihren Erkenntnissen einen vielversprechenden Ansatz. „Wir müssen dieses Wissen besser klinisch nutzen“, sagt Düzel. „Es ist Zeit, Gedächtnisprobleme bei Alzheimer auf der Ebene von Schaltkreisen und Rechenprozessen zu betrachten. So können wir besser verstehen, welche Prozesse im Gehirn gestört sind und gezielter Interventionen entwickeln und einsetzen.“ Das könnte helfen, noch erhaltene Ressourcen des Gehirns zu mobilisieren und zu stärken. (Nature Reviews Neurology, 2026; doi: 10.1038/s41582-026-01189-9)

Quelle: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg







9. April 2026

– Nadja Podbregar