TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
„Das hätte ich doch auch malen können.“ Dieser Gedanke stellt sich erstaunlich oft ein, wenn man vor einem Kunstwerk steht. Gefolgt von: „Und dafür ein paar Tausend Euro oder Millionen?“ Preise auf dem Kunstmarkt wirken bisweilen absurd. Der Direktor Thomas Köhler (60) von der Berlinischen Galerie versucht, sie zu erklären.
Zunächst räumt Köhler mit einer naheliegenden Annahme auf: Kunst sei nicht deshalb teuer, weil sie schwer herzustellen ist. „Ich habe großen Respekt vor künstlerischen Tätigkeiten“, sagt er. „Aber der Preis eines Werkes hat am Ende wenig mit Material oder Aufwand zu tun.“ Jedem Werk gehe ein Prozess voraus – eine Auseinandersetzung, oft auch eine Krise. Kunst sei Ausdruck von Haltung und Perspektive.
Thomas Köhler leitet seit 2010 die Berlinische Galerie. Der Kunsthistoriker arbeitete zuvor unter anderem am Museum für Moderne Kunst Frankfurt und am Whitney Museum in New York.

Thomas Köhler (60) ist Direktor der Berlinischen Galerie in Berlin
Foto: Harry Schnitger
Millionenpreise und ihre Logik
Doch wie lässt sich erklären, dass Werke wie „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci für rund 383,6 Millionen Euro oder das „Bildnis Elisabeth Lederer“ von Gustav Klimt für mehr als 204 Millionen Euro verkauft werden? „Solche Summen bewegen sich fast schon im Reich der Märchen“, sagt der Kurator – und dennoch kommen sie zustande.
„Kunst ist ein Statussymbol. Die Einzigartigkeit des Kunstwerks geht auf den Besitzer über“, so Köhler. „Es löst eine Emotion aus und lässt einen Zauber entstehen.“ Und dieser Zauber führt dazu, dass Menschen bereit sind, Preise zu zahlen, die rational kaum zu rechtfertigen sind. Wer kauft, kauft nicht nur ein Objekt, sondern ein Gefühl.
Einfluss der Öffentlichkeit
Doch das allein erklärt die Preise nicht. Entscheidend ist laut dem Kunsthistoriker auch, was andere bereit sind zu zahlen und wie die Öffentlichkeit auf das Kunstwerk reagiert. Auch der Kunstmarkt lebt von Angebot und Nachfrage. „Wenn es von einem Künstler nur wenige Werke gibt, entsteht automatisch ein Wert, den man nicht wiederherstellen kann.“ Ein Bild ist dann nicht nur ein Gegenstand, sondern ein Unikat mit Geschichte.

Porträt der Elisabeth Lederer von Gustav Klimt
Foto: picture alliance/Pacific Press
„Es gibt künstlerische Positionen, die sind total beliebt und erfahren enorme Preisanstiege“, sagt Köhler. „Und dann ändert sich der Blick wieder.“ Was heute gefeiert wird, kann morgen schon aus der Mode geraten. Wer in Kunst investieren möchte, sollte sich laut Köhler an „Blue-Chip-Art“ orientieren – also an Künstlern, deren Werke als besonders wertstabil gelten. Namen wie Pablo Picasso, Andy Warhol, Claude Monet oder Gerhard Richter stehen für diese Kategorie. Ihre Werke sind rar, ihr Ruf gefestigt, ihre Preise durch Auktionen bestätigt. Doch der Einstiegspreis ist hoch und das Risiko, beim Verkauf nicht die gewünschte Summe zu erhalten, bleibt.
Vorsicht vor Hypes
Denn auch im Kunstmarkt gibt es Übertreibungen. „Nicht alles, was kurzfristig im Trend liegt, hat langfristig Bestand. Wie in der Musik gibt es auch in der Kunst Hits, die kommen und wieder verschwinden“, so Köhler.
Für Einsteiger mit begrenztem Budget gilt: Man sollte sich junger, noch nicht etablierter Kunst zuwenden. Ein gutes Gespür gehört ebenfalls dazu – und im besten Fall auch das richtige Gefühl. „Das Investieren ist mir zu pragmatisch, zu kalt“, sagt er. „Es muss ein bisschen mehr brennen.“ Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage nach dem Wert der Kunst: Sie ist nicht nur das, was sie kostet – sondern das, was sie auslöst.