Anna Echtermeyer

8. April 2026, 12:53 Uhr |
Lesezeit: 5 Minuten

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass man direkt nach sehr anstrengendem Sport kaum Hunger hat? Das liegt daran, dass der Spiegel des „Bewegungssignals“ Lac-Phe in diesem Moment sehr hoch ist, das den Appetit unterdrückt. Forscher haben nun festgestellt, dass das verbreitete Diabetes-Medikament Metformin diesen Spiegel auch ohne Bewegung anhebt. Besonders für geschwächte Krebspatienten könnte das gesundheitsfördernde Vorteile bieten.

Metformin lässt Körper offenbar glauben, er habe intensiv trainiert

Viele Krebspatienten leiden unter starker Erschöpfung oder Schmerzen, die intensives Training unmöglich machen. Gleichzeitig führen solche Behandlungen – insbesondere Hormontherapien bei Prostatakrebs – häufig zu massiver Gewichtszunahme. Forscher des Sylvester Comprehensive Cancer Center an der University of Miami Miller School of Medicine haben deshalb untersucht, ob das verbreitete und als sicher geltende Diabetes-Medikament Metformin auch bei Krebspatienten spezifische Stoffwechselsignale aktiviert, die normalerweise durch Sport ausgelöst werden. Die Untersuchung ergab, dass Metformin die Konzentration des Bewegungssignals Lac-Phe im Blut signifikant erhöht. Es entsteht sonst bei besonders intensiven körperlichen Belastungen, wie Sprinten oder intensivem Krafttraining. Insbesondere für Patienten, die keinen Sport treiben können, könnte das eine Hilfe sein.

So gingen die Forscher vor, das fanden sie heraus

Das Team um Dr. Marijo Bilusic und Dr. Priyamvada Rai analysierte Serumproben von 37 Probanden mit Prostatakrebs aus zwei verschiedenen Patientengruppen, um die Wirkung von 1000 Milligramm Metformin (zweimal täglich) auf den Stoffwechsel von Prostatakrebs-Patienten zu bestimmen.1

Mittels Massenspektrometrie konnten sie zeigen: Metformin hebt die Lac-Phe-Spiegel robust und konsistent auf Werte an, die bei gesunden Menschen nach sehr anstrengender körperlicher Betätigung im Blut nachweisbar sind (0,1 bis 1,7 Mikromolar). Zum Vergleich: Bei nicht-diabetischen gesunden Personen liegen die Lac-Phe-Werte nach dem Sport üblicherweise im Bereich von 0,1 bis 0,25 µM. Ein Mikromolar (µM) entspricht einem Millionstel Mol pro Liter.

Was ist Lac-Phe und wie wirkt es? Das Molekül Lac-Phe (N-Lactoyl-Phenylalanin) entsteht im Körper immer dann, wenn gerade eine hohe Stoffwechselleistung erbracht wurde. Es bildet sich aus Milchsäure, die bei intensiver Belastung in den Muskeln entsteht, und der Aminosäure Phenylalanin. Seine Aufgabe besteht darin, dem Gehirn die Botschaft zu übermitteln, die Nahrungsaufnahme zu stoppen. Es unterdrückt den Appetit. Diese Appetitzügelung wird als ein wesentlicher Mechanismus angesehen, durch den Sport seine gewichtsregulierenden und gesundheitsfördernden Vorteile entfaltet.

Weitere Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass die Erhöhung des Lac-Phe-Spiegels unabhängig vom Krankheitsstadium, dem Body-Mass-Index oder einer gleichzeitigen Hormontherapie eintritt.

Der Effekt hatte auch keinen direkten Einfluss auf das Tumorwachstum oder den PSA-Wert. Das prostataspezifische Antigen (PSA) ist ein wichtiger Blutwert zur Früherkennung und Überwachung von Prostatakrebs.

Die Erhöhung des Lac-Phe-Spiegels führt auch zu einem deutlich verbesserten Gewichtsmanagement während der Krebstherapie der Probanden.

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Lac-Phe für Gewichtsverlust durch Metformin verantwortlich

Metformin „weckt“ neben Lac-Phe auch das Hormon GDF-15 auf. Frühere Studien schrieben den Gewichtsverlust durch Metformin vor allem GDF-15 zu: Es spielt eine Schlüsselrolle bei der Regulierung des Appetits, der Gewichtsabnahme und ist bspw. Hauptursache für Schwangerschaftsübelkeit. Die Forscher stellten nun aber fest: Immer, wenn ein Patient tatsächlich dünner wurde, war sein Lac-Phe-Wert besonders hoch. Bei GDF-15 gab es diesen klaren Zusammenhang nicht so stark.

Die Forscher vermuten daher, dass GDF-15 für den durch Metformin verursachten Gewichtsverlust möglicherweise gar nicht so entscheidend ist, wie man früher dachte. Lac-Phe ist offenbar eher das Molekül, das dem Körper das Signal gibt: „Hör auf zu essen und verbrenne Fett“ – fast so, als hätte man gerade richtig anstrengenden Sport gemacht.

Laut Dr. Priyamvada Rai, Professorin für Strahlenonkologie an der University of Miami Miller School of Medicine, beeinflusst die Unterstützung der metabolischen Gesundheit maßgeblich, wie gut Patienten ihre Behandlung vertragen und wie sie sich langfristig fühlen.2 Da Metformin ein weltweit verbreitetes, kostengünstiges und als sicher geltendes Medikament ist – die Kosten liegen teils bei nur wenigen Cent pro Tablette –, könnte es eine niedrigschwellige Lösung sein, um die Widerstandsfähigkeit und Lebensqualität von Patienten zu erhalten, deren körperliche Aktivität durch Fatigue oder Schmerzen eingeschränkt ist.

Es geht dabei nicht darum, Sport durch eine Pille zu ersetzen, sondern die lebenswichtigen biologischen Signalwege auch dann zu aktivieren, wenn Bewegung physisch kaum möglich ist.

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Womöglich auch für Nicht-Krebspatienten relevant

Die Erkenntnisse könnten auch für Nicht-Krebspatienten relevant sein: Die Forscher weisen darauf hin, dass die Verbindung zwischen Metformin und dem Anstieg von Lac-Phe zuerst bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und in anderen groß angelegten Gesundheitsstudien (wie der MESA-Studie) beobachtet wurde.3 Für diese Gruppe ist das Medikament bereits ein Standardmittel, und die Studie liefert nun eine genauere Erklärung dafür, warum es beim Abnehmen hilft.

Da Lac-Phe nachweislich den Appetit unterdrückt und die Fettverbrennung fördert, bietet der Mechanismus einen Ansatz für die Behandlung von Adipositas allgemein.

Einschränkungen der Studie und Fazit

Die Forscher betonen, dass es sich um eine vergleichsweise kleine Studie an 37 männlichen Probanden handelte. Da der Fokus ausschließlich auf Prostatakrebs lag, muss in zukünftigen Untersuchungen erst noch geklärt werden, ob dieser Metformin-Lac-Phe-Mechanismus auch bei anderen Krebsarten – und insbesondere bei weiblichen Patienten – in gleicher Weise funktioniert.

Dennoch bietet die Studie einen neuen Kontext für den Einsatz eines bekannten Medikaments: Metformin könnte in der Krebstherapie künftig als wertvolles Werkzeug dienen, um den Stoffwechsel zu stabilisieren und die negativen Folgen hormoneller Behandlungen abzufedern.

„Zu sehen, dass ein metabolisches Signal das widerspiegelt, was wir mit intensivem Sport assoziieren, war frappierend. Für Patienten, deren Symptome körperliche Aktivität einschränken, könnte dieser Effekt besonders bedeutungsvoll sein“, wird Dr. Marijo Bilusic, Mit-Autor der Studie und Prostatakrebs-Spezialist der University of Miami zitiert.

Die Quellen stellen jedoch klar, dass die Ergebnisse nicht bedeuten, dass eine Pille Sport vollständig ersetzen kann. Sport hat viele weitere Vorteile, die über das Lac-Phe-Signal hinausgehen.