Wien. Es ist eine Frage, die sich für die katholische Kirche mehr und mehr stellt. Was tun mit den vielen Kirchengebäuden, wenn die Kirchgänger immer weniger werden? Eine Bibliothek daraus machen, ein Museum? Ein Hotel oder ein Restaurant? Eine Kletterhalle – oder gar eine Diskothek, wie das anderswo passiert ist?

In Österreich ist man hier zurückhaltender als in manchen anderen Ländern, aber auch hierzulande bekommen Kirchen andere, profane Funktionen: Erst kürzlich hat die Erzdiözese Wien eine Kirche in Hirschwang an der Rax an eine GmbH verkauft, die sie als Kulturschauplatz mit Kapelle nutzen wird, im Vorjahr übernahm ein Künstler die Kirche Dreimal Wunderbare Muttergottes im zehnten Bezirk als Atelier – und in Steyr-Ennsleite steht aktuell die Pfarrkirche Heiliger Josef zum Verkauf.

Auch die Kirche Auferstehung Christi in Wien-Margareten – ein ab 1969 erbauter Stahlbetonbau in der Siebenbrunnenfeldgasse, der architektonisch ein bisschen auf die Mondlandung im selben Jahr referenziert, mit einem Tabernakel, der an eine Raumkapsel erinnert, wohl das bestimmende Thema jener Zeit – stand kurz vor dem Aus. „Rund fünf Jahre lang wurde in der Erzdiözese diskutiert und überlegt, was mit dieser Kirche passieren soll“, sagte Erzbischof Josef Grünwidl am Donnerstag: „Zusperren, verkaufen, umwidmen?“

Letztlich geschah weder das eine noch das andere, die Kirche wurde nicht profanisiert, sondern bleibt weiter Pfarrkirche im Pfarrverband Margareten, auch mit kirchlichem Angebot wie Messen am Samstag und Sonntag wie bisher – dafür allerdings mit einem erweiterten Auftrag: Am Donnerstag wurde ein Pilotprojekt vorgestellt, mit dem die Kirche ein Sakralort bleibt – aber gleichzeitig auch zu einem Sozial- und Begegnungszentrum wird. Unter dem Titel Kirchenschiff wird die Caritas künftig verschiedenste Angebote machen.

So gibt es hier nun etwa eine neue Kleider- und Lebensmittelausgabe. Im Winter wird es in einem Nebengebäude eine Wärmestube geben, außerdem wird Sozialberatung angeboten, ein Lernzimmer mit Nachhilfe. Zwei Seelsorgende begleiten Menschen vor Ort, auch kirchliche Angebote wird es geben. Und es gibt explizit Raum für weitere Vereine oder (Kultur-)Initiativen, die etwa aus der Nachbarschaft heraus entstehen, wie Co-Projektleiter Klemens Lesigang sagt.

„Hier zeigen wir, es ist möglich, eine Kirche weiterhin als Kirche zu nutzen, für Gottesdienste, aber dass es auch möglich ist, den Raum noch vermehrt zu nutzen“, sagte Caritas-Direktor Klaus Schwertner bei der Eröffnung mit unter anderem Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), Präsidentengattin Doris Schmidauer und dem Klosterneuburger Propst Anton Höslinger, der das Projekt finanziell unterstützt hat. „Es ist ein innovatives, neues, vielleicht bahnbrechendes Projekt.“

Erzbischof Grünwidl bezeichnet das Projekt gar als Flaggschiff: „Man kann eine Barockkirche oder eine gotische Kirche nicht so umwidmen“, sagt er. „Aber ich bin überzeugt, dass das ein Projekt wird, das in der Erzdiözese Wien Schule macht – in der Hinsicht, dass hoffentlich viele Pfarren sich überlegen: Wie können wir unsere Räume zur Verfügung stellen und sie öffnen für Menschen? Ich hoffe sehr, dass die Grundidee Schule macht.“

Bei der einen oder anderen Kirche wird es aber auch in Zukunft nicht nur um zusätzliche Funktionen gehen, sondern um ihr Bestehen insgesamt. Dass fünf bis zehn Kirchen pro Jahrzehnt geschlossen werden – wie die Erzdiözese vor einiger Zeit bereits in den Raum gestellt hat – hält Grünwidl im „Presse“-Gespräch für realistisch. Konkretere Zahlen nennt er nicht.

„Wir sind gerade dabei, ein pastorales Gebäudekonzept zu erstellen, bei dem wir uns alle Pfarren anschauen: Wie viele Gebäude haben wir – es geht ja nicht nur um die Kirchen, es geht um Pfarrhöfe, Pfarrsäle, um Seelsorgeräume – und wie viele brauchen wir, was können wir uns leisten?“ Rund 1000 Kirchen besitzt die Erzdiözese in Wien und Niederösterreich, rund 1700 weitere Gebäude.

Priorität habe – wie schon bisher – der Weg, Kirchen an christliche Schwesterkirchen abzugeben. 2024 wurde etwa St. Michael in Mödling an die rumänisch-orthodoxe Gemeinde übergeben, sieben weitere gingen in den vergangenen Jahren an andere christliche Gemeinschaften (etwa Maria vom Siege, die Pfarrkirche am Schöpfwerk oder die Neulerchenfelder Kirche). „Gerade in ländlichen Regionen ist das nicht so einfach, da müssen wir noch innovativ werden“, sagt Grünwidl. „Aber das heutige Projekt macht mir Hoffnung.“

Auch die Pfarren werden in Wien (weiterhin) weniger werden: Rund 600 gibt es derzeit. Man werde all diese Gemeinschaften am Leben erhalten, sagte Erzbischof Grünwidl – aber nicht mehr alle in einer eigenständigen Pfarre.

Abgegebene Kirchen

Die Erzdiözese Wien hat in der jüngeren Vergangenheit zunächst Behelfskirchen wie die 1915 in einem Lazarett in der Hasenleitengasse errichtete „Russenkirche“ aufgegeben, aber etwa auch die „Voestkirche“ in Stadtau, die durch veraltete Stahlbauweise unbenützbar geworden war. Dazu kamen in den letzten 15 Jahren zehn reguläre Kirchen, die meisten gingen an koptisch-, serbisch-, syrisch- und rumänisch-orthodoxe Gemeinschaften.