Monatelang war der Begriff in aller Munde: „Sky Shield“. ÖVP und FPÖ stritten im Nationalratswahlkampf 2024 um Österreichs Teilnahme an der Initiative. Die Blauen sahen dadurch Österreichs Neutralität gefährdet, die ÖVP kritisierte die freiheitliche Ablehnung als „Sicherheitsrisiko“. In den blau-türkisen Koalitionsverhandlungen galt das Projekt dann gar als ein maßgebliches Hindernis. Seither ist es um „Sky Shield“ ruhiger geworden. Ist die Initiative eingeschlafen? Wie steht es derzeit um Österreichs Luftabwehr? Die „Presse“ sprach darüber mit dem Fachjournalisten Martin Rosenkranz von „Militär Aktuell“.

„In ,Sky Shield‘ ist weiß Gott was hineininterpretiert worden. Es ist aber keine militärische Organisation, die über ein Hauptquartier, einen Kommandanten und einen Stab verfügt. Es gibt da also auch niemanden, der Befehle erteilt“, sagt Rosenkranz. Vielmehr habe Deutschland mit seiner „European Sky Shield Initiative“ eine Vermarktungsplattform schaffen wollen: „Die Deutschen wollten damit ihre Fliegerabwehr-Systeme verkaufen.“ Konkret handelt es sich um zwei Systeme. Erstens der Fliegerabwehr-Turm Skyranger 30 von Rheinmetall und zweitens Iris-T-SLM von Diehl Defence – ein bodengebundenes Luftabwehrsystem für die mittlere Reichweite (bis zu 50 Kilometer Reichweite in einer Höhe von bis zu 25 Kilometern).

„Die Idee war, eine Gruppe von Staaten zu bilden, damit sie gemeinsam die Systeme kaufen und einen besseren Preis bekommen. Zugleich wird bei der Ausbildung, Wartung und bei Übungen kooperiert“, sagt Rosenkranz. Insgesamt traten 23 Staaten der Initiative bei – auch Österreich schloss sich 2024 an. Nicht dabei sind hingegen Frankreich und Italien: „Für die war das uninteressant, weil sie es nur als deutsches Verkaufsvehikel gesehen haben.“

Durch den Beitritt wird den Staaten ermöglicht, die deutschen Systeme billiger zu bekommen. Sie sind aber nicht verpflichtet, sie zu kaufen. Vielmehr zeigt sich, dass die Länder unterschiedlich vorgehen und ein Kauf über „Sky Shield“ nur eine von mehreren Optionen ist. „Viele Länder, die Teil der Initiative sind, haben ganz andere Systeme gekauft. Finnland, Tschechien, die Slowakei und Rumänien haben israelische Systeme beschafft. Die sind bei Sky Shield dabei, für sie hat das Ganze aber keine Auswirkungen“, sagt Rosenkranz. Andere Staaten wie Dänemark, Slowenien und die Schweiz haben über die Initiative hingegen Iris-T-Systeme gekauft. In Österreich ist die Entscheidung für ein System noch nicht gefallen: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) hat angekündigt, dass es heuer so weit sein soll.

Welche Waffen könnte Österreich kaufen?

Dass Österreich das deutsche System Iris-T-SLM über die „Sky Shield“-Initiative kauft, ist gut möglich. So erklärte Tanner bereits im September 2023, dass Österreich plane, diese Systeme zu beschaffen. Später hieß es jedoch, dass keine Typentscheidung gefallen sei. Dieses Vorgehen kritisierte im vergangenen Jahr die Beschaffungs-Prüfkommission des Bundesheeres, denn dadurch werde das Vergabeverfahren „präjudiziert“. Das Verteidigungsministerium wies das zurück.

Rosenkranz verweist darauf, dass neben Iris-T-SLM andere Systeme außerhalb von „Sky Shield“ infrage kommen – darunter SAMP/T oder CAMM-ER des europäischen Konsortiums MBDA oder die israelischen Systeme Barak-MX oder Spyder. Im Verteidigungsressort werden die Systeme derzeit analysiert; danach entscheidet die Politik. Finanziert werden kann die Beschaffung nur, wenn, wie vorgesehen, die Militärausgaben im Doppelbudget 2027/2028 deutlich ansteigen. 

Wie ist das Bundesheer derzeit ausgerüstet?

Derzeit sind die Fähigkeiten des Bundesheeres bei der bodengebundenen Luftabwehr eingeschränkt. Ziele lassen sich nur in einer sehr kurzen Reichweite bekämpfen. Etwa durch die Fliegerabwehrlenkwaffen Mistral, die modernisiert werden. Sie können Ziele in einer Entfernung von bis zu 6000 Metern und 3000 Metern Höhe treffen. Die 35-Millimeter-Fliegerabwehrkanonen werden ebenso modernisiert, weiters werden 36 Skyranger-Fliegerabwehrtürme gekauft. „Man kann sie gegen fast alles einsetzen, was in deren kurze Reichweite kommt“, erklärt Rosenkranz. So lassen sich einzelne Objekte oder Truppen im Einsatz schützen.

Um größere Bereiche zu verteidigen, braucht es Systeme für die mittlere Reichweite. Sie könnten Gefahren wie Kampfjets und Marschflugkörper bekämpfen: „Letztere fliegen in einer niedrigen Höhe von 20 Metern und in hoher Unterschallgeschwindigkeit von 700 bis 1000 km/h. Üblicherweise kosten sie pro Stück mehrere Millionen Euro“, so Rosenkranz. Eine Abwehrrakete für die Systeme mittlerer Reichweite koste ein „paar hunderttausend Euro“, die Abwehr von Marschflugkörpern sei also produktionstechnisch und finanziell machbar.

Für die Abwehr kostengünstiger Drohnenschwärme und von ballistischen Raketen sind diese Systeme hingegen nicht geeignet. Für die Raketenabwehr wären Systeme für die hohe Reichweite erforderlich (mehr als 50 Kilometer Reichweite in einer Höhe von bis zu 35 Kilometern). Solche Systeme sind derzeit nicht Teil des Angebots der „Sky Shield“-Initiative. Österreichs Bundesregierung hat sich zwar in einem Ministerratsvortrag 2023 dazu bekannt, auch diese Systeme zu beschaffen. Über dem Vorhaben stehen aber viele Fragezeichen – vor allem die bisher vollkommen ungeklärte Finanzierung. Rosenkranz verweist auch darauf, dass Österreich für den Einsatz solcher Systeme auf die Daten der US-Amerikaner angewiesen wäre: „So etwas funktioniert nur gut, wenn man eine Vorwarnzeit hat. Und derzeit haben nur die US-Amerikaner die Infrarot-Satelliten, durch die sie Raketenstarts auf der ganzen Welt feststellen können.“ 

Welche Pläne wälzt die EU bei der Luftabwehr?

Unabhängig von den Waffenkäufen und der „Sky Shield“-Initiative, ist für Österreich der Plan der EU zum Aufbau eines „European Air Shield“ relevant. „Das Projekt soll heuer im zweiten Quartal aus der Taufe gehoben werden und ein richtiger, militärischer Flug- und Raketenabwehrverbund werden“, sagt Rosenkranz. Im Gegensatz zur Verkaufsplattform „Sky Shield“ gehe es hier schon darum, eine operative Komponente zu schaffen: „Eine eigenständige europäische Handlungsfähigkeit soll in diesem Bereich etabliert werden.“ Allerdings: Wie der „Air Shield“ ausgestaltet werde, welche Rolle die Nato spiele und inwieweit Österreich mitwirke, sei unklar.