Die Art: Waviger Post-Punk

„I want to see the wide wide world“ – dieser Song drückte Ende der 80er-Jahre in der untergehenden DDR die Sehnsucht so vieler unangepasster Jugendlicher aus. Gesungen wurde er von der Leipziger Band Die Art, die wegen ihres markanten Postpunk-Sounds bald republikweit verehrt wurde. Ihre ersten Tapes mit Hits wie „I love you Marian“ oder „Das Schiff“ wurden der Band auf ihren Konzerten aus den Händen gerissen. Ihr zweites Kassetten-Album „Dry“ gilt als das meistverkaufte der DDR. Bei einem legendären Konzert 1989 in der Turnhalle der Leipziger Thomas-EOS, wo Die Art gemeinsam mit der Berliner Band die anderen aufttrat, bestand der Hausmeister darauf, dass die schweren Schuhe der hunderten Fans draußen bleiben mussten. Wahrscheinlich das einzige Mal, dass die Underground-Szene Leipzigs in Socken Pogo tanzte…

Bis heute hat die äußerst produktive Band mehr als ein Dutzend Alben veröffentlicht und damit ein musikalisches Oeuvre geschaffen, dass in Deutschland seinesgleichen sucht. Im Westen der Republik ist die Band nur Kennern ein Begriff, doch im Osten konnte sie ihren Kult-Status bis heute immer wieder erneuern. Neben den Skeptikern ist Die Art die einzige der wichtigen „anderen“ DDR-Bands, die bis heute regelmäßig aktiv geblieben ist.

Die Vision: Indiepop mit Teen-Appeal

Als die DDR-Plattenfirma AMIGA in ihrer Samplerreihe „Kleeblatt“ die 23. Ausgabe mit Musik von WK13, Feeling B, Hard Pop und Sandow veröffentlichte, war der Begriff „die anderen Bands“ in der Welt. Ein einheitlicher Stil verband diese Bands allerdings nicht. Als „andere Band“ galten von nun an alle, die sich musikalisch nicht in die Schubladen Rock, Pop oder Heavy Metal einordnen ließen und deren Auftreten von dem der etablierten DDR-Bands unterschied. So passte dieses Etikett auch auf Die Vision aus Berlin. Sie spielten synthielastigen Indiepop gemischt mit Folk-Anleihen und wären optisch in der Jugendzeitschrift „Bravo“ nicht weiter aufgefallen.

Ihr selbstproduziertes Kassetten-Album „No Popstars“ war ein Szene-Hit, ihr Song „Love by wire“ besang eine Liebe über Grenzen hinweg. Zu ihrem Kultstatus trug auch bei, dass der Westberliner Szenepapst Mark Reeder sie am 9. April 1988 als Vorband für ein illegales Konzert der Toten Hosen in Pankow buchte. Pikantes Detail: Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Die Vison-Sänger Niels von Geyer schon als IM für die Stasi. Die Band zerbrach nach zwei Alben Mitte der 90er-Jahre. Kurz darauf moderierte von Geyer im MDR-Fernsehen dann die Sendung „Dance haus“, Sprungbrett für Euro-Dance-Acts wie Blümchen oder Scooter.

Sandow: Sägende Gitarren und theatralischer Gestus

Wie Die Skeptiker spielen die aus Cottbus stammenden Sandow am 19. Juni 2026 in Neuruppin beim „Klassentreffen der Ostmusik“. Das Einzige, was (fast) alle auftretenden Künstler dort eint: Sie alle sind „Born in the GDR“. Dieses Lied war 1989 für Sandow ein veritabler Hit und nimmt Bezug auf das berühmte Konzert von Bruce Springsteen in Berlin-Weißensee, wo über 100.000 Menschen sehnsuchtsvoll dessen „Born in the U.S.A.“ mitsangen.

Mit ihrem Frontmann Kai-Uwe Kohlschmidt und dessen an Blixa Bargeld geschulten, exzentrisch-manieristischen Gesangsstil waren Sandow aber schon vorher eine feste Größe im DDR-Underground. Der Rockreport „flüstern & schreien“, in der sie mitwirkten und in der ihr Song „Er ist anders“ prominent auftaucht, sahen 1988 eine Million Kinozuschauer. Ihr erstes Album „Stationen einer Sucht“ erschien im letzten Jahr der DDR und vereint einige ihrer wichtigsten Songs wie „Schweigen und Parolen“ oder „Kinder des Verbrechens“.

Bis heute produziert Kai-Uwe Kohlschmidt Musik für Filme (u.a. Tatort und Polizeiruf 110) und Hörspiele. Die Band tritt nur noch sporadisch und bei ausgewählten Ereignissen auf. Unter anderem ist sie am 25. Mai 2026 beim Wave-Gotik-Treffen (WGT) Leipzig im Parkschloss Markkleeberg zu erleben.