Zu Beginn kann es gar nicht schnell genug gehen. Jeder Sieg wie jener im Linz-Achtelfinale gegen die Weltranglisten-21. Ljudmila Samsonowa nährt die Hoffnung auf eine Karriere von Weltformat. Erinnerungen an die Anfänge und den Aufstieg von Dominic Thiem sind hierzulande im Handumdrehen wieder hervorgekramt.

Lilli Taggers Rolle als eine der vielversprechendsten Zukunftsaktien der heimischen Sportlandschaft ist längst definiert und einzementiert. Das am Freitag bevorstehende und mit Spannung erwartete Linz-Viertelfinale gegen die eingebürgerte Russin Anastasia Potapova weckt nun abermals Begehrlichkeiten.

Dabei, und dieser Punkt kommt in den Diskussionen um den Shootingstar doch viel zu kurz, ist die Osttirolerin im Februar gerade erst 18 Jahre alt geworden. Auf der Profitour ist sie immer noch höchst unerfahren. Das birgt Gefahren in der öffentlichen Wahrnehmung Taggers, kann falsche Hoffnungen vermitteln.

Große Vorschusslorbeeren trägt der Teenager spätestens seit seinem Triumph in der Jugendkonkurrenz der French Open vergangenen Juni mit sich herum. Sie können beflügeln und zugleich sehr schwer wiegen. Noch lässt sich Tagger mit ihrer jugendlichen Leichtigkeit davon mehr beflügeln denn herunterziehen.

Sie hat Spaß am Spiel, Freude am täglichen Training. Dass ihre sportliche Heimat unter Trainerin Francesca Schiavone fernab des nationalen Scheinwerferlichts im italienischen Varese liegt, kann der Entwicklung nur zuträglich sein. Möge das lange so bleiben. Denn die wahren Prüfungen auf dem Weg nach oben in Richtung Weltspitze, die ihr Experten aus aller Welt zutrauen, sie kommen erst.

Judy Murray, Mutter des ehemaligen Weltranglistenersten Andy Murray, einst sehr erfolgreiche Trainerin und beim dieswöchigen Upper Austria Ladies Linz als Keynote-Speakerin auf der Bühne, kennt all die Hürden, die junge Talente zu überwinden haben. Die Nachwuchstour, und das ist nicht despektierlich gemeint, sondern nur grundehrlich, sei eine „ziemliche Komfortzone“ verglichen mit dem, was später auf der Profitour verlangt wird.

Auf dem Weg nach oben gibt es keine Abkürzungen. Dieses Rennen gen Weltspitze ist für die allermeisten Talente kein Sprint, sondern ein Marathon, der sehr viel Ausdauer und den geschickten Umgang mit Rückschlägen verlangt. Bei all dem erstaunlichen Trubel um Tagger – sie war 2025 die meistgegoogelte Österreicherin – müsse man der Lienzerin vor allem eines zugestehen: Zeit. Ein Ratschlag, den auch Murray Tagger mit auf den Weg geben möchte: „Nimm dir die Zeit, um alle Waffen zu entwickeln, die du brauchst.“

Die Schottin spielt damit nicht auf eine krachende Rückhand-Longline oder einen 200 km/h schnellen Aufschlag an. Es gehe vielmehr darum, sich und sein Spiel stetig zu entwickeln, zu vervollständigen. Dazu gehören mentale Stärke genauso wie Defensivschläge. Denn je weiter oben Tagger in der Weltrangliste steht, desto dünner wird die Luft sein. Desto kompletter muss ihr Spiel sein.

Es geht um Qualitäten, von denen Tagger heute vielleicht noch nicht einmal weiß, dass sie sie eines Tages brauchen wird. Oder wie Judy Murray es ausdrückt: „Je besser deine Gegnerinnen werden, desto mehr Waffen brauchst du. Nimm dir die Zeit und entwickle dein Spiel.“

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