Die größte Schimpansengruppe der Welt hat sich auf Dauer geteilt und bekämpft sich nun blutig. Was können wir Menschen daraus lernen?

So lange ging alles gut: Über Jahrzehnte lebten die Ngogo-Schimpansen im Kibale-Nationalpark in Uganda harmonisch zusammen. Sie pflegten sich gegenseitig das Fell, suchten gemeinsam nach Futter, bildeten Paare und pflanzten sich fort. In den Nullerjahren nahm das Nahrungsangebot zu, die Population wuchs an, zur weltweit größten mit rund 200 Mitgliedern. Die Forscher, die sie schon seit 1995 aus der Ferne beobachten, stellten zwar zwei räumliche „Cluster“ fest, den „westlichen“ und den „zentralen“, aber viele Tiere wechselten zwischen diesen und alle trafen oft aufeinander. Sie waren ein Genpool, eine große Gemeinschaft – bis es Mitte 2015 zu einer seltsamen Szene kam.

Einige Westaffen liefen vor solchen aus dem Zentrum davon, die ihnen nachsetzten. In der Folge ging man sich länger konsequent aus dem Weg. Im Jahr darauf starteten männliche „Westler“ eine erste Patrouille gen Zentrum, still und dicht gedrängt im Gänsemarsch, als ziehe man in Feindesland. 2017 gab es die erste Streife in die Gegenrichtung. Bei einem Zusammenstoß wurde der Alpha des Zentrums, der früher selbst im Westen lebte, schwer verwundet.

Das älteste Männchen der Ngogos, der Letzte, der noch als Vermittler hin und her wechselte, schloss sich dem Zentrum an. Die Trennung war vollzogen, auch für die Weibchen gab es nur noch Partner der eigenen Gruppe. Die Mitte des Territoriums wurde zur gemiedenen Grenze. Seitdem töteten Westler bei brutalen Angriffen mindestens sieben gegnerische Männchen und 14 Junge, wahrscheinlich deutlich mehr. Es herrscht „Bürgerkrieg“.

Sicher ein unpassendes Wort, aber „Krieg“ wäre zu wenig. Gebietskonflikte mit Nachbarn sind unter Schimpansen wohl dokumentiert. Dass die Ngogo-Population so stark anwuchs, hat auch mit einem Eroberungsfeldzug von 2009 zu tun. So schlimm es klingt: Solche Attacken auf Fremde der eigenen Spezies können sich evolutionär bewähren, ein größeres Territorium verbessert das Reproduktionsergebnis. Auch bei Zebramangusten, die ähnlich wie Erdmännchen aussehen, bei ihnen mit einer skurrilen Pointe: Es sind oft weibliche Anführer, die die Männchen tief in Feindesland führen – und sich dann am Rande des Schlachtfelds schamlos mit den Fremden paaren.

Bei den Ngogo-Schimpansen aber töten sich Tiere, die sich kennen, zum Teil zusammen aufgewachsen sind. Das ist ein Novum, nun analysiert unter der Leitung von Aaron Sandel von der University of Texas in Austin (Science, 9.4.).

Zwar berichtete schon die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall von einem „Guerillakrieg“ einer Schimpansengruppe, die sich in Tansania aufgesplittet hatte, aber diese Tiere wurden von Menschen gefüttert, waren also nicht ganz wild und „unverfälscht“. Jedenfalls ist schon die Aufsplittung einer Gruppe extrem selten, nach den genetischen Daten kommt sie im Schnitt nur alle 500 Jahre vor.

Faszinierend ist auch: Die anderen nächsten Verwandten der Menschen, die Bonobos, führen nie Kriege. Dass sie so friedliebend sind, könnte damit zu tun haben, dass sie fast immer in futterreicher Umgebung lebten und es kaum Ressourcenkonflikte gab. Bei den Ngogo-Schimpansen hingegen führte das temporäre Überangebot an Nahrung zu einer ungewöhnlich großen Gruppe, was möglicherweise den Zusammenhalt schwächte und so zum Bruch führte.

Lässt sich daraus etwas für uns lernen? Der Lead-Autor der Studie ist nicht zufällig Anthropologe, und sein Befund könnte eine alte Streitfrage der Konfliktforschung klären: Führen Menschen Krieg, weil sie sich kulturell unterscheiden, durch Sprache, Religion, Ideologie oder ethnische Zugehörigkeit? Oder genügen lokale Rivalitäten? Bürgerkriege sprechen für Letzteres. Nur: Zwei Gruppen, die sich bekämpfen, sind unter Menschen kulturell nie ganz homogen – sehr wohl aber bei Affen.

Wenn auch der Ursprung menschlicher Kriege individuelle Spannungen sind, kann das Hoffnung machen und als Auftrag gesehen werden. Denn dann wurzeln auch Frieden und Versöhnung im Alltag aller.

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