Mit gleich sechs Premieren, acht Wiederaufnahmen, einer Kinderaufführung und dem bestehenden Repertoire sind für 2026/27 in Summe 46 verschiedene Opern in der Wiener Staatsoper geplant.

Wien – Sechs Premieren bietet die Wiener Staatsoper in der nächsten Saison im Haupthaus – und da ist eine Kinderopernuraufführung nach Mozart gar nicht eingerechnet. Mit Ballett werden 2026/27 über 60 Werke im Repertoire angeboten, schreibt Direktor Bogdan Roščić im Vorwort der 96-seitigen Spielzeitbroschüre, von der 110.000 Stück gedruckt wurden und in der er den Besuch von Opernvorstellungen als „unberechenbare Stoßwellentherapie“ gegen das Leiden am Zustand der Welt empfiehlt.

Das Publikum bekommt die Vorhaben am Sonntag um 11 Uhr in einer großen Matinee, die auch live von ORF III sowie auf der Streaming-Plattform und dem YouTube-Kanal der Wiener Staatsoper übertragen wird, vorgestellt. Den Medien präsentierte Roščić diese schon am Freitag als „nachhaltige Arbeit am Ganzen der Oper“, bei der die wesentliche Frage auf immer wieder neue Weise gestellt werde: „Was ist das Leben?“ Nachdem er in seiner ersten Funktionsperiode ab 2020 die Erneuerung des Repertoires ins Zentrum seiner Arbeit gestellt habe, forciere er nun in seiner bis 2030 laufenden zweiten Amtszeit das „weniger bis gar nicht Gespielte“, sagte er.

Die Premieren

3. Oktober 2026: „Eine florentinische Tragödie/Herzog Blaubarts Burg“ von Alexander Zemlinsky und Béla Bartók

10. Oktober 2026: „Geheimmission Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart / Gerald Resch (Kinderopernuraufführung)

22. November 2026: „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss

17. Dezember 2026: „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz

21. Februar 2027: „Un Ballo in Maschera“ von Guiseppe Verdi

15. März 2027: „Pique Dame“ von Piotr I. Tschaikowsky

11. Juni 2027: „I Capuleti e i Montecchi“ von Vincenzo Bellini

So manches Werk der Premierenliste sei noch nie oder schon lange nicht an der Staatsoper gezeigt worden. Die Saisonpremiere 2027/28 werde dann einem Auftragswerk der Staatsoper gelten, verriet der Direktor, der sich in seiner Planung schon in der Saison 2029/30 befindet und bis dahin „zahlreiche neue Namen am Pult“ präsentieren will. Dem ab Frühjahr 2028 geplanten neuen „Ring“ unter Christian Thielemann gehe es „ausgezeichnet“, meinte er auf Nachfrage.

Auftakt wieder mit einem „Opern Air“

Zum zweiten Mal wird der Saisonauftakt mit einem „Opern Air“ im Burggarten gefeiert. Am 6. September um 19 Uhr treten dort Stars wie Asmik Grigorian („tatsächlich seit dem ersten Tag eine der zentralsten Künstlerinnen des Hauses überhaupt“) und Piotr Beczala (wird u.a. seinen ersten Parsifal an der Staatsoper singen) bei freiem Eintritt auf. Bei der Premiere sei nicht nur die Resonanz, sondern auch der Klang herausragend gewesen – weswegen man den Ort beibehalten habe, obwohl man im Vorjahr „viele tausend Menschen“ abweisen habe müssen, so Roščić.

Die ersten Neuproduktionen gelten den Jahren 1917-19 und damit dem „musikalischen Übergang zur Moderne“. Den Auftakt im Premierenreigen macht am 3. Oktober ein Doppel aus Alexander Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“, das von Hausdebütant Vasily Barkhatov inszeniert wird. Im Zemlinsky-Stück feiert Sopranstar Asmik Grigorian ihr persönliches Rollendebüt als Bianca, während ihr bei Bartóks Stück Florian Boesch als Spielpartner gegenübersteht – für den Direktor „der Glücksfall einer Besetzung“. Beide Werke verbindet neben der Person Grigorian der Fokus auf das Dunkle der Liebe und der Umstand, dass sie schon lange nicht mehr am Ring erklangen.

Strauss und Berlioz, Verdi und Bellini

Altvertraut ist hingegen Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“, die am 22. November zur Premiere kommt. Barrie Kosky inszeniert nach seinem Da Ponte-Zyklus das Stück, wobei ihm in ihrer erstmaligen Zusammenarbeit mit Franz Welser-Möst im Graben ein Strauss-Experte zur Seite steht. Exquisit gestaltet sich hier nicht nur die anfängliche bühnenbildnerische Anspielung auf die (soeben frisch renoviert dem Publikum zugänglich gemachte) Villa Beer, sondern auch die Besetzung rund um Kate Lindsey, Daniel Behle und Golda Schultz. Dass heuer auch die Salzburger Festspiele diese Oper in einer Neuproduktion anbieten (Manfred Honeck dirigiert die Wiener Philharmoniker und Ersan Mondtag, der auch als Favorit für die kommende „Ring“-Regie gehandelt wird, inszeniert), erklärte Roščić u.a. damit, dass es unter Festspielintendant Markus Hinterhäuser „keine Bereitschaft zur Abstimmung“ gegeben habe – was er später ausdrücklich nicht als Kritik verstanden haben wollte. Zu den Vorgängen in Salzburg befragt, sagte der Staatsoperndirektor: „Zu dem, was dort passiert ist, möchte ich selbstverständlich keine Silbe sagen.“

Den premierentechnischen Abschluss des Jahres bildet am 17. Dezember Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“, die von „Tannhäuser“-Regisseurin Lydia Steier gestaltet wird, der mit Bertrand de Billy ein Kenner des Fachs am Pult beigeordnet ist. Mit einem „allerzentralsten Verdi“ (Roščić) startet man dann im neuen Jahr, wenn am 21. Februar Puppenmagier Nikolaus Habjan ohne Puppen den „Ballo in Maschera“ zur Premiere bringt und für diese Koproduktion mit der Dutch National Opera auf ein Starensemble um Freddie De Tommaso, Marina Rebeka und in der zweiten Aufführungsserie Anna Netrebko zurückgreifen kann. Apropos Russland: Tschaikowskys „Pique Dame“ folgt am 15. März, gestaltet von Evgeny Titov, der zuletzt die „Iolanta“ des Komponisten am Haus inszenierte. Am Pult steht mit Alexander Soddy „ein Dirigent, der zu einem Liebling nicht nur des Orchesters geworden ist“.

In mutmaßlich sommerlichen Temperaturen schwenkt man dann zum Abschluss aufs italienische Fach, wenn am 11. Juni Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ von Tatjana Gürbaca neu interpretiert werden. Auch dieses ebenfalls mit den Niederländern koproduzierte Stück harrte schon länger einer Neubetrachtung an der Staatsoper, wo es letztmals 1987 erklang.

Ihr Kinderlein kommet

Die kleinen Opernfreunde werden ja seit der Eröffnung vornehmlich im zweiten Standort NEST bedient, aber auch im Haupthaus feiert man heuer eine Uraufführung: „Geheimmission Zauberflöte“ basiert wenig überraschend auf Mozart, den Gerald Resch im Oktober bearbeitet, wobei Nina Blum nach der Wagner-Adaption „Das verfluchte Geisterschiff“ bereits zum dritten Mal ein Kinderprojekt für die Staatsoper gestaltet.

Bunt präsentiert sich das kinder- und jugendaffine Programm unterdessen im NEST, wenn etwa David Bösch im Oktober Grigori Frids Bühnenfassung von „Das Tagebuch der Anne Frank“ inszeniert, während beim „Kleinen Prinzen“ von Claude Debussy der Tanz im November dominiert. Mit „Die kleine Hexe“ von Franz Wittenbrink endet hier im April das Premierengeschehen. Die privat finanzierte Spielstätte sei freilich über Kinder- und Jugendprogramme hinaus „so etwas wie ein zweiter Saal“ der Staatsoper, in dem etwa Experimente und Uraufführungen stattfinden könnten, hob Roščić hervor und verwies auf über 160 geplante Vorstellungen: „Das NEST blüht und gedeiht!“ Und auch vor dem Künstlerhaus tut sich was: Für „Karussell“ nach Jacques Offenbach wird von 4. bis 20. September ein Ringelspiel aufgebaut, auf dem für Kinder jeweils 20 Minuten lang Figuren aus „Hoffmanns Erzählungen“ zum Leben erweckt werden. „Das wird entzückend“, versprach der Staatsoperndirektor.

Zum Outreach-Programm, bei dem man auch in Schulen geht, bietet man auch extra U27-Initiativen. Aktuell seien dafür knapp 16.000 junge Menschen registriert, hieß es. Bereits in dieser Saison, nämlich am 11. Juni, wird es erstmals eine besondere Vorstellung ausschließlich für U27-Publikum geben. Alle Tickets kosten 20 Euro. Aktuell sind 1.000 Karten verkauft, 60 Prozent davon an „Erstbesucher:innen“. Künftig soll jährlich eine derartige Vorstellung angeboten werden. (APA)