Öffnen sich die Türen des Kunstmuseums am Schlossplatz, steht man nicht wie meist leicht orientierungslos in einem Foyer mit Kassenbereich, sondern mitten im Leben.

Verteilerraum, Ausstellungsraum, Begegnungsraum, unklares Feld zwischen o.T. Bar Lounge, Empfangstheke und Sammlungseingang – wer hier nach Ordnung sucht, ist verloren. Jedoch – wer diesen in jedem Sinn offenen Raum betritt, fühlt sich aufgehoben. „Wir verstehen unser Museum als eine vielfältige, weltoffene Plattform des miteinander und voneinander Lernens“, heißt es denn auch im Leitbild, das Direktorin Ulrike Groos und ihr Team im Kunstmuseum Stuttgart leben. Ihr Ideal für das Kunstmuseum? „Es lädt zu Begegnungen ein, die inspirieren, begeistern, jedoch auch irritieren und Fragen hinterlassen können.“

Ulrike Groos ist Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart Foto: Gerald Ulmann

Hinein zur Kunst geht es dann nur mit dem gleichnamigen Kleber. „Kunst“. Verschiedene Farben gibt es wohl – ein Geheimnis brauchen die Besucherinnen und Besucher dahinter nicht zu suchen. Wer ein Ticket kauft, wird buchstäblich empfangen, wird begrüßt und sieht die Offenheit des ersten Augenblicks bestätigt.

Wie aber soll man sich dann durch das Haus bewegen? Erst geradeaus und wohl Richtung Sammlungsräume? Doch direkt an dem Eingang links abbiegen, um die erste Sonderausstellung (aktuell zum Werk der großartigen Zeichnerin Romane Holderried-Kaesdorf) zu sehen? Oder gar erst die Freitreppe hinauf ins erste Kubus-Geschoss, um mit der Haupt-Sonderausstellung (aktuell „Prägungen und Entfaltungen“ mit Arbeiten von Rolf Nesch, Nadira Husain und Ahmed Umar) zu beginnen?

Kunstmuseum Stuttgart mit vielen Sonderausstellungen

Überhaupt scheint aktuell das Kunstmuseum Stuttgart aus allen Sonderausstellungs-Nähten zu platzen. Als da weiter wären: Das Panorama junger Kunst zum 20-jährigen Bestehen der Ausstellungsreihe „Frischzelle“, das Aufscheinen der Projekte zur Vermittlungsforschung unter dem Titel „Vom Werk zum Display“, die feine Gratulation zum 80. Geburtstag des New Yorker Konzeptkunst-Stars Joseph Kosuth unter dem Titel „Non autem memoria“ in den unteren Sammlungsräumen, und nicht zuletzt die Filminstallation „Iterations on Witnessing“ von Heba Y. Amin. Gemeinsam mit dem Performancekollektiv Horizontaler Gentransfer war Amin 2025 mit dem Molfenter-Preis geehrt worden.

Und was ist mit jenem Künstler, der doch so viele Jahrzehnte für das ganz eigene Gewicht der Kunstmuseums-Sammlung stand? Auch Otto Dix gilt eine Sonderausstellung – „Anita Berber. ,Orchideen’“macht das gerne auch als „Mona Lisa des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete Bildnis der Tänzerin Anita Berber von 1923 zum Ausgangspunkt einer neuen Begegnung mit einer Frau, die als Choreografin den modernen Tanz beeinflusste und die als Lyrikerin Fragen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit thematisiert.

Kunstmuseum Stuttgart bietet bei Wolfgang Laib absolute Stille

Zu viel Information? Zu viele Sonderausstellungen? Auch dafür bietet das Kunstmuseum Stuttgart eine Lösung. Man kann nicht abtauchen, aber doch eintauchen in den Wachsraum von Wolfgang Laib. Im Untergeschoss geht es hinein in einen schmalen Gang. In Wachsblöcke eingeschnitten, erinnert dieser einzig überhaupt noch im Original bestehende Wachsraum von Laib an die Idee von Johann-Karl Schmidt, Direktor des Vorgängerinstituts Galerie der Stadt Stuttgart, im Neubau einzig eigens eingerichtete Künstlerräume zu realisieren. In Laibs Wachsraum gibt es nur Stille und den puren Duft des Bienenwachses. Ein Moment höchster Intensität.

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Wer hinaustritt, hört den scharfen Geigenton, der in Abständen immer wieder durch die Sammlungsräume hallt, noch deutlicher. Das eigentümliche Knallen auch, das wohl irgendwie dazugehört. „Les Délices des Evêques“ („Die Freuden der Bischöfe“) heißt die Installation von Rebecca Horn, die ebenfalls zu den Attraktionen der Sammlung zählt.

Kunstmuseum Stuttgart mit Hölzel, Dix und Baumeister

Auf keinen Fall versäumen darf man die Räume der großen Antipoden im Erdgeschoss. Hier Otto Dix mit dem Jahrhundertbild „Großstadt“, harten Porträts und den Versuchen mythologisch überhöhter Landschaften, dort Willi Baumeister mit seinem in zwei lichthellen „Montaru“-Bildern gipfelnden Vorstoß in das selbst formulierte „Unbekannte in der Kunst“.

Dort wollte auch Fritz Winter hin, im Kunstmuseum Stuttgart umfangreich vertreten. Und in einem Zeitsprung kann man das von Baumeister anvisierte Neuland, das zuvor Adolf Hölzel erstmals systematisch zu erforschen suchte, schließlich in den von Pop und Comic beflügelten Bildern von Michel Majerus wiederfinden.

Kunstmuseum Stuttgart mit viel Vermittlung vor der Sanierung

Immer tiefer in die Kunst eintauchen zu können – dazu passt im Kunstmuseum Stuttgart die Präsenz der Buchhandlung Walther König. Da ist er wieder, der Begegnungsraum, der Gesprächsraum. Und dazu passt bestens, dass das Kunstmuseums-Team noch einmal alle Vermittlungsregister zieht, bevor es am 13. April an das große Einpacken geht und die Generalsanierung des Hauses beginnt. An diesem Samstag, 11. April, um 15 Uhr gibt es letztmals eine Führung durch die Sammlung, und am Sonntag, 12. April, lockt um 15 Uhr eine Entdeckungstour für Kinder von vier Jahren an (Anmeldungen unter fuehrung@kunstmuseum-stuttgart.de oder 0711 / 216 196 25 (Freitag 14 bis 16 Uhr). Sie wollen über „Iterations on Witnessing“ von Heba Y. Amin diskutieren? Auch das geht – an diesem Sonntag, 12. April um 12 Uhr beginnt – in englischer Sprache – ein offenes Forum mit der Künstlerin.

Kunstmuseum Stuttgart mit Sonderschau im Kunstgebäude

Für Tränen über die mehrmonatige Schließung des Kunstmuseums Stuttgart bleibt indes kaum Zeit – bereits am 17. April beginnt das Gastspiel im Kunstgebäude am Schlossplatz. Um 19 Uhr wird dann die Themenschau „Das kalte Herz“ eröffnet – mit künstlerischen Reaktionen auf Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ von 1827. Noch aber sind die Türen zum Kunstmuseum Stuttgart offen – am 10. April von 10 bis 21 Uhr, am 11. und 12. April von 10 bis 18 Uhr.

Cube und o.T. Bar Lounge bleiben geöffnet

Sanierung
Am Sonntag, 12. April, ist das Kunstmuseum Stuttgart am Schlossplatz letztmals geöffnet, bevor am 13. April die umfassende Sanierung beginnt. Die Wiedereröffnung ist für das erste Quartal 2027 geplant. 2005 eröffnet, muss das Kunstmuseum Stuttgart in vielen Bereichen saniert werden. Im Mittelpunkt steht die gesamte Elektronik und Beleuchtung, es geht aber auch um ältere Schäden durch eindringendes Wasser vom Kleinen Schlossplatz in die Sammlungsräume.

Gastro
Die wichtigste Nachricht: Die Außen-Gastro vor dem Kunstmuseum-Kubus kann wie gewohnt weitergehen. Und auch das feine Restaurant Cube empfängt weiter seine Gäste. Konkret meldet das Kunstmuseum auf Anfrage: „Das Cube Restaurant im vierten Obergeschoss sowie die o.T. Bar Lounge und die Buchhandlung Walther König im Erdgeschoss sind während der Schließzeit des Museums geöffnet, gegebenenfalls kann es zu abweichenden Öffnungszeiten kommen.“ Der spektakuläre Blick aus dem Cube auf den Schlossplatz und das Neue und Alte Schloss ist damit ebenso gesichert wie der Kaffeegenuss vor dem Kunstmuseum-Kubus.