Als sie sich nach 40 Minuten mondbedingter Funkstille aus der „Orion“-Raumkapsel wieder zu Wort melden konnte, sprach die Astronautin Christina Koch vergangene Woche die für Menschen ohne Raumfahrtambitionen tröstlichen Worte: „Ultimately, we will always choose earth. We will always choose each other.“ Schön, dass unser Mutter­planet noch nicht ganz abgeschrieben ist, wenngleich nun wieder das Fieber der bemannten Raumfahrt ausbrechen mag. In zwei Jahren sollen wieder Menschen über den Mond hoppeln, und vielleicht bricht jetzt gestalterisch die nächste „Space Age“-Verve aus. Ganz neu wäre so ein futuristischer Elan nicht, denn schon als Präsident Kennedy der Nasa ihre lunare Stoßrichtung vorgab und diese mit dem Apollo-Programm erfolgreich eingeschlagen wurde, gerieten die Gestalter ins Träumen.

Ihre Visionen unterschieden sich deutlich von der Art-déco-Zukunft in Fritz Langs „Metropolis“. Als in den Sixties der Mond erstmals tatsächlich zum Greifen nah schien, entstand in Mode und Möbel­design eine Ästhetik, die bis heute ihre (retro-)futuristische Gültigkeit hat.

Space Age und Op-Art: eine Mode-Hommage von Jean Paul Gaultier an Pierre Cardin.

Space Age und Op-Art: eine Mode-Hommage von Jean Paul Gaultier an Pierre Cardin.  GONZALO FUENTES/Reuters

Nicht die US-amerikanische Raumfahrtverve brachte den Pariser Modekonstrukteur Pierre Cardin im Jahr 1963 auf den Geschmack, sondern ein Treffen mit der Kosmonautin Walentina Tereschkowa, der ersten Frau im Weltraum. Sie inspirierte Cardin, der zuvor die für das Auftreten der Beatles maßgebliche Façon kragenloser ­Jacketts erfunden hatte, zu seiner 1964 präsentierten „Cosmocorps“-Kollektion. Cardin gelangte in späteren Jahren bekanntlich als etwas zu generöser Lizenzgeber seiner Markenrechte in Modekreisen zu zweifelhaftem Ruhm.

Mit seinen Entwürfen blieb er der „Cosmocorps“-Linie über die Jahrzehnte treu. Um die konstruierten, körperformenden Kleidungsstücke herstellen zu können, experimentierte Cardin mit plastomeren Materialien: Das in Wärme formbare Dynel vermarktete er sogar als „Cardine“-Textil. Die Kollektionen, die heute Pierre Cardins Neffe Rodrigo entwirft, muten wie aus der Zeit gefallen an – ein Besuch im markeneigenen Museum im Pariser Marais fühlt sich an, als würde man in eine textile Vergangenheit abtauchen.

Ein Herrenlook aus der Herbstkollektion 2026/27 der Marke Pierre Cardin, entworfen von Ronaldo Cardin.

Ein Herrenlook aus der Herbstkollektion 2026/27 der Marke Pierre Cardin, entworfen von Ronaldo Cardin.
Carlo Scarpato / Gorunway.com

Die von Rodrigo Cardin entworfene Mode, aus den Sixties ins Jetzt gebeamt.

Die von Rodrigo Cardin entworfene Mode, aus den Sixties ins Jetzt gebeamt.
Carlo Scarpato, Gorunway

Ein Herrenlook aus der Herbstkollektion 2026/27 der Marke Pierre Cardin, entworfen von Ronaldo Cardin.

Die von Rodrigo Cardin entworfene Mode, aus den Sixties ins Jetzt gebeamt.

Eventuell noch prägender als Cardins Einfluss ist seit den Sechzigerjahren jener von André Courrèges, der – ebenfalls 1964 – mit der A-Linie seiner „Moon Girl“-Kollektion eine innovative Silhouette für die Space-Age-Begeisterung fand. Der Dynamik der neuen Zeit entsprach dies, die britische „Vogue“ jubelte und erklärte 1964 zum „Year of Courrèges“ (Pierre Cardin jubelte wohl deutlich weniger). Gabrielle Chanel war übrigens kein Fan dieser neuen Mondmode, sie soll nämlich über Courrèges gesagt haben: „Dieser Mann hasst Frauen, er macht sie zu kleinen Mädchen!“

Die Jahre vor der ersten Mondlandung hinterließen nicht nur im Mode-Imaginären ihre Spuren, sondern ebenso in der Vorstellung davon, wie man (nicht nur in einer Raumstation) wohnen wollte. Zu den Möbeldesignern, die die Ära prägend begleiteten, zählte etwa der Finne Eero Aarnio. Entwürfe wie sein „Globe Chair“ oder der von der Decke hängende „Bubble Chair“ sind bis heute beliebt unter Retro-Sci-Fi-Fans und – ob als Originale oder Replica – auch in Science-Fiction-Produktionen jener Jahre anzutreffen.

Auch Verner Pantons psychedelische Wohn-Welten entsprangen dem Space Age.

Auch Verner Pantons psychedelische Wohn-Welten entsprangen dem Space Age.  Verner Panton Design AG

Als 1968 Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ in die Kinos kam, wurde der 1964 von Olivier Mourgue entworfene „Djinn Chair“, der im Film in einer Hotellobby Teil der Ausstattung war, berühmt und nicht nur unter Cineasten als „2001 Chair“ zum Begriff.

Das von dem Finnen Eero Saarinen (er entwarf auch den berühmten „Tulip Chair“, allerdings bereits in den Fünfzigerjahren) geplante Terminal der Trans World Airlines, 1962 eröffnet und heute als TWA Hotel in Betrieb, führte vor, wie ein passendes Environment für „Moon Girls“ und „Kosmokörper“ in ihren Loungesesseln aussehen würde.

Einblick in die Entwicklung der Sci-Fi-Ästhetik in den vergangenen Jahrzehnten möchte das Vitra Design Museum derzeit mit einer großen Themenausstellung geben. Dabei ist interessant, dass sich – abgesehen von auch in diesem Bereich wechselnden Moden – eine gewisse Grundästhetik seit den Sechzigerjahren halten konnte. Das zeigen etwa die im Metaverse entstandenen Entwürfe des Argentiniers Andrés Reininger, der im Vitra-Stammsitz in Weil am Rhein auch die Ausstellungsarchitektur verantwortete.

Ebenfalls im Vitra Design Museum zu sehen: der Schalensessel von Joe Colombo aus dem Jahr 1964.

Ebenfalls im Vitra Design Museum zu sehen: der Schalensessel von Joe Colombo aus dem Jahr 1964.  Vitra Design Museum/Jürgen Hans

Sein Zugang ist zugleich charakteristisch dafür, dass heute das Vorwärtsgewandte und die Innovation von vielen Gestaltern primär in der Art und Natur der verwendeten (Nicht-)Materialien gesucht werden. Das zeigt sich im Modebereich sehr deutlich in den Abschlussarbeiten des innovationsbasierten, in Linz ansässigen „Fashion & Technology“-Studiengangs; die Studierenden experimentieren dort mit vielerlei Ingredienzien, um ihre Kleidungsstücke herstellen zu können.

Und wer es doch klassischer möchte: Marken wie Pierre Cardin (natürlich) und Prada haben mittlerweile Raumanzüge entwickelt. Aktuell nicht unbedingt in jeder Boutique erhältlich, aber das kann in den nächsten Jahr(hundert)en ja noch werden.