
AUDIO: Bildschöne Bücher: „Cezanne“ (4 Min)
Stand: 12.04.2026 06:00 Uhr
In der „Fondation Beyeler“ nahe Basel findet derzeit eine große Cézanne-Ausstellung statt. Für alle, die diese Reise nicht schaffen, gibt es den passenden Katalog dazu mit dem schlichten Titel „Cezanne“.
Ein flüchtig hingestricheltes Dreieck, mit nur wenigen hellblauen Linien: ganz klar ein Berg. Dazu zwei, drei Tupfen – angedeutete Bäume. Einige Flecken darunter, ein breiter Klacks in Gelb: ein Kornfeld. In Olivgrün: Buschwerk oder eine Weide. Der Großteil der Leinwand aber bleibt unbemalt, farblos. Und doch zeigt sich unverkennbar der Höhenzug Sainte-Victoire in der Provence, gesehen von Westen, vom Atelierhaus des Malers Paul Cézanne.
Der malte das 1.000 Meter hohe Kalksteingebirge immer wieder aufs Neue; genau 44 Mal in Öl, 43 Mal mit Aquarellfarben. Allein zehn Bilder dieser Serie enthält der feine Ausstellungskatalog der Fondation Beyeler und lässt die Betrachter vergleichen: Naturnah realistisch zeigt ein Ölgemälde von 1887 die dörfliche Landschaft. Nur ein Jahr später erscheint die gleiche Szenerie als ein hellgraues Trapez (das Gebirge), mit horizontalen grünen Linien davor (die Ebene) und einzelnen ocker-braunen Flecken. Ein drittes Bild, ein Aquarell von 1888, lebt vor allem von Kreisen und Kurven: Baumkronen, Hügel, Felsmassive sind nur angedeutet.
Wie Cézanne Picasso und Matisse prägte
Komplett abstrakt wird keines der Bilder – doch Cézanne wagt sich nahe an diesen Stil heran. Das ist einer der Gründe, warum er bis heute als „Pionier der Moderne“ bezeichnet wird. Ein Pionier ist kein Vollender, eher ein Wegbereiter, wörtlich: „Pfostenstecker“, der für sein Vorausgehen viel Kritik, Häme und Unverständnis einstecken muss. „Es ist bestimmt ein Augenfehler im Spiele“, war noch einer der harmlosen Kritiker-Kommentare.
Der Ruhm kam spät, allenfalls in seinen letzten Lebensjahren nach 1895. Es ist vor allem der Nachruhm, der den Namen Cézanne heutzutage so groß macht. „Unser aller Vater!“ nannte ihn Pablo Picasso. Henri Matisse ging noch weiter, als er über ein Gemälde Cézannes schrieb: „Es hat mich in den kritischen Momenten meines künstlerischen Schaffens moralisch gestärkt. Ich habe daraus meinen Glauben und meine Ausdauer geschöpft.“
„Die Badenden“, die es Matisse derart angetan hatten, finden sich in zahlreichen Varianten im Bildband: Das Lieblingsmotiv Cézannes wandelte sich im Laufe der Jahre – ähnlich wie das Sainte-Victoire-Gebirge – von einem klassischen Motiv zu einer hingestrichelten Komposition aus Formen und Farben, bei der Gegenständliches immer unwichtiger wurde.

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Cézannes radikale Technik der Modulation
Der Maler Émile Bernard war einer der wenigen, der Cézannes Arbeitsweise verstand: „Er begann mit den Schattenteilen und mit einem Fleck, auf den er einen zweiten, größeren setzte, dann einen dritten, bis alle diese Farbtöne, einander deckend, mit ihrem Kolorit den Gegenstand modellierten. Da begriff ich, dass (…) diese Modulationen eine im Voraus (…) festgesetzte Richtung hatten.“
Schatten, farbige Flecken, neben- und übereinander gepinselt: Das Titelmotiv des Bildbands macht diese Maltechnik anschaulich. Am deutlichsten wird sie in den Aquarellen, die Cézanne nach 1900 in seinen 60ern malte. Sie und die Arbeiten mit Grafitstift sind wohl der bemerkenswerteste Teil des Buches.
Cézannes Spätwerk: bahnbrechend und doch schnell überholt
Dieser Ausstellungskatalog bietet keine komplette Werkschau; es geht Museum und Verlag um das Spätwerk, das am besten zeigt, wie weit der Eigenbrötler neue, moderne Sehweisen wagte – und dann doch nicht so weit ging wie Kubisten oder Abstrakte. In seiner Zeit war er Avantgarde: absolut bahnbrechend. Und doch bald nach seinem Tod 1906 von anderen überholt.

Cezanne
von Ulf Küster (Hg.)
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hatje Cantz
ISBN:
978-3-7757-6229-8
Preis:
58 €