Die niederländische Choreografin Nanine Linning inszenierte Jean-Philippe Rameau-Oper als Bewegungsdirigentin. Das gelungene Resultat gefiel dem Publikum. Beeindruckend: Die Darstellungsbreite des Chores.

Die neue Produktion von „Castor et Pollux“, die am Samstag an der Grazer Oper Premiere hatte, basierte auf der 1754 entstandenen zweiten Fassung des Werks, in der Jean-Philippe Rameau auf den inzwischen ohnehin unmodern gewordenen Prolog verzichtete, die Rezitative durch rigorose Striche straffte und das Gesamtgefüge somit auf 4 Akte reduzieren konnte. Die Monologe gelten zum Teil als Arien, da sie eine formbetonte Struktur (Liedform oder Rondo) aufweisen und der Fluss der Deklamation angehalten wird.

Neu ist eine Arie in Form der italienischen virtuosen Arien, mit extrem hoher Tessitura und Spitzentönen (virtuos: Franz Gürtelschmied mit jeder Menge Koloraturen und hohen Cs). Diese zweite Fassung wurde ein Riesenerfolg – und wird bis heute gespielt, wenn auch selten.

Die niederländische Choreografin Nanine Linning war – erwartungsgemäß – mehr Bewegungsdirigentin als Regisseurin ihrer Inszenierung. Die unterschiedlichen Charaktere der handelnden Personen, besonders jene von Sterblichen und Göttern, erschienen darob weniger ausgeprägt. Vielmehr stand bei Linning die Choreografie der Solisten und des Chores, ergänzt mit vier Ballett-Solisten, im Vordergrund.

Beeindruckend: Die Darstellungsbreite des Chores, von Johannes Köhler bestens studiert. Einmal dämonisch und gespensterhaft „brodelnd“ (im dritten Akt vor dem Eingang in die Unterwelt) oder als „sinnliches Werbe-Fenster“ für die Freuden des Olymps auf Geheiß Jupiters. Mit der Bühnenausstattung – ergänzt mit phantastischen Videoprojektionen von Anke van Veen und Dik Mus und mit einer einprägenden Beleuchtung von Sebastian Alphons – konnte Linning strikt Rameaus Prinzip der Nachahmung der Natur umsetzen. Die Handlung spielte nicht in Tempeln oder Palästen, sondern in einer monolithischen Landschaft. Die fantasie- und geschmackvollen Kostüme von Irina Shaposhnikova unterstützten den optischen Eindruck der Inszenierung.

Mit Bernhard Forck, Konzertmeister der Akademie für Alte Musik Berlin, stand ein ausgesprochener Barockspezialist am Pult des Grazer Opernorchesters. Rameaus reiche Harmonie – er war auch Harmonietheoretiker mit eigener Harmonielehre, die bis heute Geltung hat – und seine verschmelzenden Übergänge zwischen Rezitativ und Arie kamen voll zur Geltung.

Es stand zwar kein Originalklangorchester zur Verfügung, aber ausgestattet mit historischen Bögen für Streichinstrumente (für präzise Artikulation und Dynamik) und Barocktrompeten gelang Forck und den Grazer Philharmonikern ein subtiler, original wirkender Orchesterklang, optimal angepasst an die heutigen Hörgewohnheiten. Mit strafferem Tempo in den Rezitativen verstärkte Forck deren Spannungsbögen, mit charakteristischem Bass-Fundament der Pauken und barocker „Terrassendynamik“ (so nennt sich ein abrupter Tempo- und Dynamik-Wechsel) vervollständigte er Rameaus signifikanten Orchesterklang.

Nikita Ivasechko zeigte als Pollux trotz seiner Jugend schon alle Eigenschaften eines Spitzen-Baritons: vokale Leichtigkeit und homogene Klangfarbe in allen Lagen, Durchschlagskraft, kerniges weiches Bariton-Timbre, ruhige und authentisch wirkende Darstellung. Sébastian Monti überzeugte in der Rolle des Castor mit sicherer und agiler Deklamation, flexiblem lyrischen Timbre sowie mit sicheren Höhen mit Brustresonanz-verstärkter Kopfstimme. Mit ihm stand ein typischer Vertreter eines spezialisierten Stimmfachs für Tenöre der französischen Barockoper (Haute-Contre) auf der Bühne, mit extrem hoch – also oberhalb des herkömmlichen Tenorumfangs – liegender Tessitura.

Die leidgeprüft liebende Télaïre war Sieglinde Feldhofer. Ihre Markenzeichen – Intonationssicherheit, lyrische Gesangsbögen und vokale Sicherheit in allen Lagen – überzeugten auch an diesem Premierenabend. Mit ihrem dunklen Mezzosopran verlieh Sofia Vinnik der Phébé eine unheimliche Präsenz. Schnelles Tempo und ein erregter Duktus der Streicher verstärkten die Wirkung ihres totalen vokalen Einsatzes zu Beginn des fünften Aktes – und ließen sie wie eine antike Furie in die Unterwelt entfliehen.

Franz Gürtelschmied im Finale des 2. Aktes: strahlend virtuos als Athlète, mit 12 hohen Cs und extrem hoch notierten Koloraturen. Das war dem Publikum ein Sonderapplaus wert. Seine zweite Rolle – Gott Merkur – verlangte mehr Diensteifrigkeit als Virtuosität, auch das war kein Problem. Sonore junge Bass-Stimmen verliehen Jupiter (Daeho Kim) und dem Hohepriester (Will Forst) die nötige vokale Würde. Insgesamt eine gelungene, moderne Produktion, die auch dem Publikum sehr gefiel.

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