Der Wiener Pianist Rudolf Buchbinder feiert im Dezember nicht nur seinen Geburtstag, sondern auch den 70. Jahrestag seines Debüts im Konzerthaus – und spielt in aller Welt.

Im Dezember feiern Sie Ihren Achtziger. Im Wiener Konzerthaus schenken Sie sich selbst und Ihrem Publikum den Zyklus der 32 Beethoven-Sonaten an sieben Abenden.

Es ist mein 62. Beethoven-Zyklus!

Das dürfte ein Rekord sein. Nicht Ihr einziger, im Übrigen. In welchem Zeitraum ist Ihnen das gelungen?

Mein erster Beethoven-Zyklus fand im Rahmen des Carinthischen Sommers statt, das war zwischen 1979 und 1982: Jedes Jahr zwei Konzerte. 1982 folgte dann die Zürcher Tonhalle.

Können Sie sich auch noch an Ihren ersten Auftritt im Konzerthaus erinnern?

Ja. Das war eine Aufführung von Joseph Haydns Klavierkonzert in D-Dur mit dem Wiener Kammerorchester unter Wolfgang Gabriel, dem Vater des späteren Solo-Oboisten der Philharmoniker. Damals durften die Jüngsten der Musikakademie musizieren, und es spielten aus der Klasse von Marianne Lauder auch Sissy Weisshaar, die später eine gesuchte Professorin wurde, und der Hansi Weihs, der dann umgesattelt hat und als Geiger zu den Philharmonikern kam.

Das war im Dezember 1957, also knapp nach Ihrem elften Geburtstag!

Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie ich das als Bub geschafft habe. Aber das Erste Beethovenkonzert begleitet mich seither als eines meiner Herzenswerke.

Von den Beethoven-Sonaten gehören ja auch einige dazu, nicht zuletzt die „Appassionata“, die Sie so oft gespielt haben. Wie halten Sie es denn mit der Reihung der Stücke in einem solchen Zyklus, wie Sie ihn jetzt wieder in Wien absolvieren?

Viele Kollegen spielen die Sonaten in einem Zyklus chronologisch. Davon halte ich nichts. Es geht da auch darum, den Hörern Abwechslung zu bieten und Abend für Abend sozusagen den „ganzen Beethoven“ zu bieten. Nur bei den letzten drei Werken mache ich eine Ausnahme. Die soll man nicht auseinanderreißen. Ich spiele diese Sonaten auch ohne Pause. Eine Pause würde die Konzentration vollkommen stören!

Und eine Zugabe danach? Was spielt man nach Opus 111? Sie haben einmal Alban Bergs Sonate op. 1 zugegeben.

Eine für mich natürliche Fortsetzung, aber das habe ich wirklich nur ein einziges Mal gemacht. Es wurde nicht verstanden, von Teilen des Publikums nicht, aber auch nicht von einigen Kritikern. Aber Schubert passt immer.

Der ist ja wirklich so etwas wie ein Nachfolger…

Und er war einer der Fackelträger bei Beethovens Begräbnis!

Dass Sie an den einzelnen Abenden des Zyklus jeweils Werke aus allen Schaffensphasen Beethovens spielen, sichert stilistische Vielfalt. Formale Vielfalt ist bei diesem Komponisten ja ohnehin gegeben. Neun Symphonien, jede völlig anders. Aber 32 Klaviersonaten – auch jede anders?

Ja, wirklich! Darf ich es drastisch formulieren? Jede Sonate ist ein eigenes Monstrum. Es gibt inhaltlich keine Doubletten. Und was die Form betrifft, herrscht der größte Reichtum. Die Symphonien sind alle – bis auf eine – viersätzig. Aber wir haben zwei-, drei- und viersätzige Klaviersonaten. Das fanden die Zeitgenossen schon irritierend. Bei Opus 54 hat der Verleger nachgefragt: Wo ist der dritte Satz?

Und wenn Sie sagen: Monstrum – gilt das nicht nur für den inneren Reichtum der künstlerischen Aussage, sondern auch klaviertechnisch?

Manche Stellen sind sauschwer.

Vermutlich auch manches, was für das Publikum ganz simpel klingt?

Ja. Ganz abgesehen von den offenkundigen Hürden: 14 Seiten Fuge in der „Hammerklaviersonate“ sind ja keine Kleinigkeit. Und zum Stichwort „innerer Reichtum“: Es dauert eine Weile, bis man sich zumindest einen Überblick über diesen Kosmos verschafft hat, das stimmt. Manche Sonaten entwickeln sich dann schneller, bei anderen dauert es. Jedenfalls muss man sich in jede einzelne ganz unabhängig hineinarbeiten.

»Beethoven hat sein Lebtag gelitten unter den schlechten Instrumenten, die ihm zur Verfügung standen.«

Man darf nicht mit Krampf nach etwas Bestimmtem suchen. Auch nicht nach Parallelen zu anderen Sonaten. Jede steht für sich. Und wir entdecken unglaublich viele Facetten des Menschen Beethoven. Wir sprechen immer nur vom großen Humanisten, oder vom Revolutionär. Oft heißt es, seine Musik sei von tragischer Größe. Das kann sie auch sein, aber wenn es einen wirklichen Tragiker gibt, dann ist es Mozart, der immer so leicht genommen wird. Beethoven hatte ja auch viel Humor. Erhabenes steht oft neben viel Witz. Das muss man behutsam auffächern.

Haben Sie deshalb den gesamten Zyklus mehrmals aufgenommen?

Dazu kann ich eine Geschichte erzählen. Die erste Gesamtaufnahme habe ich 1979 gemacht. Es war 30 Jahre später, dass Joachim Kaiser, der bedeutende Kritiker der Süddeutschen Zeitung, mir gesagt hat: Rudi, Du musst die Beethovensonaten jetzt noch einmal aufnehmen. Und als ich ihn fragte, warum, hat er gemeint: Jetzt bist Du endlich frei! Das hat mir zu denken gegeben. Danach sind noch zwei Live-Aufnahmen entstanden.

Und wenn man Sie heutzutage nach den Erkenntnissen der sogenannten Originalklang-Bewegung befragt und nach den Klavieren der Beethoven-Zeit?

Da kann ich nur sagen: Er hat – wie später Franz Liszt – sein Lebtag gelitten unter den schlechten Instrumenten, die ihm zur Verfügung standen. Das ist die Wahrheit. Und seine künstlerische Fantasie hat ihn weit über die Möglichkeiten dieser Klaviere hinaus geführt! Nicht auszudenken, was er geschrieben hätte, wenn er unsere modernen Flügel gekannt hätte. Aber wenn Sie sagen: Originalklang. Für mich sind die detailgenauen Beschreibungen von Beethovens Schüler Carl Czerny wichtig, der uns ja für jedes Stück präzise Vortragsanweisungen überliefert hat. Zum Beispiel schreibt er bei den langsamen Sätzen oft: „nicht schleppen“. Wenn man das berücksichtigt und die Noten genau liest, dann heißt es im Mittelsatz des Fünften Klavierkonzerts doch: „Adagio, un poco moto“, also bewegt – und ein Bindebogen geht über die ersten zwei Takte hinweg.

Es ist falsch, dass das heute prinzipiell geteilt wird: Die Streicher spielen den ersten Takt Aufstrich, im zweiten Abstrich. Ich habe die Beethovenkonzerte ja oft auch als Pianist und Dirigent in Personalunion aufgeführt und bitte dann immer, die Phrase wirklich auf einen Bogen zu spielen. Man hat dann automatisch das richtige Tempo.

Sind Orchestermusiker bei solchen Dingen skeptisch?

Franz Bartolomey, der legendäre Solocellist der Philharmoniker, hat mir einmal gesagt: Das sind verrückte Striche, aber wenn es in Deinem Material so steht, dann sagen wir: Das haben wir immer so gespielt…

Das heißt, die Orchester spielen bei Aufführungen unter Ihrer Leitung nicht aus ihren gewohnten Stimmen?

Ich bringe immer mein eigenes Material mit! Da sind alle meine Erfahrungen gesammelt und auch viele Anregungen von bedeutenden Dirigenten eingeflossen. Und natürlich die Früchte viele Dialoge mit den Musikern über Möglichkeiten, wie man bestimmte Dinge besser machen könnte.

Der Sonatenzyklus im Wiener Konzerthaus wird dann wohl im Jubiläumsjahr nicht der einzige bleiben?

Stimmt. Der 63. findet dann beim Enescu-Festival in Bukarest statt.

Und in Grafenegg gibt es ein besonderes Geschenk?

Da wird demnächst ein neuer Kammermusiksaal eröffnet…

…und „Rudolf Buchbinder Saal“ heißen. Sie verabschieden sich ja als Festspiel-Intendant.

Ja, und ich bleibe Grafenegg als Präsident eines Festivals erhalten, das nun über drei exzellente Spielstätten verfügt. Darauf können wir wirklich stolz sein.

Sinkovicz im Netz: www.sinkothek.at

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