Nikosia/Islamabad. Es hat nicht gereicht. Rund 21 Stunden dauerte das historische Treffen der Delegationen unter US-Vizepräsident JD Vance und dem iranischen Parlamentspräsidenten Mohammad Baker Kalibaf in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Die Spitzenvertreter des Iran und der USA verhandelten nach fünf Wochen Krieg über Frieden zwischen ihren Ländern. Doch der Versuch einer Einigung scheiterte. Weder die USA noch der Iran kündigten die seit einigen Tagen geltende Waffenruhe auf, doch sie könnten nun in eine neue Eskalation im Streit um die Straße von Hormus schlittern. US-Präsident Donald Trump kündigte am Sonntag an, für de Iran die Meeresstraße durch die US-Marine zu blockieren. Zudem werde jedes Schiff in internationalen Gewässern abgefangen, das eine Gebühr an den Iran für die Durchfahrt gezahlt habe, schreibt Trump auf der Plattform Truth Social.
Der US-Präsident hatte die Seeblockade gegen den Iran in der Nacht auf Sonntag in einem Beitrag in sozialen Medien bereits angedeutet. Damit könnten alle iranischen Ölausfuhren unterbunden und eine Haupteinnahmequelle des Regimes trockengelegt werden.
Die gute Nachricht sei, dass die US-Vertreter substanzielle Gespräche mit den Iranern geführt hätten, sagte Vance nach dem Ende der Verhandlungen am frühen Sonntagmorgen im Luxushotel Serena in Islamabad. „Die schlechte Nachricht ist, dass wir keine Einigung erzielt haben.“
Vance sprach von einem „letzten und besten Angebot“ an die Iraner, dessen Inhalt er für sich behielt. Nun müsse man abwarten, ob Teheran darauf eingehe, sagte er. Der Vizepräsident warf den Iranern vor, sie wollten sich nicht auf einen eindeutigen Verzicht auf Atomwaffen und auf die Technologie zu deren Entwicklung festlegen. Das aber sei der Kern der US-Forderungen an die Islamische Republik.
Kalibaf gab den USA die Schuld am Scheitern der Gespräche. Amerika habe sich „in dieser Verhandlungsrunde“ nicht das Vertrauen der iranischen Delegation erwerben können, schrieb Kalibaf auf X. Mit der Formulierung ließ er die Möglichkeit weiterer Treffen offen. Der iranische Außenamtssprecher Esmaeil Bakaei teilte mit, es habe in Islamabad Teil-Einigungen gegeben, doch bei „zwei oder drei wichtigen Themen“ hätten die Differenzen nicht ausgeräumt werden können. Eine umfassende Einigung bei diesem ersten Treffen sei ohnehin nicht zu erwarten gewesen.
Vermittler Pakistan rief beide Seiten dazu auf, sich weiter an die Waffenruhe zu halten. Am Sonntag gab es keine neuen Gefechte. Allerdings gab es auch keine Verabredung für ein Folgetreffen.
Iranischen und amerikanischen Medienberichten zufolge scheiterten die Gespräche am Streit um die iranische Kontrolle über die Straße von Hormus, der US-Forderung nach Herausgabe von 440 Kilogramm hochangereichertem Uran aus dem Iran und der iranischen Bedingung, dass die USA rund 27 Milliarden Dollar an eingefrorenen Auslandsguthaben des iranischen Staates freigeben sollen.
Das iranische Regime sagt, es wolle keine Atombombe bauen, die Kernenergie aber friedlich nutzen. Sollten die USA in Islamabad einen Verzicht auf jede Art von Atomprogramm gefordert haben, sei die Ablehnung der Iraner unvermeidlich gewesen, kommentierte der Nahost-Experte Ali Alfoneh vom Arab Gulf States Institute in Washington. Der Iran sei sicher, bis zu den US-Kongresswahlen im Herbst weiter Druck auf die US-Regierung ausüben zu können, sagt Alfoneh zur „Presse“.
US-Präsident Donald Trump ist wegen seiner Konzeptlosigkeit im Iran-Krieg und der steigenden Benzinpreise innenpolitisch in die Defensive geraten. Kalibaf und seine Delegation waren selbstbewusst nach Islamabad gereist. Das iranische Regime hat die amerikanisch-israelischen Luftangriffe überlebt und sich im Laufe des Krieges die Kontrolle über den weltwirtschaftlich wichtigen Tankerverkehr in der Meerenge von Hormus gesichert. Teheran will diese Kontrolle auch nach dem Krieg behalten, während die USA die sofortige Freigabe der Meerenge verlangen.
Noch während Vance, Kalibaf und die anderen Unterhändler zusammensaßen, eskalierte der Streit um die Wasserstraße. Die USA begannen nach Militärangaben mit der Räumung iranischer Seeminen, der Iran drohte mit Angriffen auf die US-Kriegsschiffe. Einen offenen Konflikt mit den Amerikanern will Teheran aber vermeiden.
Laut einem Bericht des US-Senders NBC passierten am Samstag mindestens 16 Schiffe die Meerenge, mehr als an den meisten Tagen seit Inkrafttreten der Waffenruhe am Mittwoch. Das ist nur etwa ein Zehntel der Tanker, die vor dem Krieg mit ihren Ladungen von Öl und Gas durch die Wasserstraße zu den Weltmärkten fuhren – für die USA ist das viel zu wenig.
Auch der israelische Krieg gegen die proiranische Hisbollah-Miliz im Libanon könnte die Suche nach einer Lösung torpedieren. Pakistan und der Iran verlangen ein Ende des israelischen Feldzugs im Rahmen der geltenden Waffenruhe, doch die USA und Israel lehnen das ab. Bei einem israelischen Luftangriff im Süden des Libanon am Sonntagmorgen starben fünf Menschen.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hält sich zudem die Möglichkeit offen, die Luftangriffe auf den Iran wieder aufzunehmen. Der Krieg sei noch nicht vorbei, erklärte er am Wochenende. Israel habe „noch mehr zu tun“, sagte Netanjahu.
Damit steigt die Gefahr, dass die Kriegsparteien die Waffenruhe nicht zu weiteren Friedensgesprächen, sondern zur Vorbereitung auf eine neue Runde der Auseinandersetzungen nutzen werden. US-Geheimdienste wollen laut dem Sender CNN beobachtet haben, dass China die Lieferung neuer Luftabwehrsysteme an den Iran vorbereitet.