13. April 2026

Uwe Kerkow

Ein Gemisch knatschbuter Süßigkeiten

(Bild: Zigmunds Dizgalvis, shutterstock)

Nach Birkenzucker kommt nun Tagatose und verspricht fast die Süße von Zucker. Aber sind die Zuckeraustauchstoffe auch gesund?

Tagatose ist nur einer von mehreren neuartigen Zuckerersatzstoffen, die in den vergangenen Jahren in Europa zugelassen wurden. Zugelassen sind auch Xylit (Birkenzucker, E 967), Erythrit (E 968), Isomalt (E 953), Sorbit (E 420), Mannitol (E 421), Lactit (E 966), Maltit (E 965) und Polyglycitolsirup (E 964).

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Obwohl alles zuckerähnliche Substanzen, unterscheiden sich die Zuckeraustauschstoffe chemisch signifikant von dem als Zucker bekannten Disaccharid, das aus den Einfachzuckern Glucose und Fructose zusammengesetzt ist. Und sie versprechen Vorteile gegenüber Haushaltszucker: weniger Kalorien, Zahnfreundlichkeit oder eine geringere Wirkung auf den Blutzuckerspiegel.

Allerdings bringen diese Stoffe auch Nachteile mit sich, warnt die Verbraucherzentrale Hamburg. Für viele Zuckerersatzstoffe hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) eine erlaubte Tagesdosis festgelegt, andere werden gerade neu bewertet. Bei einigen Zuckeralternativen sind auch Nebenwirkungen bekannt, vor allem Blähungen und Darmbeschwerden.

Kaum Wirkung auf Blutzucker und Insulin

Tagatose ist ebenfalls ein Einfachzucker, der in geringen Mengen auch natürlicherweise in einigen Milchprodukten vorkommt. Er besitzt etwa 92 Prozent der Süßkraft von normalem Haushaltszucker, liefert aber mit 1,5 Kilokalorien pro Gramm nur rund 38 Prozent der Energie. Haushaltszucker schlägt mit vier Kilokalorien pro Gramm zu Buche.

Besonders interessant ist Tagatose für Menschen mit Diabetes oder Blutzuckerproblemen. Anders als Haushaltszucker oder viele künstliche Süßstoffe lässt Tagatose den Blutzucker- und Insulinspiegel kaum ansteigen, wie Studien mit Testpersonen zeigten.

Der Grund dafür liegt in der besonderen Verstoffwechselung: Nur ein Teil der Tagatose wird über den Dünndarm ins Blut aufgenommen. Der größere Anteil gelangt in den Dickdarm, wo er fermentiert wird – ähnlich wie Fruchtzucker (Fructose).

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Auch für die Zahngesundheit könnte Tagatose Vorteile bieten. Anders als Haushaltszucker, der bestimmte Mundbakterien füttert, die zu Karies beitragen, scheint Tagatose die Mundflora zu schonen.

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Nebenwirkungen bei hohem Verzehr

Allerdings hat auch Tagatose Nachteile. Da der Zucker ähnlich wie Fructose verstoffwechselt wird, sollten Menschen mit Fructoseintoleranz vorsichtig sein. Zudem kann Tagatose ähnlich wie die Malzzucker in größeren Mengen abführend wirken und zu Darmbeschwerden wie Blähungen oder Durchfall führen.

In Europa ist Tagatose seit 2005 als sogenanntes Novel Food zugelassen – also als neuartiges Lebensmittel, das vor Mai 1997 in der EU nicht nennenswert für den menschlichen Verzehr verwendet wurde. Auch in den USA wird Tagatose bereits in einigen Produkten eingesetzt, etwa als Überzugsmittel für Frühstücksflocken oder in zuckerfreiem Eis.

Die Europäische Union schreibt jedoch vor, dass Produkte ab 15 Gramm Tagatose pro Portion den Hinweis tragen müssen: „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“. Bei Getränken gilt dies ab einem Prozent Tagatose-Gehalt.

Bisher teuer und selten

Die größte Hürde für eine breitere Verwendung von Tagatose war bisher allerdings die aufwendige und teure Herstellung. Kommerziell wird der Zucker aus Lactose gewonnen, dem Milchzucker. Nun sollen gentechnisch veränderte Escherichia coli Bakterien als ebenso winzige wie zahlreiche Fabriken Tagatose erzeugen.

Durch die gentechnische Veränderung kehren die Bakterien ihren natürlichen Stoffwechselweg um: Normalerweise bauen sie Galactose zu Glucose ab. Stattdessen wird nun Galactose aus der zugeführten Glucose erzeugt, aus der dann Tagatose synthetisiert werden kann.

Mit dieser Methode erreichen die Forscher der Universität Tufts im US-Bundesstaat Massachusetts eine Ausbeute von bis zu 95 Prozent – deutlich mehr als mit bisherigen Verfahren. Das Team veröffentlichte seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift Cell Reports Physical Science.

Die Forscher arbeiten nun daran, ihre Produktionslinie weiter zu optimieren. Sie hoffen, dass ihre Strategie zudem einen Ansatzpunkt für die künftige Herstellung weiterer seltener Zucker liefert. Nach einigen Schätzungen könnte der Tagatose-Markt bis zum Jahr 2032 einen Wert von 250 Millionen US-Dollar erreichen.

Lieber weniger Zucker statt Ersatzstoffe

Besser als Zucker nur durch Ersatzstoffe zu ersetzen, wäre es, den Zuckerkonsum allmählich zu reduzieren und sich langsam an einen weniger süßen Geschmack zu gewöhnen. Denn der durchschnittliche Zuckerkonsum in Deutschland liegt laut Destatis bei umgerechnet 38 Würfeln Zucker pro Tag – mehr als doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt.

Die WHO rät, maximal zehn Prozent des täglichen Energiebedarfs in Form von Zucker zu decken. Bei einer Gesamtenergiezufuhr von 2000 Kilokalorien pro Tag entspricht das gerade einmal 17 Zuckerwürfel.

Die Bundesregierung hat in ihrer Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten das Ziel gesetzt, die Rezepturen so anzupassen, dass Verbraucher weniger Zucker, weniger ungünstige Fette und weniger Salz aufnehmen.

Die Gewöhnung an Süße

Doch ganz unabhängig von der Frage, wie gesund Kristallzucker und Zuckeraustauschstoffe sind, auswirken, ist unbestritten, dass Menschen an süßen Geschmack gewöhnt werden können. Diesen Umstand macht sich die Industrie insbesondere auch bei Lebensmitteln für Kinder gezielt zunutze, weil die ersten Lebensjahre in Bezug auf das Süße-Empfinden besonders prägen.

Wissenschaftlich gesichert ist, dass sich unsere Präferenz für Süßes erhöhen kann – unabhängig davon, woher die Süße stammt. Der sogenannte Bliss-Point, also der Punkt optimaler Süße, verschiebt sich durch regelmäßigen Konsum. Wer dauerhaft weniger Süßes isst, kann diese Präferenz aber auch wieder zurücktrainieren.