Es begann mit „El Temperamento“ und „Vayamos Compañeros“: Letzterer Track wurde zum Sommerhit und war in elf Ländern erfolgreich. 20 Jahre später sind Marquess immer noch da.

Insgesamt hielten sich ihre Veröffentlichungen knapp 200 Wochen in den deutschen Charts. Trotzdem sind Marquess immer noch für viele ein Mysterium. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklären Sänger Sascha Pierro, Keyboarder Christian Fleps und Gitarrist Dominik Decker den Entstehungsprozess ihres Werks, welche Rolle KI dabei spielt und warum ihre Texte schon Eingang in den Spanischunterricht an so mancher Schule gefunden haben.

Marquess feiern 20-jähriges Bühnenjubiläum. Warum ist die Geschichte der Band noch nicht auserzählt?

Christian Fleps: Der Hauptgrund ist, dass wir nach wie vor Lust haben zu produzieren und zu schreiben. Um auf der Bühne zu stehen und sich nicht ständig zu wiederholen, braucht man eben neue Platten. Seit Ende des vergangenen Jahres verspüren wir wieder eine große Motivation, neue Songs im Studio aufzunehmen. Unsere Geschichte ist nie auserzählt.

Dominik Decker: Tatsächlich haben wir von Album zu Album immer ein paar Sachen anders gemacht. Ich weiß nicht, ob das alle immer so gemerkt haben (lacht). Uns war es aber sehr wichtig, damit das Musikmachen wirklich spannend bleibt.

Auf dem neuen Album „Superelastico“ sind lebensbejahende Songs wie „Pura Vida“ oder „Vamos a la playa“ zu hören. Sind Sie Ihrem typischen Marquess-Sound treu geblieben?

Marquess "Superelastico"


Das neue Album „Superelastico“ erscheint am 14. August.

© Marquess

Sascha Pierro: Für uns selbst sind die Lieder auf dem Album viel unterschiedlicher, als sie von Außen manchmal wahrgenommen werden. Ansonsten stünden wir jetzt auch nicht bei elf Alben, sondern hätten vermutlich nach der Hälfte schon aufgehört. Wir haben das Gefühl, dass etwa die Titel „Superelastico“ und „Pura Vida“ komplett verschieden klingen. Dennoch sind wir natürlich dieselben Musiker geblieben, die zum Beispiel für harmonischen Gesang stehen.

Stecken Sie heute mehr Liebesmüh in Ihre Alben als zu Beginn der Karriere?

Decker: So würde ich es nicht sagen, aber wir haben mehr Zeit als früher. Unser allererstes Album „Marquess“ (erschienen im September 2006; Anm. d. Red.) ist innerhalb von drei Wochen entstanden, also fast in KI-Geschwindigkeit. Heute halten wir einen Entstehungsprozess von ungefähr einem halben Jahr für angemessen. Das ist eine gute Zeitspanne, um die Ideen reifen zu lassen – ohne Gefahr zu laufen, dass Ermüdungserscheinungen aufkommen.

KI-Experimente: Marquess teilen „erschreckende“ Erfahrungen

Spielt KI bei der Produktion Ihrer Songs eine Rolle?

Fleps: Das Thema Künstliche Intelligenz wird in der gesamten Musiker- und Produzentenszene kontrovers diskutiert. Zwar kann man mithilfe der KI sehr schnell einen Song kreieren lassen, für uns kommt das aber nicht infrage. Wir schreiben unsere Songs selbst. Aber natürlich kann man sich die KI zunutze machen, indem man sie mit Ideen füttert. Die KI gibt einem dann Beispiele, wie diese Ideen klingen können. Wir haben das mal ausprobiert …

Mit welchem Ergebnis?

Fleps: Das Spannende ist, dass wir in einem speziellen Genre unterwegs sind. Die KI ist bereits mit unseren Liedern gefüttert. Tatsächlich fühlt es sich befremdlich an, wenn man sich dann quasi selbst hört. Gesang, Akkordfolgen und Gitarrenhooks klingen schon sehr nach uns. Man muss sich aber damit auseinandersetzen, das Thema KI kann man nicht wegschieben. Es sollte alles nur rechtlich abgeklärt sein. Da ist wahrscheinlich der Gesetzgeber gefragt.

Decker: Ich muss dazu sagen, dass wir die KI-Vorschläge natürlich nicht verwendet haben. Aber ich stimme Christian zu: Es ist wirklich erschreckend, wenn man sich sozusagen selbst hört.

Würden Sie sagen, dass Marquess in Sachen Latin Pop Vorreiter in Deutschland sind?

Fleps: Wenn man über sich selbst redet, wäre es etwas vermessen, das so darstellen zu wollen. Wahrscheinlich trifft es aber zu, dass wir innerhalb Deutschlands einen gewissen Einfluss hatten. Dass diese Art von Musik heutzutage im deutschen Radio stattfindet, hat sicherlich zum Teil etwas mit uns zu tun. Wobei es damals schon Juanes gab, der uns auf eine gewisse Art und Weise beeinflusst hat. Nach uns kamen weitere gute und spannende Musiker wie Álvaro Soler. Heute sind wir ein Teil dieser Gemeinschaft. Und ich würde schon behaupten, dass wir, auch wenn wir Spanisch singen, einen gewissen Teil zum Kulturleben hierzulande beigetragen haben.

Wer inspiriert Sie heute?

Decker: Wir sind schon immer von unterschiedlicher Musik geprägt worden. Flamenco, Gitarren, kubanische Musik: All das spielt eine Rolle. Grundsätzlich kommen wir aber aus der Popmusik. Auf unserem neuen Album hört man auch Retro-Synthie-Vibes, die man vorher von uns so nicht kannte. Der Titel „Superelastico“ ist von unserer Jugend beeinflusst.

20 Jahre Marquess: Vom Mega-Hit bis zur Kritik an den Songtexten

Hatten Sie nach „Vayamos Compañeros“ vor knapp 20 Jahren die Befürchtung, in die One-Hit-Wonder-Schublade gesteckt zu werden?

Decker: Die Gefahr haben wir nie gesehen, zumal auch „El Temperamento“ schon ein Hit war – wenngleich natürlich nicht ein so großer wie „Vayamos Compañeros“. Schließlich war dieser Titel in elf europäischen Ländern erfolgreich. Aus dem Grund wird man manchmal schon als One-Hit-Wonder wahrgenommen. Uns als Band hat das aber nie belastet, weil wir immer weiter Musik gemacht haben.

Fleps: Auch mich stört es überhaupt nicht. Selbst wenn wir ein One-Hit-Wonder wären, könnte ich damit leben. Denn auch das ist nicht selbstverständlich, man muss das erstmal schaffen. Trotzdem weiß immer noch nicht jeder, wer Marquess ist. Manche Leute denken, dass ein einzelner Sänger dahintersteckt. In Wirklichkeit sind wir natürlich eine Band.

An welchem Format würden Sie gerne einmal teilnehmen? Beim ESC-Vorentscheid waren Sie schon dabei, Sascha 2003 alleine, Marquess 2008. Wie wäre es mit „Sing meinen Song“ oder einem weiteren ESC-Anlauf?

Pierro: „Sing meinen Song“ ist schon ein interessantes Format. Da werden wirklich neue Sachen ausprobiert. Sehr unterhaltsam! Beim ESC müsste es für meinen Geschmack wieder mehr um die Lieder und Künstler gehen. Nicht nur darum, wer die großartigste Bühnenkulisse hat …

Sie hatten vor einem Jahr einen schweren Vespa-Unfall. Wie geht es Ihnen heute körperlich und mental? Und fahren Sie hin und wieder noch mit einer Vespa?

Pierro: Ja, das war leider ein schlimmes und schmerzhaftes Erlebnis. Ich bin aber auf dem Wege der Besserung. Es braucht aber noch Zeit und vor allem viel Training. Ich denke, ein wenig Zeit lasse ich mir noch, bevor ich mir Gedanken über eine neue Vespa mache.

Stimmt es eigentlich, dass Marquess nach einem Hotel benannt wurden?

Fleps: In der Tat gibt es sehr viele Legenden, doch diese stimmt. Marquess war eine von vielen Ideen, wie unsere Band heißen könnte. Entstanden ist die Idee während einer Mallorca-Reise. Wir hatten damals beruflich dort zu tun. Nichts ist schwieriger, als einen Bandnamen zu erfinden. Ich weiß nicht, was sich Depeche Mode oder U2 bei ihrem Bandnamen gedacht haben. Jedenfalls muss man sich irgendwann einfach entscheiden.

Pierro: Einige denken immer noch, dass ich Marquess heißen würde (lacht).

Die Band wurde anfangs dafür kritisiert, dass die Songtexte grammatikalisch von der spanischen Standardsprache abweichen. Wie gehen Sie damit heute um?

Decker: Sogar in unserer Anfangszeit haben wir viel positives Feedback bekommen, etwa von Schulen. Einige Lehrerinnen und Lehrer haben unsere Lyrics in den Spanischunterricht einfließen lassen. Und das sprach ja für unsere Texte.

Fleps: Im Unterschied zu früher verwenden wir heute keine oder kaum Redewendungen mehr. Wenn beispielsweise jemand während eines Argentinien-Urlaubs eine Redewendung aufschnappte, führte das dann zu Missverständnissen. Seit weit mehr als zehn Jahren arbeiten wir mit Nene Vasquez zusammen. Nene kommt aus Venezuela und er achtet sehr darauf, dass alles korrekt ist.

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Können Sie heute noch neue Marquess-Fans dazugewinnen?

Decker: Das passiert schon. Manche Leute kennen eher unsere neueren Sachen und sind dann überrascht, dass „Vayamos Compañeros“ auch von uns ist. Streaming ist für Künstlerinnen und Künstler eigentlich ein Nachteil, weil es schlecht bezahlt ist. Es hat aber den Vorteil, dass es zu einer Verbreitung kommt, die oft ungeplant stattfindet. Dadurch finden auch junge Leute den Weg zu unserer Musik und zu unseren Konzerten.

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Fleps: Auffällig ist, dass mittlerweile mehr Leute unsere kompletten Texte mitsingen können. Da hat eine richtige Entwicklung stattgefunden.

Über die GesprächspartnerDie deutsche Popmusik-Band Marquess kommt aus Hannover und besteht aus den Mitgliedern Sascha Pierro (Gesang), Christian Fleps (Keyboard) und Dominik Decker (Gitarre). Der Bassist und Keyboarder Marco Heggen verließ die Band 2011. Der bekannteste Marquess-Song „Vayamos Compañeros“ wurde 2007 veröffentlicht und war auf dem mit Platin ausgezeichneten Album „Frenetica“ enthalten.