Zum Tod von José van Dam

Humorvoller Bösewicht

19.02.2026 von Annika Täuschel

Fast 50 Jahre war er eine unumstrittene Größe: Der Bassbariton José van Dam gehörte zu den Lieblingssängern Herbert von Karajans. Bewundert vor allem für seine stimmgewaltige Verkörperung diverser Opernbösewichte, von Amfortas bis König Philipp. Am 17. Februar ist er im Alter von 85 Jahren verstorben.

Bildquelle: picture alliance / dpa | Benoit Doppagne

Audio: Nachruf Bassbariton José van Dam

Es gebe nur zwei Dinge, die im Leben wichtig seien, verriet José van Dam einmal im Interview: Liebe und Humor. Betrachtet man die Fotos auf seinen CDs, dann wirkt er gar nicht so humorvoll, der Bassbariton. Oft blickt er ernst drein, aufmerksam, nachdenklich, eine eigenartige Mischung aus streng und gütig. Aber klar, Plattencover zeigen selten die ganze Wahrheit. Und schon gar nicht im Fall von José van Dam.

Es muss furchtbar sein, wenn man keinen Humor hat.

José van Dam

Früher Erfolg, lange Karriere

Van Dam kommt 1940 in Brüssel zur Welt, die Familie ist nicht besonders musikalisch. Aber ein Freund des Vaters merkt, dass der kleine José Talent und eine schöne Stimme hat. Die bleibt auch nach dem Stimmbruch erhalten, und so beginnt er mit 17 Jahren sein Gesangsstudium am königlichen Konservatorium von Brüssel. Es dauert nicht lang, nur vier Jahre, da holt die Pariser Oper den jungen Bassbariton ins Ensemble. 1961 feiert er sein Debüt als Don Basilio in Rossinis „Barbier von Sevilla“, singt zunächst kleinere und mittlere Rollen, dann Escamillo in Bizets „Carmen“. Die nächste Station ist Genf. 1967 folgt Berlin, hier ernennt man José van Dam zu Kammersänger. Herbert von Karajan wird einer seiner größten Förderer in einer internationalen Karriere, die satte 50 Jahre lang unbeschadet andauern und van Dam regelmäßig nach London, an die Scala, die Met, zu den Salzburger Festspielen und immer wieder in seine Heimatstadt Brüssel ans Théâtre la Monnaie führen wird.

José van Dam als vielseitiger Bösewicht

Sein Herz hänge vor allem an dramatischen Partien, bekannte José van Dam noch zu aktiven Zeiten. Und in der Tat ist José van Dam auf der Opernbühne der Inbegriff der versammelten stimmgewaltigen Bösewichter und dramatischen Helden: Scarpia, Holländer, Méphistopheles, Amfortas, Hans Sachs und König Philipp.

Ich liebe Rollen, die ein bisschen weh tun.

José van Dam

Jose van Dam / Foto 1998 Dam, Jose van (Van Damme, Joseph) Belg. Saenger (Bass-Bariton); geb. 27.8.1940 in Bruessel. Foto, 1998. | Bildquelle: Marion Kalter
José van Dam (1940 – 2026) | Bildquelle: Marion Kalter

Aber in ihm und seiner Stimme stecken weit mehr Nuancen: feinsinnige, auch hinterlistige und urkomische. So gelingen ihm auch mit Verdis Falstaff, Mozarts Leporello und Puccinis Scharlatan Gianni Schicchi gesanglich und darstellerisch immer wieder grandiose Rollenporträts. Wobei gerade Puccini für den Bassbariton immer eine Gratwanderung war: „Wenn man Puccini singt, braucht man eine Breite in der Stimme, die man bei Verdi oder Wagner zum Beispiel nicht nötig hat. Puccinis Orchestration ist ziemlich dick, er hat weniger Rücksicht auf die Stimme genommen wie Verdi oder Wagner. Und daran muss man sich gewöhnen“, sagte van Dam.

Reiches Repertoire

José van Dam lebt bei Mozart, Verdi, Wagner und Debussy auf, aber der Belgier ist auch an zeitgenössischer Musik interessiert. Luigi Dallapiccolas „Ulisse“ hebt er mit aus der Taufe. Und nachhaltig Furore macht der Bassbariton mit der äußerst komplexen Titelpartie bei der Uraufführung von Olivier Messiaens „Saint Francois d’Assise“ 1983 an der Opéra Garnier in Paris.

RECITAL JOSÉ VAN DAM (2003-04)

Demut bis zum Schluss

2010 tritt José van Dam von der Bühne ab. 70 Jahre ist er damals alt. Ein halbes Jahrhundert Bühnen- und Konzertleben liegt hinter ihm. Geprägt durch ein beeindruckend breit gefächertes Repertoire und eine immer samtig weiche, voluminöse und dennoch biegsame, wandlungsfähige Stimme.

Diese künstlerische Bilanz ist selbst in der Klassik-Champions-League selten und hat José van Dam doch nie arrogant oder übermütig werden lassen. Wohl, weil er demütig geblieben ist, und sich die Liebe und den Humor bewahrt hat. Und wenn man genau schaut, dann sieht man ein Fünkchen davon sogar auf den strengen Fotos.

Autorin des Textes: Annika Täuschel

Sendung: „Leporello“ am 19. Februar 2026 ab 16.05 Uhr auf BR Klassik und veröffentlicht im Podcast „Klassik aktuell“
Sendung: „Klassik Stars“ am 20. Februar 2026 ab 18.03 Uhr auf BR Klassik