{"id":100283,"date":"2026-04-13T14:28:21","date_gmt":"2026-04-13T14:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/100283\/"},"modified":"2026-04-13T14:28:21","modified_gmt":"2026-04-13T14:28:21","slug":"europa-schau-auf-frankreich-heise-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/100283\/","title":{"rendered":"Europa, schau auf Frankreich! | heise online"},"content":{"rendered":"<p>              Europa, schau auf Frankreich!<\/p>\n<p>    close notice<\/p>\n<p class=\"notice-banner__text a-u-mb-0\">\n      This article is also available in<br \/>\n        <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/en\/opinion\/Europe-look-at-France-11254781.html\" class=\"notice-banner__link a-u-inline-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">English<\/a>.<\/p>\n<p>      It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.\n    <\/p>\n<p class=\"notice-banner__link a-u-mb-0\">\n    Don\u2019t show this again.\n<\/p>\n<p>Frankreich macht bei der digitalen Souver\u00e4nit\u00e4t gerade das, woran Deutschland und weite Teile Europas seit Jahren scheitern: Es handelt. Nicht irgendwann, nicht in Modellprojekten und nicht nur in Sonntagsreden. Sondern jetzt, systematisch und mit einem Tempo, das in der europ\u00e4ischen Digitalpolitik fast schon revolution\u00e4r wirkt.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Ein Kommentar von Moritz F\u00f6rster\" height=\"2883\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg' width='696px' height='391px' viewBox='0 0 696 391'%3E%3Crect x='0' y='0' width='696' height='391' fill='%23f2f2f2'%3E%3C\/rect%3E%3C\/svg%3E\" style=\"aspect-ratio: 2882 \/ 2883; object-fit: cover;\" width=\"2882\"\/><\/p>\n<p class=\"a-inline-textbox__synopsis\">\n          Moritz F\u00f6rster schreibt seit 2012 f\u00fcr die iX und heise online. Er betreut neben dem iX-Channel den Bereich Arbeitsplatz.\n        <\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigungen aus Paris sind eben kein weiteres Papier, das das Problem der Abh\u00e4ngigkeit noch einmal fein s\u00e4uberlich beschreibt. Davon gibt es in Europa mehr als genug. Frankreich zieht aus der Diagnose Konsequenzen. Alle Ministerien und ihre nachgeordneten Beh\u00f6rden m\u00fcssen bis Herbst 2026 konkrete Roadmaps vorlegen, wie sie Abh\u00e4ngigkeiten abbauen wollen. Und zwar quer durch den Stack: Arbeitsplatzsysteme, Kollaborationswerkzeuge, Antivirensoftware, KI-Systeme, Datenbanken, Virtualisierung und Netzwerktechnik. Das ist der entscheidende Punkt. Souver\u00e4nit\u00e4t wird nicht l\u00e4nger beschworen, sondern in Arbeitspakete, Zust\u00e4ndigkeiten und Fristen \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Genau darin liegt die St\u00e4rke des franz\u00f6sischen Ansatzes. Paris behandelt digitale Souver\u00e4nit\u00e4t nicht als Symbolpolitik, sondern als Infrastrukturpolitik. Es geht nicht darum, irgendwo ein europ\u00e4isches Logo auf ein bestehendes Problem zu kleben. Es geht darum, die technologische Basis des Staates so umzubauen, dass Abh\u00e4ngigkeiten kleiner und Wechsel \u00fcberhaupt erm\u00f6glicht werden. Das klingt weniger glamour\u00f6s als das n\u00e4chste Strategiepapier. Es ist aber sehr viel relevanter.<\/p>\n<p>Erst bei sich selbst anfangen<\/p>\n<p>Der angek\u00fcndigte <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Frankreichs-Plan-Weg-von-Windows-hin-zu-Linux-11251566.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wechsel von Windows zu Linux<\/a> bei der Digitalbeh\u00f6rde DINUM ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Man kann dar\u00fcber streiten, wie schnell und wie reibungslos so eine Migration gelingt. Aber die politische Botschaft ist glasklar: Der Staat beginnt bei den eigenen Arbeitspl\u00e4tzen. Er fordert also nicht nur von anderen digitale Souver\u00e4nit\u00e4t, sondern setzt als erstes bei den eigenen Strukturen an. Genau so entsteht Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p>Noch wichtiger ist, dass Frankreich nicht beim Betriebssystem stehen bleibt. Parallel migrieren Beh\u00f6rden auf staatlich betriebene Werkzeuge f\u00fcr Kommunikation und Zusammenarbeit. Die Krankenversicherung Caisse nationale d&#8217;Assurance maladie will ihre rund 80.000 Besch\u00e4ftigten auf <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Tchap-Frankreichs-nicht-so-exklusiver-Regierungschat-4403961.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tchap<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Frankreich-ersetzt-MS-Teams-und-Zoom-durch-eigene-Videokonferenzsoftware-11155120.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Visio<\/a> und France Transfert umstellen. Das ist keine nette Finger\u00fcbung f\u00fcr ein paar IT-affine Referate, sondern Skalierung. Wenn ein Staat solche Gr\u00f6\u00dfenordnungen bewegt, ver\u00e4ndert er M\u00e4rkte, Betriebsrealit\u00e4ten und Erwartungen. Dann entstehen Fakten statt Folien.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Besonders aufschlussreich ist auch der Blick auf die Gesundheitsdatenplattform. Die Regierung hatte bereits angek\u00fcndigt, sie bis Ende 2026 auf eine \u201evertrauensw\u00fcrdige\u201c, also europ\u00e4isch betriebene L\u00f6sung zu migrieren. Gerade hier zeigt sich, warum digitale Souver\u00e4nit\u00e4t mehr ist als industriepolitische Romantik. Wer bei sensiblen Gesundheitsdaten dauerhaft von externen Plattformen abh\u00e4ngt, schafft nicht nur technische, sondern auch politische Verwundbarkeiten. Frankreich behandelt diese Verwundbarkeit als strategisches Problem. Das ist n\u00fcchtern betrachtet einfach vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p>Offene Standards statt neuer Abh\u00e4ngigkeiten<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Paris denkt das Thema nicht als Austausch eines Anbieters gegen den n\u00e4chsten. Genau darin unterscheiden sich ernst gemeinte Souver\u00e4nit\u00e4tsstrategien von blo\u00dfer Ersatzbeschaffung. Frankreich setzt auf offen entwickelte Software, die \u201ecommuns num\u00e9riques\u201c, und auf Interoperabilit\u00e4tsstandards wie Open-Interop und OpenBuro. Das mag sperrig klingen, ist aber der eigentliche Kern der Sache. Denn souver\u00e4n ist nicht, wer schlicht einen europ\u00e4ischen Monopolisten an die Stelle eines amerikanischen setzt. Souver\u00e4n ist, wer bei beliebigen Komponenten wechseln kann, ohne jedes Mal das ganze Haus neu zu bauen.<\/p>\n<p>Interoperabilit\u00e4t ist damit keine technische Nebensache f\u00fcr Architektenrunden, sondern ein Machtinstrument. Wenn Schnittstellen offen sind und Systeme austauschbar bleiben, sinkt der Preis eines Wechsels. Und erst dann bekommt ein Staat \u00fcberhaupt wieder echte Entscheidungsfreiheit. Frankreich scheint das verstanden zu haben. Es versucht nicht nur, bestehende Lock-ins zu reduzieren, sondern will im selben Schritt verhindern, dass die n\u00e4chsten gleich wieder entstehen.<\/p>\n<p>Der Staat als Marktgestalter<\/p>\n<p>Richtig ist auch, dass Paris den Staat nicht als hilflosen Kunden begreift, sondern als Marktgestalter. Die staatliche Beschaffungsbeh\u00f6rde DAE soll bestehende Abh\u00e4ngigkeiten kartieren. Die Wirtschaftsbeh\u00f6rde DGE soll definieren, welches europ\u00e4ische digitale Angebot verf\u00fcgbar ist oder aufgebaut werden muss. F\u00fcr Juni sind zudem erste \u201erencontres industrielles du num\u00e9rique\u201c angek\u00fcndigt, also Branchentreffen, auf denen \u00f6ffentlich-private Partnerschaften konkret werden sollen. Dahinter steckt eine simple Einsicht, die in Europa erstaunlich oft vergessen wird: Ein souver\u00e4ner Markt entsteht nicht von allein, wenn der Staat weiter einkauft wie bisher und nur auf das Wunder eines sich pl\u00f6tzlich materialisierenden europ\u00e4ischen \u00d6kosystems hofft.<\/p>\n<p>Frankreich dreht diese Logik um. Erst schafft der Staat verl\u00e4ssliche Nachfrage. Dann organisiert er Angebot, Kooperation und Standards. Das ist kein Protektionismus aus Reflex, sondern konkrete Politik f\u00fcr die Digitalindustrie. Und es ist \u00fcberf\u00e4llig. Denn die europ\u00e4ische Debatte litt lange unter einem seltsamen Widerspruch: Alle beklagten die Abh\u00e4ngigkeit von au\u00dfereurop\u00e4ischen Anbietern, aber kaum jemand wagte, die Instrumente zu nutzen, mit denen sich M\u00e4rkte tats\u00e4chlich verschieben lassen.<\/p>\n<p>Dazu passt, dass die franz\u00f6sische Initiative mehrere Ebenen zusammenf\u00fchrt. Ministerien, Beh\u00f6rden und Privatunternehmen sollen in thematischen Koalitionen zusammenarbeiten. Das ist wichtig, weil digitale Souver\u00e4nit\u00e4t nicht in Ressortgrenzen funktioniert. Wer nur die Verwaltung modernisiert, aber keine industriellen Partner einbindet, baut bestenfalls Insell\u00f6sungen. Wer nur europ\u00e4ische Anbieter f\u00f6rdern will, aber keine Standards und keine Nachfrage schafft, produziert vor allem Pressemitteilungen. Frankreich versucht immerhin, beides zusammenzudenken.<\/p>\n<p>Ja, es kann schiefgehen \u2013 aber das ist kein Argument<\/p>\n<p>Man kann an all dem vieles kritisch begleiten. Linux-Migrationen sind erfahrungsgem\u00e4\u00df kein Selbstl\u00e4ufer. Eigene Kollaborationstools m\u00fcssen f\u00fcr regul\u00e4re Anwender benutzbar und nicht nur souver\u00e4n sein. Roadmaps sind noch keine Resultate. Und nat\u00fcrlich wird es R\u00fcckschl\u00e4ge geben. Gro\u00dfe IT-Umstellungen ohne Reibung hat noch niemand erfunden. Aber das ist kein Gegenargument, sondern schlicht der Normalfall. Entscheidend ist, dass Frankreich die M\u00fchen der praktischen Umsetzung nicht l\u00e4nger als Ausrede benutzt.<\/p>\n<p>Vor allem setzt Paris beim Timing richtig an. Denn die alten Abh\u00e4ngigkeiten bestehen ja nicht nur bei Betriebssystemen, Office-Paketen oder Cloud-Diensten. Die n\u00e4chsten Lock-ins entstehen l\u00e4ngst bei KI-Systemen, \u00fcbergreifenden Datenplattformen und am Ende allen digitalen Infrastrukturen. Wer erst handelt, wenn sich auch diese Schichten vollst\u00e4ndig verfestigt haben, darf sp\u00e4ter wieder lange Strategiepapiere \u00fcber verlorene Souver\u00e4nit\u00e4t schreiben. Frankreich versucht, vorher abzubiegen. Auch das ist ein Zeichen von Realit\u00e4tssinn.<\/p>\n<p>Endlich ernsthaft<\/p>\n<p>Am Ende ist der franz\u00f6sische Kurs deshalb vor allem eines: verantwortungsbewusst. Er verbindet politische Zielsetzung mit technischen Standards, Beschaffung mit Industriepolitik und Symbolik mit Umsetzung. Frankreich behauptet nicht blo\u00df, digitale Souver\u00e4nit\u00e4t wichtig zu finden. Es organisiert sie. Mit Fristen. Mit Zust\u00e4ndigkeiten. Mit konkreten Migrationen. Und mit ehrlichem Blick auf die eigenen Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n<p>Genau so sieht der dringend n\u00f6tige Schwung aus. Nicht perfekt, nicht risikofrei, aber endlich ernsthaft. Und genau deshalb setzt Frankreich digitale Souver\u00e4nit\u00e4t im Moment ziemlich richtig um.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>(<a class=\"redakteurskuerzel__link\" href=\"https:\/\/www.heise.de\/meinung\/mailto:fo@heise.de\" title=\"Moritz F\u00f6rster\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">fo<\/a>)<\/p>\n<p>\n      Dieser Link ist leider nicht mehr g\u00fcltig.\n    <\/p>\n<p>Links zu verschenkten Artikeln werden ung\u00fcltig,<br \/>\n      wenn diese \u00e4lter als 7\u00a0Tage sind oder zu oft aufgerufen wurden.\n    <\/p>\n<p>Sie ben\u00f6tigen ein heise+ Paket, um diesen Artikel zu lesen. Jetzt eine Woche unverbindlich testen \u2013 ohne Verpflichtung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Europa, schau auf Frankreich! close notice This article is also available in English. 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