{"id":10040,"date":"2026-02-24T09:15:09","date_gmt":"2026-02-24T09:15:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/10040\/"},"modified":"2026-02-24T09:15:09","modified_gmt":"2026-02-24T09:15:09","slug":"strassensaenger-der-unerschuetterliche-traum-vom-esc-trotz-vieler-rueckschlaege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/10040\/","title":{"rendered":"Stra\u00dfens\u00e4nger: Der unersch\u00fctterliche Traum vom ESC trotz vieler R\u00fcckschl\u00e4ge"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ein winterlicher Mittwoch am <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article6996ff6e6e900962941a9fd3\/hafenwirtschaft-der-hamburger-hafen-waechst-wieder-nach-jahren-eines-schrumpfenden-gueterumschlags.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article6996ff6e6e900962941a9fd3\/hafenwirtschaft-der-hamburger-hafen-waechst-wieder-nach-jahren-eines-schrumpfenden-gueterumschlags.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hamburger Hafen<\/a>. Obwohl die Sonne scheint, ist es lausig kalt, von der Elbe her weht ein eisiger Wind. Der dick vermummte Stra\u00dfens\u00e4nger, der drei Pullover \u00fcbereinander gezogen hat, packt trotzdem seine Gitarre und seinen kleinen Verst\u00e4rker aus, klemmt sich seine Mundharmonika unter die Nase und beginnt mit kr\u00e4ftiger Stimme zu singen.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcreinander sind wir da\u201c, hei\u00dft das Lied, der S\u00e4nger hat es selbst geschrieben: \u201eKomm\u2019 zu uns, wenn es dich friert, wo sich die Kette der Angst verliert, komm\u2019 zu uns, was dein Herz auch sah, f\u00fcreinander sind wir da.\u201c \u00a0Weil die Promenade wie leer gefegt ist, nur ein einsamer E-Roller-Fahrer sein Gef\u00e4hrt abstellt, kurz zuh\u00f6rt und zwei Euro spendiert, h\u00f6rt der Musiker nach f\u00fcnf Songs mit seiner Darbietung auf. \u201eSolche Pechtage gibt es\u201c, sagt er gelassen.  <\/p>\n<p>Er denkt aber nicht daran, nach Hause ins Warme zur\u00fcckzukehren, sondern f\u00e4hrt mit der Bahn in die Innenstadt, wo er sich mehr Publikum verspricht. R\u00fcckschl\u00e4ge auszuhalten, ist er gewohnt, mehrfach den Standort zu wechseln, auch. Und, wenn es schlecht l\u00e4uft, mit ein paar Cent-M\u00fcnzen abzuziehen. \u201eAufgeben ist kein Thema\u201c, versichert Hobo Lichtermann, 58 Jahre alt, Liedermacher.<\/p>\n<p>Er ist ein hartn\u00e4ckiger Zeitgenosse, dieser hagere Musikant mit seiner hellen Baseballcap, dem gr\u00fcnen Kapuzenparker und den verwaschenen Jeans. Ein Mann, der eisern an seinen Zielen festh\u00e4lt, auch wenn sie unerreichbar scheinen. Obwohl er seit vielen Jahren auf der Stra\u00dfe singt und spielt, dar\u00fcber alt und grau geworden ist, blieb ihm der gro\u00dfe Erfolg bislang versagt. Kein Talentsucher hat ihn je entdeckt, kein Musikmanager hat ihm von der Stra\u00dfe weg einen Plattenvertrag offeriert, nur wenige Fans folgen ihm auf seinem YouTube-Kanal.<\/p>\n<p>Und auch sein Traum, Deutschland beim gr\u00f6\u00dften Gesangswettbewerb der Welt, dem <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/eurovision-song-contest\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/eurovision-song-contest\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Eurovision Song Contest (ESC)<\/a>, zu vertreten, scheint mehr als unrealistisch. Was den Stra\u00dfens\u00e4nger nicht hindert, sich Jahr f\u00fcr Jahr f\u00fcr den Vorentscheid zu bewerben, immer und immer wieder, und fast jedes Mal mit dem gleichen Lied. 15-mal hat er schon vorgesungen, Videos eingereicht, gehofft, gebangt, gezittert, stets vergeblich. Auch dieses Jahr, wenn am 16. Mai in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article6999034842c1e3ae5f4df943\/song-ueber-tanzmuedigkeit-diesen-19-jaehrigen-mit-blauem-stern-im-gesicht-schickt-gastgeber-oesterreich-ins-eurovision-rennen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article6999034842c1e3ae5f4df943\/song-ueber-tanzmuedigkeit-diesen-19-jaehrigen-mit-blauem-stern-im-gesicht-schickt-gastgeber-oesterreich-ins-eurovision-rennen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wien<\/a> das 70. Finale steigt und rund 160 Millionen Zuschauer zusehen, wird er nicht dabei sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr den deutschen Vorentscheid in Berlin, der am 28. Februar von der ARD \u00fcbertragen wird, nominierten die Juroren neun K\u00fcnstler mit Namen wie wavvylboi, Ragazzki und Molly Sue, sie singen Titel wie \u201eAOK\u201c, \u201eBlack Glitter\u201c und \u201eWonderland\u201c. In einer dreist\u00fcndigen Show, die von Barbara Sch\u00f6neberger und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/article253144170\/Hazel-Brugger-Wie-der-Hausbau-fuer-die-Comedian-zum-Debakel-wurde.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/article253144170\/Hazel-Brugger-Wie-der-Hausbau-fuer-die-Comedian-zum-Debakel-wurde.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hazel Brugger<\/a> moderiert wird, k\u00e4mpfen sie um die Gunst der Zuschauer, die mit abstimmen d\u00fcrfen. Der Sieger reist zum Event nach Wien.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt ein Leben zwischen Istanbul und Hamburg<\/p>\n<p>Musiker Lichtermann, der das Spektakel wieder einmal nur am Fernseher verfolgen wird, hat eine ungew\u00f6hnliche Vita. 1968 als Tekin Seng\u00fcl an der t\u00fcrkischen Schwarzmeerk\u00fcste geboren, w\u00e4chst der Junge zun\u00e4chst wie so viele Gastarbeiterkinder auf. Die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/familie\/plus68de92d489973cba61e7fb87\/erziehung-was-eltern-erfolgreicher-kinder-unbewusst-richtig-machen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/familie\/plus68de92d489973cba61e7fb87\/erziehung-was-eltern-erfolgreicher-kinder-unbewusst-richtig-machen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Eltern<\/a>, die kurz nach seiner Geburt mit ihm nach Heilbronn ziehen, um bei einem Autozulieferer am Flie\u00dfband zu stehen, fremdeln in der neuen Umgebung, tun sich mit der deutschen Sprache schwer, haben Heimweh.<\/p>\n<p>Der Sohn dagegen integriert sich schnell, findet Freunde, packt problemlos den Realschulabschluss. Als die Familie Mitte der 1980er-Jahre in die T\u00fcrkei zur\u00fcckkehrt, f\u00fchlt er sich seinerseits fremd und zerrissen. Wei\u00df nicht richtig, wohin er geh\u00f6rt. Er macht zwar sein Abitur in Istanbul, studiert auch zwei Jahre Jura, bleibt aber Au\u00dfenseiter: \u201eIch konnte dreimal besser Deutsch als T\u00fcrkisch.\u201c Weil er in der T\u00fcrkei nicht klarkommt, kehrt er in die Bundesrepublik zur\u00fcck, die er als seine wahre Heimat empfindet. Kommt aber auch hier nicht wirklich an.<\/p>\n<p>Er lebt mal in M\u00fcnster, mal in Bochum. Studiert mal dieses, mal jenes, jobbt ein bisschen, bekommt Stress mit Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden, die ihn ausweisen wollen, protestiert dagegen mit einem Sitzstreik. Hadert mit seiner Situation und mit sich selbst. Als er fast pleite ist, kauft er eine gebrauchte Gitarre, wie sich das f\u00fcr Abenteurer geh\u00f6rt, und trampt Richtung Griechenland. <\/p>\n<p>Dort, hat er geh\u00f6rt, k\u00f6nne man sich f\u00fcr lau einen EU-Pass besorgen. Er strandet aber schon im italienischen Brindisi, v\u00f6llig abgebrannt, n\u00e4chtigt in Geb\u00fcschen oder unter Br\u00fccken. Als er nichts mehr zu essen hat, setzt er sich auf die Kaimauer der Hafenstadt und beginnt, auf der Gitarre zu klimpern und von morgens bis abends das einzige Lied zu singen, das er kann, \u201eKnockin\u2018 on Heavens Door\u201c von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article255428568\/Bob-Dylan-feiert-Deutschland-Premiere-und-glaenzt-mit-Timothee-Chalamet-als-Hauptdarsteller.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article255428568\/Bob-Dylan-feiert-Deutschland-Premiere-und-glaenzt-mit-Timothee-Chalamet-als-Hauptdarsteller.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bob Dylan<\/a>. Und findet, weil er eine sch\u00f6ne Stimme hat, ein paar spendable Zuh\u00f6rer.<\/p>\n<p>Das ersungene Geld reicht zwar kaum zum \u00dcberleben, aber er erkennt, was er wirklich will: Musik machen, K\u00fcnstler werden, vor gro\u00dfem Publikum spielen. Dass er nie Musikunterricht hatte, nicht einmal Noten kennt, nie auf einer B\u00fchne gestanden hat, sieht er nicht als Hindernis. Haben nicht viele als Namenlose auf der Stra\u00dfe angefangen und sind sp\u00e4ter ber\u00fchmt geworden, Stars wie Rod Stewart, Janis Joplin, Donovan? Warum soll ihm das nicht auch gelingen?<\/p>\n<p>Zum Karrierestart trampt er nach Hamburg, kein Zufall. In der Stadt, in der einst unbekannte junge Musiker aus Liverpool f\u00fcr wenig Kohle rockten, in Hinterzimmern hausten und kurz darauf als <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/plus689d7fb1f3b33007198412a8\/The-Beatles-Wirklich-Ihr-buht-mich-aus-fragt-Paul-McCartney-das-Hamburger-Publikum.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/plus689d7fb1f3b33007198412a8\/The-Beatles-Wirklich-Ihr-buht-mich-aus-fragt-Paul-McCartney-das-Hamburger-Publikum.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Beatles<\/a> weltbekannt wurden, will er den Grundstein zum Erfolg legen. \u00c4hnlich wie damals seine Vorbilder schl\u00e4gt sich m\u00fchsam durch. Schl\u00e4ft mal in der Abstellkammer einer Moschee der rechtsradikalen Grauen W\u00f6lfe, mal in einem der von Linksradikalen besetzten H\u00e4user in der ber\u00fcchtigten Hamburger Hafenstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber singt er in der S-Bahn oder auf den zentralen Pl\u00e4tzen der Stadt: auf der Reeperbahn, am Jungfernstieg, vor dem Hauptbahnhof. Zum Vergn\u00fcgen von Passanten, die dem S\u00e4nger mit den schulterlangen Haaren gern zuh\u00f6ren, zum Verdruss von Ladenbesitzern und Anwohnern, die ihn zur H\u00f6lle w\u00fcnschen. H\u00e4ufig kassiert er Platzverbote, ein Polizist verfolgt ihn besonders hartn\u00e4ckig. \u201eEr hat mich immer wieder erwischt, egal, wo ich stand\u201c.<\/p>\n<p>Mittellose stehlen ihm seinen S\u00e4ngerlohn vor der Nase weg<\/p>\n<p>Dabei ist das K\u00fcnstlerleben auf der Stra\u00dfe ohnehin schwer genug. Beim Streit um einen begehrten Standort ger\u00e4t er in eine Schl\u00e4gerei mit Bettlern, kassiert eine dicke Beule. Ein anderes Mal zerschmettert ein Betrunkener direkt vor ihm eine Bierflasche, will ihn verletzen. Und Mittellose wie er selbst klauen ihm vor seiner Nase den S\u00e4ngerlohn. Doch nichts bringt ihn von seinem Plan ab, im Gegenteil. <\/p>\n<p>Um besser als andere aufzutreten, lernt er Dutzende Songs auswendig, Titel von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/article68aedaee5d3e123a945acd46\/Haltung-zeigen-Lasst-uns-doch-bitte-alle-etwas-uncooler-sein.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/article68aedaee5d3e123a945acd46\/Haltung-zeigen-Lasst-uns-doch-bitte-alle-etwas-uncooler-sein.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Leonard Cohen<\/a> bis Paul McCartney. \u00dcbt immer wieder bestimmte Gitarrengriffe, schaut bei seinen Konkurrenten genau hin. \u201eFast alles hab\u2019 ich mir von anderen Stra\u00dfenmusikern abgeguckt\u201c, erinnert er sich.<\/p>\n<p>Weil er nicht immer nur nachsingen will, beginnt er, selbst Lieder zu schreiben \u2013 wenige auf Englisch, die meisten auf Deutsch. Greift soziale Themen auf wie seine Vorbilder, die Liedermacher <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/konstantin-wecker\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/konstantin-wecker\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Konstantin Wecker<\/a> und Hannes Wader, komponiert rund 40 Songs mit Titeln wie \u201eLieber Herr Wind\u201c, \u201eVagabundentraum\u201c oder \u201eLieder, die keine Aufenthaltserlaubnis brauchen\u201c. Und er legt sich den K\u00fcnstlernamen Hobo Lichtermann zu. Passt besser zu einem deutschen Liedermacher als Tekin Seng\u00fcl, findet er.<\/p>\n<p>Als Barde mit ungew\u00f6hnlichen Texten und ausdrucksvoller Stimme erregt er zwar Aufsehen, wird auch ein paarmal engagiert, singt f\u00fcr kleine Gagen beim Kirchentag und auf Kleinkunstb\u00fchnen, aber das war\u2019s dann auch schon. Immerhin hat er es zu einem Zuhause gebracht: Einer jungen Frau, die es in die Ferne zieht, kauft er einen alten Bauwagen ohne Strom und flie\u00dfendes Wasser ab, f\u00fchrt jahrelang ein Boheme-Leben ohne gro\u00dfe Perspektive und soziale Sicherheit.<\/p>\n<p>Eine Begegnung, fast zu kitschig, um wahr zu sein, \u00e4ndert alles. Bei einem Auftritt in Hamburg-Altona f\u00e4llt ihm ein M\u00e4dchen auf, das ihm freundlich zunickt, ihm mehrere M\u00fcnzen spendiert. Und das wieder weg ist, bevor er reagieren kann. \u201eIhr L\u00e4cheln habe ich nie vergessen\u201c, sagt er r\u00fcckblickend. Als er sie Jahre sp\u00e4ter beim Singen in der U-Bahn erneut trifft, spricht er sie an: \u201eWir kennen uns doch.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Sie werden ein <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/partnerschaft\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/partnerschaft\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Paar<\/a>, ziehen zusammen, bekommen innerhalb von zehn Jahren drei Kinder, ben\u00f6tigen dringend Geld. Der S\u00e4nger wird sesshaft, beginnt ein b\u00fcrgerliches Leben, erh\u00e4lt die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit. Macht ein Praktikum als Koch, brutzelt fortan \u00fcber zwei Jahrzehnte lang in Hamburger Gastst\u00e4tten. Schl\u00e4gt keine Akkorde mehr, sondern haut Schnitzel und Steaks in die Pfanne, oft sogar als sogenannter Alleinkoch. \u201eAuf der Stra\u00dfe war es hart\u201c, erinnert er sich, \u201eam Herd war es h\u00e4rter.\u201c<\/p>\n<p>Durch das st\u00e4ndige Stehen erleidet er einen doppelten Bandscheibenvorfall, der Stress in der K\u00fcche f\u00fchrt zu einem Burn-out, die Folgen hat er bis heute nicht \u00fcberwunden. Das Jobcenter finanziert ihm eine Online-Ausbildung als Audio-Engineer, er lernt, wie man Musiktitel am Rechner mischt, erh\u00e4lt ein Diplom, aber keinen Job. Die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/familie\/article68ff8ec7c008edcf0c8553c6\/erziehung-weniger-ist-mehr-zuviel-kuemmern-bremst-das-kindeswohl.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/familie\/article68ff8ec7c008edcf0c8553c6\/erziehung-weniger-ist-mehr-zuviel-kuemmern-bremst-das-kindeswohl.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Familie<\/a> zieht in den Hamburger Westen, der Sohn ist schon aus dem Haus. Der Musiker richtet sich im Souterrain des Hauses ein kleines Studio ein, in das er sich zur\u00fcckziehen kann und wo er viele Stunden an neuen Texten und T\u00f6nen bastelt. Er singt auch wieder, inzwischen alt geworden, auf der Stra\u00dfe. Und findet das voll okay.<\/p>\n<p class=\"c-citation__text\">Das Lied \u201aHigh Above All&#8216; dr\u00fcckt alles aus, was ich der Welt sagen will<\/p>\n<p>Nach der Pleite am Hafen versucht er es an diesem Mittwoch unter einer Hochbahn-Br\u00fccke in der City, es ist verdammt laut. Er k\u00e4mpft gegen das dr\u00f6hnende Vibrieren der Bahn an, die im Minutentakt \u00fcber seinen Kopf rauscht. Ignoriert das schrille Gebell eines kleinen Hundes, das Geschrei einer Kita-Gruppe, den L\u00e4rm eines vorbei rasenden Motorrads. \u201e\u00dcber den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein\u201c, singt er, eine \u00e4ltere Frau stellt sich neben ihn und tr\u00e4llert mit. <\/p>\n<p>Sie ist schon wieder weg, als er sein Lieblingslied anstimmt: \u201eHigh Above All\u201c (Hoch \u00fcber allem). Ein einfaches Lied mit eing\u00e4ngiger Melodie, bei dem es um Frieden, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/partnerschaft\/plus256035374\/Ewige-Liebe-Diese-Erkenntnis-rettet-mehr-Beziehungen-als-jede-Therapie.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/partnerschaft\/plus256035374\/Ewige-Liebe-Diese-Erkenntnis-rettet-mehr-Beziehungen-als-jede-Therapie.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Liebe <\/a>und um einen Vogel geht, der hoch \u00fcber alle L\u00e4nder fliegt und Hoffnung bringt. Verfasser ist Lichtermann selbst, er singt den englischen Text mit Inbrunst und deutschem Akzent. \u201eDas Lied dr\u00fcckt alles aus, was ich der Welt sagen will\u201c, erkl\u00e4rt er dazu.<\/p>\n<p>Die strenge Jury \u00fcberzeugt er nicht<\/p>\n<p>Bei elf von 15 Anl\u00e4ufen hat er sich mit diesem Song beim ESC beworben, so auch dieses Mal. Wobei er erstmals um seine Teilnahme k\u00e4mpfen musste. W\u00e4hrend bis 2025 jeder mitmachen durfte, auch Leute, die normalerweise nur in der Badewanne singen, ist ab sofort der Zugang begrenzt. <\/p>\n<p>Der S\u00fcdwestrundfunk (SWR), der die Durchf\u00fchrung vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) \u00fcbernommen hat, akzeptiert laut Bewerbungskriterien nur Kandidaten mit \u201eherausragender Stimmqualit\u00e4t und B\u00fchnenpr\u00e4senz\u201c, \u201ek\u00fcnstlerischer Glaubw\u00fcrdigkeit und starker Pers\u00f6nlichkeit\u201c sowie mit \u201ebestehendem Business-Umfeld\u201c \u2013 Bedingungen, die Hobo Lichtermann nach Meinung der strengen Kontrolleure nicht alle erf\u00fcllte.<\/p>\n<p>Der Stra\u00dfens\u00e4nger klagte gegen seinen Ausschluss, wurde wegen seiner langj\u00e4hrigen Teilnahme doch zugelassen, zog seine Klage zur\u00fcck. Und flog, wie stets, bei der Vorauswahl raus. \u201eHigh Above All\u201c fand keine Gnade vor der Jury, die sich laut SWR aus \u201eExpert:innen\u201c und \u201emusikaffinen Normalos\u201c zusammensetzte. Ziel der Jury war es laut Sender, einen Beitrag auszuw\u00e4hlen, \u201eder Deutschland auf der H\u00f6he der Zeit repr\u00e4sentiert\u201c.<\/p>\n<p>Bei den letzten zehn Wettbewerben landeten die deutschen Beitr\u00e4ge viermal auf dem letzten und dreimal auf dem vorletzten Rang, nur einmal schaffte ein Titel den Sprung unter die ersten Zehn. Viel schlechter h\u00e4tte auch Hobo Lichtermann kaum abschneiden k\u00f6nnen \u2013 wom\u00f6glich sogar besser.<\/p>\n<p>F\u00fcr 2027 plant er einen weiteren Versuch, vielleicht sogar mit einem neuen Lied. Zwar sch\u00e4tzt er seine Chancen auch in Zukunft gering ein, aber endg\u00fcltig begraben will er seinen Traum, einmal vor Millionen zu singen, noch lange nicht, auch wenn er sich bis dahin mit dem Applaus an zugigen Stra\u00dfenecken und in S-Bahn-Waggons begn\u00fcgen muss. Kein Thema, sagt der S\u00e4nger: \u201eAuch wenn nur drei Leute klatschen, macht mich das gl\u00fccklich.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein winterlicher Mittwoch am Hamburger Hafen. 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