{"id":104526,"date":"2026-04-15T18:44:10","date_gmt":"2026-04-15T18:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/104526\/"},"modified":"2026-04-15T18:44:10","modified_gmt":"2026-04-15T18:44:10","slug":"im-messequartier-graz-zogen-die-ersten-bewohner-ein-und-leben-nun-in-einem-halbleeren-gebaeude-auf-der-baustelle-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/104526\/","title":{"rendered":"Im Messequartier Graz zogen die ersten Bewohner ein \u2013 und leben nun in einem halbleeren Geb\u00e4ude auf der Baustelle \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Anfang der 2000er-Jahre beschloss die Grazer Messe im Zuge ihrer Neustrukturierung, Kapital aus dem Verkauf umgebender Liegenschaften im Bezirk Jakomini zu lukrieren. <\/p>\n<p>Schon l\u00e4ngere Zeit gab es f\u00fcr das vom Betriebsgel\u00e4nde des Ostbahnhofes gepr\u00e4gte, zentrumsnahe und verkehrstechnisch bestens erschlossene Gebiet Entwicklungsbem\u00fchungen. Mangels konsensueller Vision f\u00fcr das potenzialreiche Quartier wurde es filetiert und punktweise beplant. <\/p>\n<p>Der ehemalige gro\u00dfe Messeparkplatz an der Fr\u00f6hlichgasse z\u00e4hlte durch die umgebende heterogene Baustruktur zu den schwierigeren Baupl\u00e4tzen: Im Nordosten grenzen Wohnzeilen und eine Schule an, im Nordwesten liegen jenseits der Stra\u00dfe Stadthalle und Messeplatz. Im S\u00fcdwesten finden sich neben kleineren Betriebsbauten an der Conrad-von-H\u00f6tzendorf-Stra\u00dfe eine Tankstelle und ein Fastfood-Drive-in, im S\u00fcdosten dominiert ein Baumarkt samt gro\u00dffl\u00e4chigem Parkplatz. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3418.JPG\" alt=\"Auch die Fr\u00f6hlichgasse muss aufgrund des erwarteten Zustromes an Menschen und vor allem an Autos ert\u00fcchtigt werden.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Auch die Fr\u00f6hlichgasse muss aufgrund des erwarteten Zustromes an Menschen und vor allem an Autos ert\u00fcchtigt werden.\u2003S. Verhovsek<\/p>\n<p>Das Stadtentwicklungskonzept definierte den Bereich als \u201eHandelsschwerpunkt am \u00fcbergeordneten Stra\u00dfennetz\u201c, die Fl\u00e4chenwidmung war elastisch: Im \u201eKerngebiet\u201c mit einer Bebauungsdichte von 0,5 bis 2,5 ist ein Nutzungsmix aus B\u00fcro, Dienstleistungs- und Versorgungseinrichtungen ebenso m\u00f6glich wie Wohn- oder Hotelnutzung. Vor Verkauf stellte die Messe noch selbst den Antrag auf einen Bebauungsplan f\u00fcr das \u00fcber 24.000 m\u00b2 gro\u00dfe Areal. Demzufolge war 2006 die Errichtung eines bis zu zehngescho\u00dfigen B\u00fcrohochhauses mit Gesch\u00e4fts- und Gastgewerbenutzungen vorgesehen. Im Gegenzug f\u00fcr Abtretungsfl\u00e4chen wie einen breiteren Rad- und Fu\u00dfweg samt Baumallee entlang der Fr\u00f6hlichgasse wurde die m\u00f6gliche Dichte auf 2,8 erh\u00f6ht. <\/p>\n<p>2008 wurde seitens des neuen Grundeigent\u00fcmers, des Bautr\u00e4gers Haring Group, f\u00fcr die Beplanung des \u201eMessequadranten\u201c kein klassischer Architekturwettbewerb, sondern ein Angebotsverfahren ausgelobt: Konzept, Kalkulation und Preis von Architekt Hans-J\u00f6rg Tschom \u00fcberzeugten die Auftraggeber. <\/p>\n<p>Ab 2017 wurde mit der Stadt Graz beinahe zwei Jahre lang \u00fcber eine Ab\u00e4nderung des Bebauungsplans verhandelt. Neben 9000 m\u00b2 an B\u00fcro- und Gesch\u00e4ftsfl\u00e4chen entlang der Fr\u00f6hlichgasse sollten nun vor allem neue Wohnfl\u00e4chen entstehen. Zwei miteinander verbundene Tiefgaragen mit insgesamt 1500 Stellpl\u00e4tzen auf drei Ebenen und getrennten Ab- und Zufahrten sollten einerseits den \u00f6ffentlichen Bedarf bei Messeveranstaltungen abdecken, andererseits den zuk\u00fcnftigen Mietern (gegen Geb\u00fchr) zur Verf\u00fcgung stehen. Ein Kompromiss: Messe und Bautr\u00e4ger hatten 2000 Parkpl\u00e4tze gefordert, die st\u00e4dtischen Verkehrsplaner wollten aufgrund des zu erwartenden Verkehrsaufkommens \u201enur\u201c 1200 Pl\u00e4tze. Mit Blick auf Abtretungsfl\u00e4chen und infrastrukturelle Zugest\u00e4ndnisse wie ein Servitutsrecht f\u00fcr eine gr\u00fcne Durchwegung wurde die m\u00f6gliche Bebauungsdichte am verbleibenden Grundst\u00fcck nochmals auf 3,0 erh\u00f6ht. Die Stellungnahme des Fachbeirates f\u00fcr Baukultur war positiv. Anschlie\u00dfend wurde das Baurecht aufgrund der Anzahl der Tiefgaragenpl\u00e4tze nicht \u00fcber eine Einreichung bei der Stadt Graz, sondern \u00fcber eine Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung (UVP) des Landes Steiermark erworben: Das Verfahren dauerte bis Herbst 2021, und manche Stellen der umfangreichen Akten lassen sich auch so lesen, als ob man weder f\u00fcr \u201estop\u201c noch \u201ego\u201c verantwortlich sein wollte.<\/p>\n<p>Ab Baubeginn 2022 blickte man zun\u00e4chst lange in die unendlich gro\u00dfe Baugrube der Tiefgarage. Langsam nahmen die oberirdischen Teile Profil an: Wie eine Trutzburg erhebt sich ein strikter Vierkanter, dessen stra\u00dfenseitige Fassade beinahe vollst\u00e4ndig verglast ist, w\u00e4hrend der Wohnteil mit Lochfassade und monotoner Balkonstruktur eine andere Sprache spricht. Dichte und H\u00f6he der sieben- bis zehngescho\u00dfigen Hofbebauung aus massivem, au\u00dfenw\u00e4rmeged\u00e4mmten Stahlbeton sind angesichts der in die H\u00f6he wachsenden Nachbarschaft nicht das Problem, es sind die offensichtlich enge Taktung und das Fehlen jeglicher Bezugnahme auf die Umgebung. Der breite Schlund der Tiefgarage kappt die Verbindung zum \u00f6stlichen Wohnviertel, die Stra\u00dfenfassade ist glattgeb\u00fcgelt, die Westseite im Erdgescho\u00df bis auf dunkle Blecht\u00fcren vollst\u00e4ndig geschlossen, davor verl\u00e4uft die Asphaltfl\u00e4che der Tiefgaragenzufahrt. Ein Urteil vor Fertigstellung scheint unfair, aber der Gedanke: \u201eSo baut man heute doch nicht mehr?\u201c dr\u00e4ngt sich auf.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3599.JPG\" alt=\"Von der H\u00f6tzendorf-Stra\u00dfe blickt man \u00fcber eine der vielen Asphaltfl\u00e4chen. \" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Von der H\u00f6tzendorf-Stra\u00dfe blickt man \u00fcber eine der vielen Asphaltfl\u00e4chen. \u2003S. Verhovsek<\/p>\n<p>Die Finalisierung war f\u00fcr 2025 avisiert, der Vermietungsprozess startete Anfang 2024; bald danach wurden die Bauarbeiten eingestellt, zun\u00e4chst ohne weitere Angabe von Gr\u00fcnden. Mitten in diesem Stillstand wurde im Sommer 2024 die Stadt Graz geklagt: Aufgrund eines vermeintlich erzwungenen zivilrechtlichen st\u00e4dtebaulichen Vertrages seien unzul\u00e4ssige Mehrkosten f\u00fcr \u00f6ffentliche Fl\u00e4chen entstanden. Die Stadt konterte, dass daf\u00fcr einerseits \u201ein Dichte bezahlt worden sei\u201c und andererseits f\u00fcr Ausgaben wie eine zus\u00e4tzliche Ampel der Verursacher des Bedarfs aufkommen m\u00fcsse. Das Verfahren l\u00e4uft noch, prek\u00e4re Schnittstellen zwischen \u00f6ffentlich und privat bleiben wohl l\u00e4nger offen. Detail am Rande: Der zun\u00e4chst klagef\u00fchrende Anwalt der Investorengruppe war fr\u00fcher in jenem B\u00fcro besch\u00e4ftigt, das die Stadt bei der Abfassung st\u00e4dtebaulicher Vertr\u00e4ge beraten hatte: Das Mandat wurde zur\u00fcckgezogen. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Richtbaum an der Nordecke deutliche Abnutzungserscheinungen zeigte, wurde in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden verk\u00fcndet, dass die Bauarbeiten wieder aufgenommen w\u00fcrden. Im Herbst 2025 wurde bekannt, dass aufgrund von gestiegenen Bau- und Zinskosten erst \u00fcber eine Nachfinanzierung im so kolportierten niedrig-zweistelligen Millionenbereich verhandelt werden musste. Anfang 2026 erfolgte tats\u00e4chlich ein Wiederbeginn, der fertiggestellte s\u00fcdliche Teil des Komplexes erhielt eine Teilbenutzungsgenehmigung. Aufgrund der Verz\u00f6gerung mussten sich viele Interessenten andere Quartiere suchen, dennoch ziehen nun erste Mieter ein und leben in einem halbleeren Geb\u00e4ude auf der Baustelle.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3611.JPG\" alt=\"Vom Messevorplatz aus erahnt man das Bauvolumen, auch die \u00fcber 9000 m\u00b2 f\u00fcr Handel, Gewerbe, Gastro und B\u00fcro sollen bis Ende 2026\/Anfang 2027 fertiggestellt werden.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Vom Messevorplatz aus erahnt man das Bauvolumen, auch die \u00fcber 9000 m\u00b2 f\u00fcr Handel, Gewerbe, Gastro und B\u00fcro sollen bis Ende 2026\/Anfang 2027 fertiggestellt werden.\u2003S. Verhovsek<\/p>\n<p>Zum Hauseingang gelangt man derzeit nur \u00fcber Tiefgarage oder ein Baustellenprovisorium, ein schmales, plastikbespanntes Holzger\u00fcst. \u00d6ffnet sich der Lift im ersten Obergescho\u00df, steht man unmittelbar vor und schon beinahe unter einer Treppenflucht. Innenliegende, aufgrund ihrer L\u00e4nge eint\u00f6nig wirkende, Laubeng\u00e4nge trennen die tiefen Wohngescho\u00dfe in zwei H\u00fcften. Nat\u00fcrliches Licht kommt vom Ende der Korridore durch schr\u00e4ggestellte Glasschuppen und von oben, wo transparente Pultd\u00e4cher \u00fcber die begr\u00fcnten Flachd\u00e4cher hinausragen. Schachtartige Ausnehmungen wechseln mit den zu den Wohnungst\u00fcren f\u00fchrenden Stegen; hier lockern vereinzelt Kinderwagen, R\u00e4der und Umzugsschachteln das starre, flachstahlgel\u00e4nderte Bild etwas auf. <\/p>\n<p>Die durchschnittliche Wohnungsgr\u00f6\u00dfe liegt mit 65 m\u00b2 zwar \u00fcber dem Mittelwert vergleichbarer Bauvorhaben, doch die den tiefen Bauk\u00f6rpern geschuldeten langen, schmalen Wohneinheiten sind bis auf den letzten Zentimeter ausgereizt. 10-m\u00b2-Zimmer m\u00fcssen sich mit gro\u00dfen Fenstern zum Laubengang \u00f6ffnen: Die Einsicht vom Gang ist trotz davorliegenden Luftraums beachtlich, die Qualit\u00e4t der Aussicht andererseits \u00fcberaus fraglich. Flexible Nutzung scheint angesichts der \u00dcberbestimmung unm\u00f6glich: Frei nach Hartmut Rosa kann man sagen, dass in der hier herrschenden Konstellationslogik von Verkauf, Planung, Genehmigung, Finanzierung und Bauabwicklung jeglicher Handlungsspielraum verloren ging. Zu hoffen bleibt, dass diese ersten Eindr\u00fccke am Ende der langen Baugeschichte verblassen und sich bei Besiedelung der leeren Wohn- und Gangfl\u00e4chen sowie durch hochwertige Gr\u00fcnraum- und Innenhofgestaltung noch ein wenig Freiheit entfaltet. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3438.JPG\" alt=\"Im Innenhof herrscht noch Baubetrieb.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Im Innenhof herrscht noch Baubetrieb.\u2003S. Verhovsek<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anfang der 2000er-Jahre beschloss die Grazer Messe im Zuge ihrer Neustrukturierung, Kapital aus dem Verkauf umgebender Liegenschaften im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":104527,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[3308,46,42,183,44],"class_list":{"0":"post-104526","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-graz","8":"tag-architektur","9":"tag-at","10":"tag-austria","11":"tag-graz","12":"tag-oesterreich"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116410205411709951","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104526"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104526\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}