{"id":109464,"date":"2026-04-18T07:06:08","date_gmt":"2026-04-18T07:06:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/109464\/"},"modified":"2026-04-18T07:06:08","modified_gmt":"2026-04-18T07:06:08","slug":"karl-lueger-liegt-jetzt-in-traiskirchen-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/109464\/","title":{"rendered":"Karl Lueger liegt jetzt in Traiskirchen \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>So nahe ist ihm wohl kaum jemand gekommen, dem zu Lebzeiten von christlichsozialen Frauen, danach auch von Hitler kultisch verehrten Wiener B\u00fcrgermeister Karl Lueger (1844-1910), der heute als erster antisemitischer Populist zu Recht in Verruf gekommen ist: In einer schlichten Werkshalle in Traiskirchen liegt er als \u00fcberlebensgro\u00dfe Version seiner selbst in Bronze, mehr als vier Meter hoch, auf dem R\u00fccken. Die pathetische Geste der ans Herz gelegten H\u00e4nde, der zur Rede anhebende, leicht ge\u00f6ffnete Mund samt Z\u00e4hnen, die starren Augen \u2013 all das l\u00e4sst in dieser misslichen Lage eher an eine Aufbahrung denken. <\/p>\n<p>Doch die Bronzestatue, die das Lueger-Denkmal am Stubentor kr\u00f6nt, soll in Zukunft nicht um 90 Grad umfallen, sondern nur um die Wahrnehmung irritierende 3,5 Grad gekippt werden. Inklusive des ganzen steinernen Unter- bzw. Sockelbaus. Das steingewordene Gedenken soll in \u201eSchieflage\u201c geraten, so der Titel dieses lange diskutierten Siegerprojekts von Klemens Wihlidal f\u00fcr die noch l\u00e4nger eingeforderte Kontextualisierung des Monuments. <\/p>\n<p>Diese ist aber nicht der alleinige Grund, warum Lueger jetzt in Traiskirchen zum Erliegen gekommen ist. Die vergangenen Jahre wurde das Denkmal immer wieder Ziel von Vandalenakten, einer Guerilla-Kontextualisierung, die bald Teil des Stadtbilds, ja Teil der Stadtkultur wurde: Immer wieder wurde \u201eSchande\u201c auf die kalksteinerne Sockel- und Reliefzone gespr\u00fcht, Teer wurde aufgetragen. Zuletzt schafften es Aktivisten sogar, die Bronzestatue aus schwindelnder H\u00f6he mit hellblauer Farbe zu \u00fcbersch\u00fctten. H\u00e4tte man all das nicht auch belassen k\u00f6nnen, das Denkmal samt Volkszorn kippen k\u00f6nnen? Es sei alles gr\u00fcndlich dokumentiert worden, aber: \u201eDie Stadt habe eine Denkmalerhaltungspflicht\u201c, erinnert Cornelia Offergeld.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnstlerische Leiterin von K\u00d6R, der Wiener Institution f\u00fcr Kunst im \u00f6ffentlichen Raum, ist mit der Durchf\u00fchrung des ganzen Projekts inklusive Restaurierung betraut. Gemeinsam besuchen wir Lueger samt Sockel beim Generalunternehmer, dem Steinmetzbetrieb Ecker, der bereits das Rathaus und die Votivkirche saniert hat. Bis zu 80 Tonnen Stein und eine Tonne Bronze habe man im Februar vom Lueger-Platz nach Traiskirchen transportiert. Im Sommer soll alles wieder am Stubentor stehen. Frisch gereinigt, ein bisschen geneigt, nach rechts nat\u00fcrlich. Aber wirklich ganz ohne \u201eSchande\u201c-Flecken?<\/p>\n<p>Das Ziel sei gewesen, einen Zustand herzustellen, der die \u201eInterventionen der letzten Jahre nicht plakativ stehen l\u00e4sst\u201c, erkl\u00e4rt Steinrestauratorin Josephine Rei\u00dfig der \u201ePresse\u201c vor Ort. Bis auf einige leichte Schatten konnte sie die Farbe \u201enahezu r\u00fcckstandsfrei\u201c entfernen. Vor allem aber hat sie auch Besch\u00e4digungen am Stein selbst wieder erg\u00e4nzt, mit Altmaterial vor allem, es soll ja \u201enicht ausschauen wie neu\u201c: Der Stock des alten Mannes aus den allegorischen Standbildern in der Mittelzone etwa war abgeschlagen worden. Genauso eine gro\u00dfe Zehe. Oder der Hammer des Arbeiters. Zuletzt wurde ein unsichtbarer Antigraffiti-\u00dcberzug aufgetragen, der die zuk\u00fcnftige Reinigung erleichtern soll, so Rei\u00dfig. Denn mit neuen Graffiti ist wohl zu rechnen. <\/p>\n<p>Die Kontextualisierung, also die Kippung, koste nur einen Bruchteil davon, was die Entfernung der Vandalenakte koste, erkl\u00e4rt Georg Riemer, der f\u00fcr die Bronzestatue zust\u00e4ndige Restaurator. Es \u00e4rgere ihn irrsinnig, was da an Kosten kolportiert werde, bricht es fast aus ihm heraus. Hat er recht? Sicher, bei der Statue selbst musste nur ein Dorn der Verankerung f\u00fcr die Statik verst\u00e4rkt werden. Aber den steinernen Unterbau h\u00e4tte man ohne Kippung nicht abbauen m\u00fcssen. Wobei: Sowohl f\u00fcr die Steinrestauratorin als auch das st\u00e4dtische Umfeld sei die Restaurierung in der Halle weniger belastend gewesen, erf\u00e4hrt man.<\/p>\n<p>500.000 Euro bewilligte der Gemeinderat 2022 und 2023 f\u00fcr die Lueger-Kontextualisierung, inklusive Wettbewerb, rechtliche Gutachten und wissenschaftliche Aufarbeitung. Drei Jahre sp\u00e4ter sind die Gesamtkosten auf gut 776.000 Euro angewachsen; angesichts der allgemeinen Teuerung eine erwartbare Gr\u00f6\u00dfe. Wobei schon die n\u00f6tigen Restaurierungsarbeiten die H\u00e4lfte der Mehrkosten erkl\u00e4ren. Es sei schon ein \u201ebetr\u00e4chtlicher Arbeitsaufwand\u201c gewesen, die Beschmierungen zu entfernen, so Riemer. Auch bei der Bronzestatue pl\u00e4diert er f\u00fcr einen sch\u00fctzenden \u00dcberzug. Riemer ist ein erfahrener Metallrestaurator. Auch das Maria-Theresien-Denkmal hatte er in Obhut. Es wurde von Kaspar Zumbusch entworfen, dessen Meisterklasse Josef M\u00fcllner an der Akademie besuchte. 14 Jahre und einen Weltkrieg musste M\u00fcllner sp\u00e4ter warten, bis sein Lueger-Denkmal 1926 enth\u00fcllt wurde. Das \u00fcbrigens auch von j\u00fcdischen Gro\u00dfspendern finanzierte Monument geh\u00f6re allerdings nicht zu seinen \u201ebedeutendsten\u201c Arbeiten, liest man etwa beim Skulpturenspezialisten Andreas Nierhaus (Wien Museum). <\/p>\n<p>Wobei Bildhauer samt Werk noch dringend weiterer Forschung bed\u00fcrften. \u00dcber mehrere Regime hinweg war er schlie\u00dflich vor allem eines: deutsch-national, auch in seinen ideologisch aufgeladenen Werken. Von M\u00fcllner stammt etwa  der bis zu seiner Kontextualisierung 2006 als Treffpunkt von Burschenschaftern dienende \u201eSiegfriedskopf\u201c in der Wiener Universit\u00e4t. In der NS-Zeit war M\u00fcllner Bildhauerei-Professor an der Akademie und galt als einer der \u201eGottbegnadeten K\u00fcnstler\u201c Hitlers.<\/p>\n<p>M\u00fcllners Name findet sich \u00fcbrigens auch auf der Liste der \u00fcberwiegend christlichsozialen Unterst\u00fctzer des Denkmals in der Schlussstein-Urkunde, die man unter einem Fu\u00df Luegers eingemauert gefunden hat. Auch sie harrt weiterer Aufarbeitung. Eingebaut wird sie jedenfalls nicht wieder. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"So nahe ist ihm wohl kaum jemand gekommen, dem zu Lebzeiten von christlichsozialen Frauen, danach auch von Hitler&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":109465,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[40,41,62,39,38],"class_list":{"0":"post-109464","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nachrichten","8":"tag-nachrichten","9":"tag-news","10":"tag-reportage","11":"tag-schlagzeilen","12":"tag-top-meldungen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116424447300550357","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109464","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=109464"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109464\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109464"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=109464"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109464"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}