{"id":109715,"date":"2026-04-18T10:18:09","date_gmt":"2026-04-18T10:18:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/109715\/"},"modified":"2026-04-18T10:18:09","modified_gmt":"2026-04-18T10:18:09","slug":"40-jahre-tschernobyl-was-damals-wirklich-geschah-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/109715\/","title":{"rendered":"40 Jahre Tschernobyl \u2013 was damals wirklich geschah \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Als am Montag, dem 28. April 1986, im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark die Sensoren aufgrund stark angestiegener radioaktiver Belastung anschlugen, dachte man zuerst, es gebe ein Leck in dem AKW. Die gemessenen Werte lagen um 30 bis 40 Prozent \u00fcber dem normalen Niveau. Doch schon bald war klar: Das Problem war nicht in Schweden, sondern rund 2000 Kilometer s\u00fcd\u00f6stlich in der damaligen Sowjetunion und heutigen Ukraine. Denn zwei Tage zuvor, in den fr\u00fchen Morgenstunden des 26. Aprils, war es im dortigen Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer Explosion gekommen, die den kompletten Reaktor des Blocks 4 von Tschernobyl zerst\u00f6rt hatte. Der bis dato gr\u00f6\u00dfte atomare Unfall in der Geschichte der Menschheit. <\/p>\n<p>Doch was war der Grund f\u00fcr die Katastrophe?<\/p>\n<p>Um den Super-GAU von Tschernobyl zu verstehen, muss man sich die zeitliche Genese anschauen, die zu dem Unfall f\u00fchrte. Das gesamte Kernkraftwerk von Tschernobyl war verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig jung zu dieser Zeit. Der erste Block war 1977 in Betrieb gegangen, Block 4 drei Jahre vor dem Unfall im Jahr 1983. Von den verpflichtenden \u00dcberpr\u00fcfungen war ein Test nach wie vor noch nicht mit zufriedenstellendem Ergebnis durchgef\u00fchrt worden. Es ging dabei um die \u00dcberpr\u00fcfung, ob bei einem Stromausfall die nachlaufende Turbine noch lange genug Strom produzieren kann, um wichtige Systeme bis zum Anspringen der Notstromgeneratoren in Betrieb zu halten.<\/p>\n<p>Dieser Test sollte daher am Freitag, dem 25. April, untertags durchgef\u00fchrt werden, weil der Reaktor f\u00fcr Wartungsarbeiten ohnehin heruntergefahren werden musste. Da dabei auch verschiedene automatische Schutz- und Sicherheitssysteme teilweise deaktiviert werden mussten, wurde die verantwortliche Tagschicht auch entsprechend auf den Test vorbereitet. Da untertags der Strombedarf im Netz jedoch gr\u00f6\u00dfer als erwartet war, kam vom Netzbetreiber die Anforderung, dass der Block 4 von Tschernobyl l\u00e4nger aktiv bleiben m\u00fcsse. Der Test ging sich in der Tagschicht nicht mehr aus und wurde von den Verantwortlichen, die unter dem starken Druck standen, den Test endlich erfolgreich abzuschlie\u00dfen, kurzerhand in die Nachtschicht verschoben. Diese war jedoch \u00fcberhaupt nicht darauf vorbereitet. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/imago images 0853807530.webp\" alt=\"Der ehemalige Kontrollraum im AKW Tschernobyl.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Der ehemalige Kontrollraum im AKW Tschernobyl.\u2003Imago \/ Kyrylo Chubotin<\/p>\n<p>Durch einen Bedienfehler kommt es beim Herunterfahren durch die Reaktorphysik zu einem unerwartet starken Leistungsabfall auf einen niedrigen und instabilen Wert. Sp\u00e4testens jetzt h\u00e4tten der Test abgebrochen und der Reaktor komplett heruntergefahren werden sollen. Dennoch entschied sich die Bedienmannschaft \u2013 trotz technischer Bedenken \u2013 auf Anweisung des leitenden Ingenieurs, den Reaktor wieder leicht hochzufahren, um den Test doch noch durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Dieser verteidigte sich sp\u00e4ter damit, dass er ja darauf vertraute, dass der RBMK-Reaktor ein Notfall-Abschaltsystem hatte, das im Krisenfall immer noch zur Verf\u00fcgung stand. Beim Wiederhochfahren des Reaktors wurden die Steuerst\u00e4be daher auch ohne Bedenken weitgehend herausgezogen.<\/p>\n<p>Als die Leistung wieder passt, wird kurz nach 1:20 in der Fr\u00fch des 26. Aprils der Test gestartet und die Dampfzufuhr der Turbine unterbrochen, um zu sehen, wie viel Strom diese beim Nachlauf noch erzeugen kann. Dadurch ver\u00e4ndert sich jedoch auch der Wasserfluss und es entstehen mehr Dampfblasen im Reaktor. Diese f\u00fchren bauartbedingt zu einem raschen Leistungsanstieg, was noch mehr Dampfblasen erzeugt. Eine gef\u00e4hrliche Kettenreaktion ist in Gang gesetzt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/imago images 0849004712.webp\" alt=\"Der Block 4 unter dem ersten Sarkophag, der 1986 in sieben Monaten gebaut wurde (das Foto stammt aus dem Jahr 2000). \" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Der Block 4 unter dem ersten Sarkophag, der 1986 in sieben Monaten gebaut wurde (das Foto stammt aus dem Jahr 2000). \u2003Imago \/ Photoxpress<\/p>\n<p>Die Bedienmannschaft erkennt, dass der Reaktor au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t, und bet\u00e4tigt die Notabschaltung. Nun werden die Steuerst\u00e4be in den Reaktor eingefahren. Diese sollen die Neutronen absorbieren und so die Kernspaltung verlangsamen und komplett zum Erliegen bringen. Allerdings hat der Reaktor einen Konstruktionsfehler, von dem auch die Bedienmannschaft aufgrund der in der Sowjetunion \u00fcblichen Geheimhaltung nichts wei\u00df: Die Steuerst\u00e4be bestehen zu Beginn aus Graphit. Dieses Bauteil soll, wenn die aus Bor bestehenden St\u00e4be voll eingefahren sind, im unteren Bereich des Reaktors Wasser verdr\u00e4ngen und so f\u00fcr eine h\u00f6here Leistung und bessere Kontrollierbarkeit sorgen. Sind die St\u00e4be jedoch voll ausgefahren, erh\u00f6ht das Graphit beim Einfahren kurzzeitig die Reaktorleistung leicht, bevor das dahinterliegende Bor sie wieder senken kann. Die Bet\u00e4tigung der Notabschaltung sorgte also f\u00fcr den genau gegenteiligen Effekt \u2013 die Leistung in Block 4 schoss nach oben und der gesamte Reaktor explodierte.<\/p>\n<p>Die Folge der Katastrophe ist, dass der Reaktor sieben Monate lang, bis zum November 1986, offen liegt und dabei Unmengen an radioaktivem Material freisetzt, das sich \u00fcber ganz Europa verteilt und auch heute noch zu erh\u00f6hten Werten vielerorts, auch in \u00d6sterreich, f\u00fchrt. Dann wird ein erster Betonmantel (\u201cSarkophag\u201c) \u00fcber den Reaktor fertiggestellt. Da dieser jedoch durch Erosion von au\u00dfen und Strahlung von innen l\u00f6chrig wurde, wird eine zweite H\u00fclle errichtet, die 2016 \u00fcber die Ruine gezogen wird. Diese H\u00fclle wurde 2025 jedoch durch eine russische Drohne besch\u00e4digt, weshalb es nun die Sorge gibt, dass sie einst\u00fcrzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/imago images 0844270088.webp\" alt=\"Der verlassene Kindergarten der Stadt Pribyat, in der einst die Mitarbeiter des AKW lebten.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Der verlassene Kindergarten der Stadt Pribyat, in der einst die Mitarbeiter des AKW lebten.\u2003Imago \/ G\u00f6khan Balc\u0131<\/p>\n<p>Die Gegend rund um das AKW wird bereits 1986 teilweise so ges\u00e4ubert, dass die Strahlenbelastung zwar deutlich h\u00f6her als etwa in \u00d6sterreich ist, <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/1458367\/die-nukleare-wende-die-keine-war\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">man sich dort aber wieder aufhalten kann.<\/a> So nimmt man direkt neben dem Reaktor in 24 Stunden etwa so viel Strahlung auf, wie auf einem Flug von Frankfurt nach New York. Bei den Aufr\u00e4um- und Reinigungsarbeiten werden damals tausende Arbeiter und Soldaten herangezogen, die als sogenannte \u201eLiquidatoren\u201c die extrem gef\u00e4hrlichen Tr\u00fcmmer etwa vom Kraftwerksdach wieder zur\u00fcck in den Reaktor kehren m\u00fcssen. Aus ihren Reihen stammt auch der Gro\u00dfteil der rund 4000 Toten, die laut WHO langfristig in Folge des Unfalls gestorben sind. Kurzfristig gab es bei der Katastrophe rund 30 Todesf\u00e4lle in Folge akuter Strahlenkrankheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als am Montag, dem 28. 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