{"id":115561,"date":"2026-04-21T13:25:10","date_gmt":"2026-04-21T13:25:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/115561\/"},"modified":"2026-04-21T13:25:10","modified_gmt":"2026-04-21T13:25:10","slug":"oesterreichs-gesundheitssystem-wer-sich-hilfe-leisten-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/115561\/","title":{"rendered":"\u00d6sterreichs Gesundheitssystem: Wer sich Hilfe leisten kann"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6sterreichs \u00f6ffentliches Gesundheitswesen steht unter Kostendruck. Immer mehr Menschen versichern sich deshalb privat oder weichen auf Wahl\u00e4rzt:innen aus. Woran das liegt.<\/p>\n<p>\tDer \u00f6sterreichische Sozialstaat gr\u00fcndet auf einem Prinzip: Die Erf\u00fcllung von Grundbed\u00fcrfnissen wie der Gesundheit darf nicht an der finanziellen Situation eines Menschen scheitern. Oberfl\u00e4chlich betrachtet gelingt dies bis heute recht gut. Fast 100 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind \u00fcber die gesetzliche Pflichtversicherung an das \u00f6ffentliche Gesundheitswesen angedockt. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Abdeckung etwa bei unter 50 Prozent. Und doch gibt es auch in \u00d6sterreich wachsende Probleme. Denn auch in \u00d6sterreich l\u00e4sst sich der Trend Richtung privater Gesundheitsversorgung beobachten, bei dem private Akteure aus dem Druck auf das \u00f6ffentliches Gesundheitssystem in \u00d6sterreich Profit schlagen wollen.<br \/>\nViele \u00c4rzt:innen, wenig Kassen-Verf\u00fcgbarkeit<\/p>\n<p>Aber wie kommt es zu diesem Trend? \u201eIm Jahr 2024 gab es den gr\u00f6\u00dften Anstieg bei den privaten Versicherungen\u201c, sagt Wolfgang Panh\u00f6lzl, Leiter der Abteilung Sozialversicherung in der Arbeiterkammer Wien. \u201eDas hat sicher mit der verst\u00e4rkten Diskussion \u00fcber die M\u00e4ngel im \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen zu tun. Seit der COVID-Pandemie hat die Versorgungssituation nicht mehr dasselbe Niveau erreicht wie in den Jahren davor.\u201c Panh\u00f6lzl best\u00e4tigt, dass 39 Prozent der versicherungspflichtigen \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung eine zus\u00e4tzliche private Krankenversicherung haben. Der Trend sei schon lange beobachtbar. Im Zuge der Pandemie habe er sich nochmals beschleunigt. Der Druck auf das Gesundheitswesen steigt laut Panh\u00f6lzl von verschiedenen Richtungen her.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/AW_01_2024_Foto_S16.jpg\" data- class=\"wp-image-42857 size-full lazyload\"\/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-42857 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/AW_01_2024_Foto_S16.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\"  \/>Private Zusatzversicherungen boomen. F\u00fcr Wolfgang Panh\u00f6lzl ist das ein Symptom f\u00fcr den steigenden Druck im \u00f6ffentlichen Gesundheitssystem. | \u00a9 Markus Zahradnik<\/p>\n<p>Eine alternde Bev\u00f6lkerung treffe auf immer gr\u00f6\u00dfere Finanzierungsvorbehalte seitens \u00f6ffentlicher Kassen: \u201eAuf die \u00d6sterreichische Gesundheitskasse kommt als Folge der Kassenreform der vergangenen Jahre ein gro\u00dfes Defizit in H\u00f6he von 500 Millionen Euro zu.\u201c Durch die Fusionierung der Sozialversicherungstr\u00e4ger unter der schwarz-blauen Regierung im Jahr 2018 sei der Krankenversicherung strukturell Geld entzogen worden. \u201eGleichzeitig werden in den Spit\u00e4lern weniger Leistungen angeboten. Das erh\u00f6ht wiederum den Druck auf den niedergelassenen Bereich und verst\u00e4rkt Bewegungen in Richtung Wahl\u00e4rzt:innen\u201c, so Panh\u00f6lzl.<\/p>\n<p>Patient:innen pro Minute<\/p>\n<p>Das Abrechnungssystem f\u00fcr Kassen\u00e4rzt:innen sei darauf ausgerichtet, m\u00f6glichst viele Leistungen in m\u00f6glichst kurzer Zeit abzurechnen. \u201ePro Leistung erhalten Kassen\u00e4rzt:innen einige Euro. Deswegen haben sie ein Interesse daran, m\u00f6glichst viele Einzelleistungen zu erbringen, was man ja auch verstehen kann\u201c, erkl\u00e4rt der AK-Experte. Zeit, sich eingehend mit den Problemen und Fragen der Patient:innen zu besch\u00e4ftigen, gebe es dadurch kaum. Und es entst\u00fcnde dadurch unter niedergelassenen \u00c4rzt:innen die Motivation, Privattermine anzubieten. Panh\u00f6lzl rechnet vor: \u201eEin Wahlarzttermin dauert rund 20 Minuten. Dann sehe ich als Arzt drei Patient:innen pro Stunde. Das sind 20 Patient:innen pro Tag, mit denen ich mich ordentlich auseinandersetzen kann. Da kann man \u00fcber den Sachverhalt ordentlich reden, man kann Vorschl\u00e4ge machen. Als Kassenarzt sehe ich vielleicht 80 Patient:innen pro Tag f\u00fcr jeweils zwei Minuten. Befriedigend ist das nicht.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/AW_08_Foto_Mjka_S23.jpg\" data- class=\"wp-image-41297 size-full lazyload\"\/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-41297 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/AW_08_Foto_Mjka_S23.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\"  \/>Private Gesundheitsversicherungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. F\u00fcr Gerald Mjka, Betriebsratsvorsitzender im Krankenhaus G\u00f6ttlicher Heiland, alarmierendes Signal. | \u00a9 Markus Zahradnik<\/p>\n<p>Dass private Gesundheitsversicherungen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, bereitet Gerald Mjka Sorgen. Er ist Betriebsrat im Krankenhaus G\u00f6ttlicher Heiland in Wien und in der Gewerkschaft <a href=\"https:\/\/www.vida.at\/de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">vida<\/a> f\u00fcr den Fachbereich Gesundheit zust\u00e4ndig: \u201eGesundheitsversorgung ist zu gro\u00dfen Teilen immer eine Vorhalteleistung\u201c, sagt er. \u201eUnd Vorhalteleistungen sind betriebswirtschaftlich immer unrentabel. Der private Bereich wird sich um diese unrentablen Bereiche niemals k\u00fcmmern.\u201c Als Beispiel f\u00fchrt Mjka die Versorgung von Unfallopfern an: \u201eDa muss auf Knopfdruck ein ganzes Team von Spezialist:innen parat stehen. Die m\u00fcssen quasi auf den Unfall warten. Ein privates Spital kann das nicht leisten.\u201c<\/p>\n<p>Gesundheit? Wenn sich\u2019s ausgeht<\/p>\n<p>Gleichzeitig zeige sich eine Tendenz zur Zwei-Klassen-Medizin. \u201eWenn ich zum Beispiel 18 Monate auf eine Knie-Operation warten muss, dann bedeutet das 18 Monate Schmerzen, vielleicht 18 Monate Arbeitsunf\u00e4higkeit. Wenn ich mir das \u00fcber eine private Zusatzversicherung leisten kann, bleiben all jene auf der Strecke, die sich das nicht leisten k\u00f6nnen.\u201c Besonders hart trifft es jene, die ohnehin st\u00e4rker belastet sind: \u201eUnd wer wird denn am h\u00e4ufigsten krank? Es sind die Arbeiter:innen, die die gef\u00e4hrlicheren und gesundheitssch\u00e4dlicheren Berufe aus\u00fcben \u2013 genau die Personengruppe, die sich eine Zusatzversicherung nicht leisten kann.\u201c<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" width=\"1320\" height=\"880\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/3-1-1920x1280.png\" data- class=\"alignnone size-large wp-image-60262 lazyload\"\/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-60262\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/3-1-1920x1280.png\" alt=\"\" width=\"1320\" height=\"880\"  \/><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das private Gesundheitssystem in \u00d6sterreich auch ein Tummelplatz riesiger Konzerne. Laut aktuellen Angaben des Versicherungsverbandes \u00d6sterreich sind die gr\u00f6\u00dften Anbieter privater Zusatzversicherungen die UNIQA mit 43 Prozent Marktanteil, die Merkur Versicherung mit knapp 19 Prozent Marktanteil und die Wiener St\u00e4dtische mit \u00fcber 17 Prozent Marktanteil. Aus reiner N\u00e4chstenliebe d\u00fcrften diese Unternehmen jedoch nicht im Gesundheitsbereich t\u00e4tig sein. Eher geht es um Profite, oftmals auf Kosten von Patient:innen. Kritisch sieht diese Entwicklung Agnes Streissler-F\u00fchrer, stellvertretende Landesstellen-Ausschussvorsitzende der \u00d6GK in Wien. \u201eWir d\u00fcrfen uns nicht der Marktlogik unterwerfen\u201c, sagt sie. \u201eDiese funktioniert nicht im Sinne der Patient:innen. Patient:innen und Konzerne agieren nicht gleichberechtigt. Es handelt sich um Machtverh\u00e4ltnisse.\u201c<\/p>\n<p>Gesundheitssystem in \u00d6sterreich st\u00e4rken<\/p>\n<p>Streissler-F\u00fchrer fordert \u00f6ffentliche Investitionen in ein zukunftsf\u00e4higes, solidarisches Gesundheitswesen. Oft w\u00fcrden Pl\u00e4ne in diese Richtung jedoch unter Finanzierungsvorbehalt gestellt, also nicht unbedingt umgesetzt, wenn das Budget daf\u00fcr auf Landes- oder Bundesebene fehlt. Aber wo der Staat nicht investiert, lauern private Versicherungs- und Gesundheitskonzerne auf ihre Chance. Mit der Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen zur \u00d6GK sei dem \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen viel Geld verloren gegangen, das nun in den Privatsektor flie\u00dft. Diese Einsparungen m\u00fcssten zur\u00fcckgenommen werden, so Streissler-F\u00fchrer. Daneben seien aber weitere Reformen n\u00f6tig. Der Individualisierung im niedergelassenen Bereich, wo 90 Prozent aller \u00c4rzt:innen in Einzelordinationen arbeiten, m\u00fcsse gegengesteuert werden. \u201eWir brauchen vergemeinschaftete Organisationsformen. Der Weg geht dorthin, wie wir am Trend hin zu mehr Prim\u00e4rversorgungszentren sehen. Wir brauchen interdisziplin\u00e4re Zentren, die sich mit spezifischen Themen befassen, wie zum Beispiel Diabeteszentren oder Schmerzzentren.\u201c<\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<p lang=\"\">\ud83e\ude7a Wie geht\u2019s dem Gesundheitssystem, Frau Ministerin?<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n\ud83c\udfe5 Bundesministerin @schumannkorinna.bsky.social\u200b (SP\u00d6) betont im Interview die Vorz\u00fcge des \u00f6ffentlichen, solidarischen Gesundheitssystems \u2013 und dass die Regierung Privatisierungen zur\u00fcckdr\u00e4ngen wird. <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/did:plc:fr6ktu4acflst4ehta2kbu7l\/post\/3mj2nppagyg2k?ref_src=embed\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">[image or embed]<\/a> \u2014 Arbeit&amp;Wirtschaft Magazin (<a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/did:plc:fr6ktu4acflst4ehta2kbu7l?ref_src=embed\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">@aundwmagazin.bsky.social<\/a>) <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/did:plc:fr6ktu4acflst4ehta2kbu7l\/post\/3mj2nppagyg2k?ref_src=embed\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">9. April 2026 um 13:00<\/a><\/p>\n<p>Streissler-F\u00fchrer ist damit auf einer Linie mit Wolfgang Panh\u00f6lzl von der AK. \u201eEs geht um den Strukturwandel, der n\u00f6tig ist, damit Menschen l\u00e4nger gesund bleiben und am richtigen Ort behandelt werden, n\u00e4mlich nicht im vergleichsweise teuren Krankenhaus, sondern im niedergelassenen Bereich\u201c, sagt Panh\u00f6lzl. Daf\u00fcr brauche es Ressourcen- und Finanzierungspl\u00e4ne, um zu eruieren, welche Investitionen wo geb\u00fcndelt werden m\u00fcssen. Als Beispiel nennt Panh\u00f6lzl spezialisierte Diabetes-Zentren, die multidisziplin\u00e4r arbeiten. Der Aufbau solcher Einrichtungen brauche zwar anfangs Investitionen, wirke aber langfristig kostend\u00e4mpfend.<\/p>\n<p>Das ist die Richtung, in die auch Streissler-F\u00fchrer denkt. Die Vorteile derartiger Einrichtungen l\u00e4gen auf der Hand: \u201eEs gibt eine viel bessere Anbindung und Betreuung f\u00fcr die Patient:innen\u201c, sagt sie. Diese m\u00fcssten nun nicht mehr lange Wege in Kauf nehmen, sondern h\u00e4tten einen unkomplizierteren Zugang zu den f\u00fcr sie n\u00f6tigen Gesundheitsangeboten. Und noch etwas sei wichtig, betont die <a href=\"https:\/\/www.arbeit-wirtschaft.at\/gewerkschaften-in-oesterreich\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gewerkschafterin<\/a>: \u201eF\u00fcr die Besch\u00e4ftigten bedeutet es bessere Arbeitszeiten, weniger Stress und auch das Recht, selber ohne schlechtes Gewissen krank sein zu d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>Mehr lesen<\/p>\n<p>            Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?<\/p>\n<p>Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal w\u00f6chentlich aktuelle Beitr\u00e4ge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.<\/p>\n<p>                Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.<br \/>\n                Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten f\u00fcr den Zweck der Versendung und Verwaltung des Newsletters sowie des Gewinnspiels zu. Diese Zustimmung kann jederzeit widerrufen werden. Details dazu finden Sie in unseren <a href=\"https:\/\/wien.arbeiterkammer.at\/Datenschutz.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Datenschutzbestimmungen<\/a>.<\/p>\n<p>            <img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/newsletter.png\" class=\"lazyload\" bad-src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\"\/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/newsletter.png\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00d6sterreichs \u00f6ffentliches Gesundheitswesen steht unter Kostendruck. 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