{"id":115677,"date":"2026-04-21T14:32:08","date_gmt":"2026-04-21T14:32:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/115677\/"},"modified":"2026-04-21T14:32:08","modified_gmt":"2026-04-21T14:32:08","slug":"wenn-50-prozent-arschloecher-sind-denk-an-die-anderen-50-rolling-stone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/115677\/","title":{"rendered":"\u201eWenn 50 Prozent Arschl\u00f6cher sind, denk an die anderen 50\u201c \u2014 Rolling Stone"},"content":{"rendered":"<p>Berlin-Pankow, eine ruhige Stra\u00dfe, B\u00e4nke, Blument\u00f6pfe. Versteckt in einem Hinterhof f\u00e4hrt man mit dem Aufzug ganz nach oben und landet in einem der renommiertesten Studios Deutschlands, bei den Krauts: Goldplatten, Superhelden-Figuren, alte Tonger\u00e4te, Vintage-Schallplatten. Seeed waren hier, Peter Fox\u2019 letztes Album entstand hier \u2013 und auch <a href=\"https:\/\/www.marteria.com\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marterias<\/a> Platten.<\/p>\n<p>Marten Laciny, so hei\u00dft der Rostocker mit b\u00fcrgerlichem Namen, pr\u00e4gt seit mehr als einer Dekade den deutschen Rap. Mit Songs wie \u201eLila Wolken\u201c und \u201eOMG!\u201c \u00f6ffnete er das Genre, weg von Battlerap und Stra\u00dfenrealismus, hin zu pers\u00f6nlicheren, poetischeren Lyrics.<\/p>\n<p>Er kommt gerade aus Asien, braungebrannt. Kein Handschlag, eine feste Umarmung. \u201eLass uns noch eine rauchen, dann k\u00f6nnen wir loslegen.\u201c Gerade l\u00e4uft die Promophase an. Interviewtermine, Social-Media-Postings. Marten macht das alles und redet gleichzeitig davon, wie sehr es ihn nervt. \u201eZu viel Marketing, das nicht mehr von den K\u00fcnstlern entschieden wird.\u201c Entscheidungen treffe er nach Gef\u00fchl, nicht nach Strategie. \u201eEs ist ja kein Marketing, es ist Musik.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSechs Jahre Hartz IV, was wir gegessen haben, das kann man keinem erz\u00e4hlen\u201c<\/p>\n<p>Nicht anders bei seinem neuen Album. \u201eDritte Teile sind immer schei\u00dfe\u201c, sagt Marten und verweist auf den Western-Teil von \u201eZur\u00fcck in die Zukunft III.\u201c, den Film, an den der Titel seiner Trilogie angelehnt ist. Einen dritten Teil wollte er nie machen. Doch irgendwann hatte Marteria einfach genug Songs, die zusammen- und in den Kontext der beiden Vorg\u00e4ngeralben passten.<\/p>\n<p>\u201eZum Gl\u00fcck in die Zukunft III\u201c entstand quasi r\u00fcckw\u00e4rts. Am deutlichsten zeigt sich das in einer pers\u00f6nlichen Trilogie: den Songs \u00fcber seinen Sohn. Es beginnt 2010 mit \u201eLouis\u201c, ein Lied \u00fcber einen Vater, der einen Preis f\u00fcr seine Karriere bezahlt, den der st\u00e4ndigen Abwesenheit. Vier Jahre sp\u00e4ter \u201eGleich kommt Louis\u201c, ein Song, den Marten im Krankenhaus schrieb, kurz bevor sein Sohn zur Welt kam. Und jetzt \u2013 rappt Louis, K\u00fcnstlername Luzey, selbst. \u201ePlatz f\u00fcr uns beide\u201c hei\u00dft der gemeinsame Track und ist das einzige Feature auf dem neuen Album: \u201eGood time daddy, aber Mama war auch im Winter da.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch find\u2019s super\u201c, kommentiert Marten. \u201eIch h\u00e4tte genauso geschrieben, wenn ich er w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Der harte Weg nach oben<\/p>\n<p>Dabei war der Anfang f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.rollingstone.de\/themen\/marteria\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marteria<\/a> nicht leicht. Nebenbei jobbte er als Party-MC im Matrix, einer der ber\u00fcchtigten Berliner Gro\u00dfraumdiscos. Arafat und Bushido standen damals auf der G\u00e4steliste. Er selbst verdiente 80 Euro die Nacht, mit erfundener Steuernummer und einem einzigen echten Skill: einer Speedrap-Strophe von Busta Rhymes, die er sich f\u00fcr den HipHop-Floor zurechtgelegt hatte. \u201eIch war kein guter Host. Aber es brachte ein bisschen Kohle\u201c, erz\u00e4hlt er lachend. Davon leben konnte er nicht.<\/p>\n<p>\u201eSechs Jahre Hartz IV, drei Wohnungen in Berlin verloren. Was wir gegessen haben, das kann man keinem erz\u00e4hlen\u201c, erinnert sich Marten.<\/p>\n<p>Vom Jobcenter in die Columbiahalle<\/p>\n<p>Beim Jobcenter Mitte war eine Frau f\u00fcr ihn zust\u00e4ndig, Frau Frecke. \u201eIch habe gesagt: Ey, ich will Mucke machen.\u201c Sie h\u00e4tte vieles sagen k\u00f6nnen, doch sie unterst\u00fctzte ihn: \u201eZieh durch!\u201c Er spielte Konzerte vor einer Handvoll Menschen. Einmal in Halle an der Saale vor genau einem Gast. Der Veranstalter war sauer. Marteria spielte trotzdem. \u201eDu hast nur negative Schei\u00dfe, kaum Lichtblicke, mal irgendwie eine gute Review in der Juice oder so. Jeden zweiten Tag eine Absage.\u201c Und dann: \u201eAuf einmal kommt dieser Bamm-Moment, wo es klappt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eRapkultur war immer auch eine sehr politische Kultur\u201c<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter steht er auf der B\u00fchne der Columbiahalle. 3500 Besucher. Ausverkauft. Er schaut nach oben auf den Rang. Dort sitzt seine Mutter. Und neben ihr: Frau Frecke mit ihrer Familie. \u201eManchmal brauchst du einfach solche Leute in deinem Leben\u201c, sagt Marteria. Anfangs sei es ihm um Anerkennung gegangen. Heute sei es die Musik selbst, die Kunst und Kreativit\u00e4t. Aber heute, glaubt er, sei ein Gro\u00dfteil der aktuellen Popkultur ziemlich belanglos.<\/p>\n<p>\u201ePop- oder Rapkultur waren immer eine sehr politische Kultur\u201c, erkl\u00e4rt Marten. Das sei verloren gegangen. Auf seinem Album erz\u00e4hlt er auch politische Geschichten: \u201eCaptain Europa\u201c ist ein Superheld, der allein vor einem Wasserwerfer steht. Oder \u201eBabylonia\u201c, entstanden auf Koh Phangan, als israelische Soldaten am Strand feierten und er wusste, wo sie herkamen. \u201eIch bin im Endeffekt ja auch ein Journalist. Ich beobachte die Welt und \u00fcbersetze es in Reime.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1\">Das Album spiegelt seine Beobachtungen der Welt, aber auch seines eigenen Lebens. \u201eDas ist meine Therapie\u201c, sagt er. \u201eDas ist meine Art, mit diesem Leben irgendwie klarzukommen.\u201c Der Song (und Single) \u201eSad Holiday\u201c handelt von einer Trennung im Urlaub, einer, die ihm selbst passiert ist. \u201eMan hat noch diese eine geile Nacht, aber du wei\u00dft, es ist eigentlich schon alles zu sp\u00e4t\u201c, sagt er. Im Song rappt Marteria: \u201eDas\u2018 kein Holiday-Trip, das ist einma\u2018 H\u00f6lle und zur\u00fcck\u201c. Unwillk\u00fcrlich denkt man an Martens kurzzeitige Festnahme vor drei Jahren in den USA wegen des Vorwurfs der h\u00e4uslichen Gewalt. Das Verfahren war kurz darauf ohne Anklage eingestellt worden, und Marten m\u00f6chte sich heute nicht mehr dazu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Die Angst geht um<\/p>\n<p>Die Welt hat sich seit dem letzten \u201eZum Gl\u00fcck in die Zukunft\u201c-Album verschoben. Nicht pl\u00f6tzlich, eher schleichend, aber sp\u00fcrbar. \u201eAngst ist gerade der King dieser Welt\u201c, sagt Marten. \u201eDa gehen die ganzen Pfeile hin.\u201c<\/p>\n<p>Marterias Zustandsbeschreibung. Die Grundspannung sei gr\u00f6\u00dfer geworden, die Reizbarkeit sowieso. Gespr\u00e4che kippen schneller, Positionen verh\u00e4rten sich schneller. Und manchmal werden die Gespr\u00e4che gar nicht erst gef\u00fchrt. \u201eDass man gar keinen Bock hat, \u00fcber Dinge zu sprechen, weil du \u00fcberall Angst hast, irgendwo anzuecken.\u201c<\/p>\n<p>Das zeigt sich nicht nur in gro\u00dfen Debatten, sondern im Kleinen, im Privaten. An Weihnachten zum Beispiel, wenn nach ein paar Obstlern die politischen Gespr\u00e4che losgehen und pl\u00f6tzlich mehr auf dem Spiel steht als nur ein Streit am Esstisch. Familien driften auseinander, manchmal dauerhaft. Bei ihm selbst auch. Seine Mutter spricht nicht mehr mit ihrem Bruder. \u201eDie Menschen zerfleischen sich gerade, weil sie so viel Angst und Sorge haben, ihre Position in dieser Welt zu finden.\u201c<\/p>\n<p>Was Marten beschreibt, ist ein Klima der Unsicherheit, in dem schnell Abgrenzung entsteht. \u201eIn Ostdeutschland sind es 40 Prozent, nicht vier. Man kommt da nicht drum herum, die zu kennen. Die reflektieren das gar nicht wirklich, die machen dann einfach so ein AfD-Kreuzchen\u201c, sagt Marten und holt kurz Luft. \u201eDas ist wie ein Dreamcatcher, der f\u00e4ngt einfach die \u00c4ngste der Leute.\u201c<\/p>\n<p>Die Lehren aus Lichtenhagen<\/p>\n<p>Er kommt, wie gesagt, aus Rostock. 1992 hatte ein Mob aus Tausenden Menschen tagelang ein Asylbewerberheim in Lichtenhagen belagert, Molotowcocktails geworfen, w\u00e4hrend Anwohner applaudierten und die Polizei versagte. Bilder, die eine ganze Generation gepr\u00e4gt haben. Marten war damals zehn Jahre alt. Oft habe er in seiner Schulzeit aufs Maul bekommen, weil Kids aus Vietnam oder der Ukraine neu in seine Klasse gekommen waren und er sich vor sie stellte. \u201eWenn irgendeiner irgendeinen anpisst, weil er irgendwo anders herkommt oder anders aussieht, dann pisst er ja auch mich an. Ich verteidige, was ich liebe. Das lasse ich mir nicht kaputtmachen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAfD ist wie ein Dreamcatcher, die f\u00e4ngt einfach die \u00c4ngste der Leute ein\u201c<\/p>\n<p>Sein Gegenentwurf zur Angst: Sich auf das Gute konzentrieren, auf Gemeinsamkeiten statt auf Unterschiede. \u201eLass uns die geilen Sachen finden, lass uns die Gemeinsamkeiten finden. Das vergessen viele.\u201c Auch er selbst \u00fcberlege manchmal \u2013 auswandern, wegziehen, einfach raus. \u201eNee, kein Bock. Ich will, dass es hier wieder geil wird. Wenn 50 Prozent Arschl\u00f6cher sind, dann denk an die anderen 50 Prozent. Und auch daran, dass man selbst nicht immer auf der richtigen Seite steht.\u201c<\/p>\n<p>Drau\u00dfen fahren S-Bahnen vorbei. Drinnen sprechen wir \u00fcber seinen Albumtitel. Der lasse sich auf zwei Arten lesen, erkl\u00e4rt Marten: Man will in der Zukunft Gl\u00fcck haben. Oder: Zum Gl\u00fcck gibt es \u00fcberhaupt eine Zukunft. \u201eEs ist alles so dark gerade\u201c, sagt er. \u201eAber wir leben das krasseste Leben. Frei durch Berlin rennen, Uber fahren von Club zu Club und essen was wir wollen.\u201c<\/p>\n<p>Irgendwo in Berlin lebt Frau Frecke, die sich das vielleicht ungef\u00e4hr so vorgestellt hat, als der junge Typ aus Rostock vor ihr im Jobcenter sa\u00df und sagte, er wolle Mucke machen.<\/p>\n<p>Wie Marten heute auf diese Zeit blickt, warum er sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet hat und welche unerz\u00e4hlten Geschichten hinter Songs wie \u201eLila Wolken\u201c und \u201eOMG!\u201c noch stecken, erz\u00e4hlt er im gro\u00dfen Video-Interview \u2013 ab Mittwoch auf dem <\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin-Pankow, eine ruhige Stra\u00dfe, B\u00e4nke, Blument\u00f6pfe. 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