{"id":11731,"date":"2026-02-25T05:10:19","date_gmt":"2026-02-25T05:10:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/11731\/"},"modified":"2026-02-25T05:10:19","modified_gmt":"2026-02-25T05:10:19","slug":"europa-mord-in-lyon-franzoesische-linke-ringt-um-einheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/11731\/","title":{"rendered":"Europa: Mord in Lyon: Franz\u00f6sische Linke ringt um Einheit"},"content":{"rendered":"<p>Der mutma\u00dfliche Mord an dem 23-j\u00e4hrigen rechtsextremen Studenten Quentin Deranque in Lyon hat in Frankreichs fragiler Demokratie eine kaum zu untersch\u00e4tzende politische Dimension. Das Land steht kurz vor den landesweiten Kommunalwahlen und damit dem letzten Stimmungstest vor den 2027 anstehenden Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Deranque, ein nationalistisch-identit\u00e4rer Aktivist, war am Abend des 12. Februar am Rande einer Veranstaltung der linksradikalen Partei La France Insoumise (LFI) so brutal zusammengeschlagen worden, dass er zwei Tage sp\u00e4ter an den Folgen starb. Videoaufzeichnungen dokumentieren zweifelsfrei die Brutalit\u00e4t der Angreifer. Inzwischen sitzen elf Verd\u00e4chtige, davon zwei Parlamentsmitarbeiter der LFI, in Untersuchungshaft. Einer davon ist Mitarbeiter des LFI-Abgeordneten Rapha\u00ebl Arnault. Es handelt sich um Aktivisten im linksradikalen Spektrum mit Verbindungen zur Antifa-Gruppe Jeune Garde.<\/p>\n<p>Deranques Tod ist damit, soviel ist klar, weit mehr als ein weiterer Eintrag in Frankreichs Chronik der Gewalt zwischen den politischen R\u00e4ndern. Diese ist \u00fcberwiegend gepr\u00e4gt von neo-faschistischen Taten, darunter rund ein Dutzend politischer Morde allein seit 2022. Nun, wenige Wochen vor der landesweiten B\u00fcrgermeisterwahl Mitte M\u00e4rz, t\u00f6ten junge Linksradikale. Die Tat wirft ein umso grelleres Licht auf LFI, aber auch auf andere linke Parteien, weil sich eine breite Medienfront \u2013 im Besitz von mit dem Rechtsextremismus sympathisierenden Milliard\u00e4ren \u2013 hetzend und spaltend an Lyon abarbeitet, ohne jemals das moralische Versagen der eigenen Reihen zu thematisieren. Die orchestrierte Front fordert schrill eine Brandmauer gegen LFI und streut ihre Kritik an der Gewalt wie einen Spaltpilz in die linke Parteienlandschaft.<\/p>\n<p>LFI, die gegenw\u00e4rtig aussichtsreichste linke Partei, ist das K\u00e4mpfen mit harten Bandagen gewohnt, ja, macht es offensichtlich zum Kern ihrer Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Doch nicht nur das Medienspektakel, sondern auch die b\u00fcrgerlich-progressiven Kr\u00e4fte machen die Tat von Lyon zum Lackmustest f\u00fcr den moralischen und strategischen Umgang mit Aktivismus. Sie stellt die Frage nach politischer Verantwortung. LFI, die gegenw\u00e4rtig aussichtsreichste linke Partei, ist das K\u00e4mpfen mit harten Bandagen gewohnt, ja, macht es offensichtlich zum Kern ihrer Identit\u00e4t. Jean-Luc M\u00e9lenchon, ein ehemaliger Sozialist, der sich zum linksradikalen Volkstribun wandelte, sagt gerne S\u00e4tze wie: \u201eWir haben ein dickes Fell.\u201c Und: \u201eDer Kampf geht weiter.\u201c Doch seit Lyon fragen sich viele, ob dies hier noch der notwendige Kampf ist oder bereits ein moralisches Versagen. M\u00e9lenchon verurteilte den Mord und die Gewalt. Doch kurz nach der Tat bekannte er sich auch zur\u00a0Jeune Garde: \u201eWir unterst\u00fctzen ihren Widerstand, wir unterst\u00fctzen ihre Organisation.\u201c<\/p>\n<p>Die antifaschistische Gruppierung, vom heutigen Abgeordneten Rapha\u00ebl Arnault mitgegr\u00fcndet, mit engen Beziehungen zu LFI, ist bereits im Sommer vergangenen Jahres vom franz\u00f6sischen Innenministerium aufgel\u00f6st worden \u2013 eben weil ihr ein gewaltsames Vorgehen vorgeworfen wurde. Als Jean-Luc M\u00e9lenchon nach Deranques Tod in der Nationalversammlung von \u201egro\u00dfer Zuneigung\u201c zur Jeune Garde sprach, wurde klar, dass er damit ein f\u00fcr seine aktivistische Basis identit\u00e4tsstiftendes Bekenntnis abgab. Von Reue und Kurs\u00e4nderung am linken Rand fehlt jede Spur.<\/p>\n<p>Das kritisieren im linken Lager allen voran prominente Sozialdemokraten wie Fran\u00e7ois Hollande, ehemaliger Pr\u00e4sident und heutiger Abgeordneter, sowie Rapha\u00ebl Glucksmann, Mitglied im Europaparlament. Sie prophezeien M\u00e9lenchon eine schwere strategische Hypothek und sehen sich in ihrem Kurs best\u00e4tigt, wonach die Linke LFI isolieren und meiden m\u00fcsse. Dabei war die franz\u00f6sische Linke bei Wahlen der vergangenen Jahre immer nur dann erfolgreich, wenn Sozialisten, Gr\u00fcne, Kommunisten und LFI gemeinsam antraten.<\/p>\n<p>Die nun manifeste Ambivalenz am linken Rand schockiert viele W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler. J\u00fcngste Umfragen zeigen, dass Sympathisanten von Sozialisten, Gr\u00fcnen und Kommunisten LFI zunehmend ablehnen. Olivier Faure, Generalsekret\u00e4r der Parti socialiste (PS), verurteilte politische Gewalt sogleich als \u201einakzeptable Inversion\u201c, die den demokratischen Diskurs deformiere. Die Sozialisten, Vertreter einer eher institutionell verankerten Linken, streiten intern seit Jahren \u00fcber den richtigen Umgang mit LFI. Faure selbst bef\u00fcrwortete lange ein Wahlb\u00fcndnis mit LFI \u2013 bis diese Frage die Partei zu spalten drohte. Auch Marine Tondelier von Les \u00c9cologistes (den Gr\u00fcnen) verwies auf die \u201eBrutalisierung des politischen Raums\u201c und betonte, dass gr\u00fcne Politik von Gewaltfreiheit gepr\u00e4gt sei \u2013 eine Verurteilung von LFI vermied sie jedoch. Wahr ist ebenso, dass die gem\u00e4\u00dfigten linken Parteien im Schatten von LFI und M\u00e9lenchon blass bleiben. Sowohl bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2017 als auch 2022 war er der einzige linke Kandidat, der es beinahe in die Stichwahl geschafft h\u00e4tte. Auch im kommenden Jahr will er mit dann 75 Jahren erneut als Pr\u00e4sidentschaftskandidat antreten.<\/p>\n<p>Die Vorzeichen im linken Lager stehen auf Sturm: konfrontative Identit\u00e4tspolitik gegen das Vorhaben pluralistischer, progressiver Regierungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>LFI-intern mag M\u00e9lenchons Strategie zu mehr Zusammenhalt f\u00fchren. Der franz\u00f6sischen Linken, die seit jeher an struktureller Zerbrechlichkeit leidet und zwischen radikaler Mobilisierung und republikanischer Legitimit\u00e4t navigieren muss, schadet sie. Den Mord an Deranque nimmt M\u00e9lenchon nun offensichtlich zum Anlass, seine mobilisierte Basis auf ein Narrativ der Opposition zur etablierten Ordnung auszurichten. Eine Strategie, die f\u00fcr andere linke Parteien so nicht gangbar ist. Denn f\u00fcr viele progressiv eingestellte W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler gelten demokratische Normen und Gewaltverzicht als Grundvoraussetzung f\u00fcr W\u00e4hlbarkeit, auch im heutigen Klima der Polarisierung und im Ringen um Frankreichs Demokratie. Viele blicken daher mit Sorgen auf die Kommunalwahlen \u2013 und auf die Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2027. Die Vorzeichen im linken Lager stehen auf Sturm: konfrontative Identit\u00e4tspolitik gegen das Vorhaben pluralistischer, progressiver Regierungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Die Frage nach Gewalt und Legitimit\u00e4t beantworten die Gegenspieler der Linken unterdessen klar und deutlich. Jordan Bardella, Parteichef des Rassemblement National (RN), drehte den Spie\u00df der LFI-Strategie kurzerhand um und verurteilte jedwede politische Gewalt. Er lie\u00df wissen, dass er, sobald er in Regierungsverantwortung gekommen w\u00e4re, alle gewaltbereiten Gruppierungen \u2013 rechte wie linke \u2013 verbieten werde, um die \u201erepublikanische Ordnung\u201c und die \u201eSicherheit der B\u00fcrger\u201c zu verteidigen. Vor den erwartungsgem\u00e4\u00df martialischen Gedenkm\u00e4rschen zu Ehren Deranques rief er seine Basis unmissverst\u00e4ndlich dazu auf, den Demonstrationen fernzubleiben.<\/p>\n<p>In St\u00e4dten wie Lyon, Paris oder Marseille wird diese neue Polarisierung so kurz vor den Kommunalwahlen mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit \u00fcber Mandate entscheiden. Lokale linke Listen, die sich m\u00fchsam zu Wahlgemeinschaften auch mit LFI zusammengefunden haben, m\u00fcssen sich jetzt politisch positionieren \u2013 oder sie riskieren Verluste. Es wird erwartet, dass das RN \u2013 welches die Tat von Lyon gr\u00fcndlich ausweidet, um der Linken wie gewohnt zivilisatorischen und demokratischen Verfall, \u201eRechtsunsicherheit\u201c und urbanes Elitentum anzuheften \u2013 dieses Mal Erfolge feiern wird. Am meisten zu verlieren haben dabei die auf nationaler Ebene schwachen Sozialisten. Deren St\u00e4rke \u2013 die lokalpolitische Verankerung in zahlreichen St\u00e4dten und Kommunen \u2013 k\u00f6nnte nun schwinden. Denn der allgemeinen Unzufriedenheit haben auch sie nur wenig entgegenzusetzen. Der Mord an einem 23-J\u00e4hrigen, soviel wird deutlich, w\u00e4re zwar ein Wendepunkt. Aber niemand biegt ab. Alle machen weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der mutma\u00dfliche Mord an dem 23-j\u00e4hrigen rechtsextremen Studenten Quentin Deranque in Lyon hat in Frankreichs fragiler Demokratie eine&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11732,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[7180,1713,5505,76,75,74,532,2392,7178,5222,7182,1990,952,7175,7176,6154,7177,7179,7181],"class_list":{"0":"post-11731","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-europa","8":"tag-antifa","9":"tag-demokratie","10":"tag-demonstrationen","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europe","14":"tag-frankreich","15":"tag-kommunalwahlen","16":"tag-lfi","17":"tag-lyon","18":"tag-marseille","19":"tag-mord","20":"tag-paris","21":"tag-polarisierung","22":"tag-politische-gewalt","23":"tag-ps","24":"tag-quentin-deranque","25":"tag-rn","26":"tag-sozialisten"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11731"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11731\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11732"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}