{"id":123283,"date":"2026-04-25T12:19:23","date_gmt":"2026-04-25T12:19:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/123283\/"},"modified":"2026-04-25T12:19:23","modified_gmt":"2026-04-25T12:19:23","slug":"ukrainische-soldaten-an-der-front-wer-sich-besser-versteckt-ueberlebt-laenger-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/123283\/","title":{"rendered":"Ukrainische Soldaten an der Front: \u201eWer sich besser versteckt, \u00fcberlebt l\u00e4nger\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Pl\u00f6tzlich tut sich was auf dem Bildschirm. Die Kamera der Aufkl\u00e4rungsdrohne zoomt das Bild heran. Drei M\u00e4nner, die zwischen H\u00e4userruinen herumlaufen. Verschwinden. Da sind sie wieder.<\/p>\n<p>\u201eSind das Russkis?\u201c, fragt Tolja.<\/p>\n<p>\u201eNein, unsere\u201c, antwortet Padre.<\/p>\n<p>\u201eSolche Kerle hast du\u201c, sagt Tolja, der Presseoffizier. Er meint Kerle, die ein Gebiet sichern. S\u00e4ubern, sagen sie.<\/p>\n<p>Padre bleibt gelassen. \u201eSolche gibt\u2018s \u00fcberall.\u201c <\/p>\n<p>\u201eUnd ich dachte, Mutige gibt\u2019s nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Tolja und Padre stehen in einem Haus, dort, wo es noch halbwegs sicher ist, und starren auf einen Bildschirm. Die Kamera einer Aufkl\u00e4rungsdrohne \u00fcbertr\u00e4gt in Echtzeit, was ein paar Kilometer weiter \u00f6stlich passiert. Sieht aus wie ein Videospiel, ist aber keines. Es ist eine Live\u00fcbertragung aus einer Gegend, die man hier die Killzone nennt: ukrainische Soldaten auf der Jagd nach russischen Soldaten. <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3164 copy.jpg\" alt=\"Soldaten verfolgen den Flug der Aufkl\u00e4rungsdrohne auf einem Bildschirm au\u00dferhalb des unmittelbaren Kampfgebiets. Die Aufnahme musste auf Wunsch der ukrainischen Streitkr\u00e4fte verwischt werden.\" width=\"1500\" height=\"900\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>\n            Soldaten verfolgen den Flug der Aufkl\u00e4rungsdrohne auf einem Bildschirm au\u00dferhalb des unmittelbaren Kampfgebiets. Die Aufnahme musste auf Wunsch der ukrainischen Streitkr\u00e4fte verwischt werden.<br \/>Artem Nesterow\n        <\/p>\n<p>Eine solche S\u00e4uberung findet statt, wenn der Drohne vorher etwas aufgefallen ist: Plastikreste von den Essenspaketen, die dem Gegner abgeworfen werden, frischer M\u00fcll, oder gar ein Mensch, der sich bewegt hat.<\/p>\n<p>\u201eDamit befassen sich dann unsere Infanterie und unsere Piloten\u201c, sagt Ljowa. \u201eDamit der Feind wieder aus dem Sektor verschwindet.\u201c<\/p>\n<p>Aber wenn wir die ukrainischen Kameraden sehen, dann beobachten die Russen sie wom\u00f6glich auch?<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich beobachten sie uns auch\u201c, sagt Ljowa. Das ist der Punkt: Alle beobachten alle.<\/p>\n<p>\u201eWer sich besser versteckt, der \u00fcberlebt l\u00e4nger\u201c, sagt Tolja.<\/p>\n<p>Und wer ist besser? <\/p>\n<p>Sekundenlange Stille.<\/p>\n<p>\u201eUnsere sind besser\u201c, sagt Ljowa.<\/p>\n<p>Ljowa steht neben Tolja, dem Presseoffizier, und Padre, dem Feldkommandanten. Ljowa ist der Rangh\u00f6chste. Und der sauberste. Frische Uniform, getrimmter Vollbart, goldener Ehering. Ljowa, stellvertretender Kommandant des ersten Panzerbataillons der 127. separaten schweren mechanisierten Charkiwer Brigade. \u201eDas ist wichtig\u201c, sagt Ljowa, der Major ist. \u201eGenau diese Bezeichnung.\u201c Die Brigade ist besonders stolz auf den Zusatz Charkiw, den ihr der ukrainische Pr\u00e4sident im Vorjahr verliehen hat. Es geht die um lokale Identit\u00e4t. In der 127. dienen vor allem Menschen aus dem Gebiet Charkiw. Leute, die ihre Stadt und ihr Gebiet verteidigen. \u201eIch will nicht, dass Fremde zu meiner Familie kommen\u201c, sagt Padre, der 38 Jahre alt ist, gerne Kaffee trinkt und in seinen Kommandopunkt in akkurater Ordnung h\u00e4lt. Auch er ist aus Charkiw, auch er hat Familie dort. <\/p>\n<p>Zugleich bedeuten Namen im gegenw\u00e4rtigen Krieg nicht viel: Die Panzer des ersten Panzerbataillons stehen irgendwo im Wald eingebuddelt. Sie werden jetzt nicht gebraucht. Auch dar\u00fcber will Ljowa sprechen. \u00dcber den realen Krieg im 2026er Jahr und was er alles br\u00e4uchte, damit die Ukraine Russland besiegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3172.jpg\" alt=\"Rucksack, Schlafsack, Gewehr und Ikonen: Das Lager der Soldaten.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Rucksack, Schlafsack, Gewehr und Ikonen: Das Lager der Soldaten.\u2003Artem Nesterow<\/p>\n<p>\u201eDie Nato ist nicht bereit f\u00fcr den Krieg\u201c, sagt Ljowa. Wie er die Nato kenne, w\u00fcrde sie hier mit Panzern auffahren. Unl\u00e4ngst hat er ein Video von einer \u00dcbung gesehen, da rannten Infanteristen neben einem Panzer her. Er deutet auf das Bild der Aufkl\u00e4rungsdrohne, die weiter die Landschaft scannt. Gepl\u00e4ttete H\u00e4user, Felder, Waldst\u00fccke. Alle sehen alles. Nach ein paar Minuten w\u00e4re eine Drohne da. \u201eBumm\u201c, sagt Ljowa. Er ahmt ein Explosion nach. \u201eI am sorry.\u201c<\/p>\n<p>Vor vier Jahren, als der russische Gro\u00dfangriff begann, f\u00fchrte man Journalisten zu Artilleriekanonen und lie\u00df die Soldaten f\u00fcrs Foto ein Gescho\u00df abfeuern. Viel zu gef\u00e4hrlich heute. Dann w\u00fcsste der Feind sofort, wo man steht. Jetzt f\u00e4hrt man Journalisten in verkabelte Dorfh\u00fctten mit Bildschirmen, Computern und Ecoflows am Rande der Todeszone. \u201eWir haben einen Generator\u201c, sagt Padre. \u201eAber wir schalten ihn nicht ein. Wir wollen so unauff\u00e4llig sein wie m\u00f6glich.\u201c Hier in den Soldatenquartieren sieht es anders aus, als in den cleanen Werbevideos der Drohnenhersteller der Krieg pr\u00e4sentiert wird. Es ist ein Ausflug ins Vorzimmer des Krieges, eine Mischung aus High Tech und Low Life. Betagte H\u00e4uschen mit Klo im Garten, Schlafsacklager vor Bl\u00fcmchentapeten, Munitionskisten zwischen dem Ger\u00fcmpel der Vorbesitzer, die die Ansiedlung l\u00e4ngst verlassen haben.<\/p>\n<p>Schon bei der Fahrt raus aus Charkiw, nach Osten in ein Dorf in Frontn\u00e4he, hat Ljowa vor den Drohnen gewarnt. Zwar haben Arbeitsbrigaden wie \u00fcberall in Frontn\u00e4he die gro\u00dfen Stra\u00dfen mit Netzen \u00fcbertunnelt, die sich wie gl\u00e4nzende B\u00e4nder \u00fcber das weite Land ziehen. Angreifende FPV-Drohnen sollen sich darin verfangen. Doch hundertprozentiger Schutz ist das keiner. \u201eErinnerst du dich an die Tankstelle\u201c, sagt Ljowa w\u00e4hrend der Fahrt zu Tolja. \u201eDie hats erwischt.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/1777119561_708_kein Titel.webp\" alt=\"Soldaten im Frontgebiet.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Soldaten im Frontgebiet.\u2003Artem Nesterow<\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rs fahren nicht mehr ohne Drohnendetektor. Wenn der Bildschirm des kleinen Ger\u00e4ts schwarz ist, ist alles gut. Wenn der Bildschirm grau wird, dann fliegt eine FPV-Drohne in drei Kilometern Entfernung. Wenn sie nur noch eineinhalb Kilometer entfernt ist, dann zeigt der Bildschirm ein Kamerabild: die Sicht des feindlichen Piloten. \u201eUnd wenn du dein Auto von hinten siehst, dann springst du raus\u201c, sagt Ljowa.<\/p>\n<p>In die Dorfh\u00e4user sind Soldaten eingezogen. Hier leben Drohnenpiloten und Infanteristen, wenn sie sich von ihren Eins\u00e4tzen erholen. Auch ihre Kampfeins\u00e4tze haben sich erschwert: Eine Rotation gelingt nur bei schlechter Witterung. Man braucht Regen, Nebel oder Sturmb\u00f6en, damit die Piloten, vor allem aber die Infanteristen, die ganz vorne sind, aus dem umk\u00e4mpften Gebiet rausgeholt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">\n        \u00bbIrgendwer muss diese Arbeit machen.\u00ab\n    <\/p>\n<p>        Olexander, 36<\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">\n        Infanterist bei der 127. Brigade\n    <\/p>\n<p>Olexander ist so ein Infanterist. Der 36-J\u00e4hrige steht vor einem der H\u00e4user und raucht. Gestern wurde er rausgeholt, nach einem Monat im Unterstand. Er und seine Kameraden werden aus der Luft versorgt, sie essen Wurst, P\u00fcree, \u201emanchmal S\u00fc\u00dfes\u201c. Zu dritt waren sie, die anderen beiden sind noch dort. Wie das ist? \u201eVerr\u00fcckt\u201c, sagt Olexander. Sie sind immer zusammen, beobachten abwechselnd die Umgebung, ohne Pause. \u201eDie Russen kriechen heran und wir wehren sie ab.\u201c Im Haus lehnen zwei Gewehre. Eines davon ist seines, eines eine Troph\u00e4e. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/1777119562_889_kein Titel.webp\" alt=\"Nur ein paar Tage &#10;Erholung: Infanterist Olexander, 36.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Nur ein paar Tage<br \/>\nErholung: Infanterist Olexander, 36.\u2003Artem Nesterow<\/p>\n<p>Ein gefangengenommener Russe, vier tote Russen, den Rest zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, das ist das Fazit der Woche in diesem Sektor. Und eigene Verluste? \u201eKeine Angabe\u201c, sagt Ljowa. \u201eWir versuchen sie zu minimisieren.\u201c<\/p>\n<p>Olexander hat sich gewaschen und rasiert, hat seine Frau angerufen. \u201eSie hat geweint\u201c, sagt er. \u201eSie dachte, ich sei tot.\u201c Bald muss er wieder zur\u00fcck. Wann? \u201eWird man mir sagen.\u201c Er hat sich einst freiwillig gemeldet. Olexander stammt aus Wowtschansk, eine Stadt weiter nord\u00f6stlich, die heute von den Russen besetzt ist. \u201eIrgendwer muss diese Arbeit machen\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Von den fr\u00fcheren Freiwilligen sind nicht mehr viele \u00fcbrig, auch davon kann Ljowa erz\u00e4hlen. Fr\u00fcher machten sie fast das gesamte Bataillon aus. Von den einst 500 sind vielleicht noch 40 im Dienst. In Charkiw verstecken sich Mobilisierungspflichtige monatelang in Wohnungen, w\u00e4hrend diese M\u00e4nner hier an der Front gefangen sind. \u201eZu Kriegsbeginn waren Soldaten vier Tage in den Stellungen und vier Tage auf Erholung, jetzt sind sie einen Monat dort und drei Tage hier\u201c, erz\u00e4hlt Padre. \u201eGebt mir einen Zug Drohnenpiloten und ich vertreibe die Russen\u201c, ruft Ljowa dazwischen. Er zeigt auf einen Jungen im modischen Milit\u00e4routfit, Tarasik nennen sie ihn liebevoll. Taras ist 22, hat einen Vertrag f\u00fcr ein Jahr unterschrieben. Wollte gleich Sturmowik werden. \u201eIch habe ihn zum Drohnenpiloten gemacht\u201c, sagt Ljowa. \u201eSchade um ihn.\u201c<\/p>\n<p>Die H\u00e4user dienen auch als Reparaturwerkstatt f\u00fcr kaputte Drohnen. Ein 3D-Printer druckt Ersatzteile, Modelle werden aufger\u00fcstet. Ein Drohnenpilot, Kampfname Sniper, zeigt einen Keller, der randvoll ist mit Gescho\u00dfen verschiedenster Art. Sniper hat zarte Finger, das ist gut f\u00fcrs Man\u00f6vrieren. Wenn man die Piloten auf ihr Handwerk anspricht, zucken sie mit den Achseln. \u201eNach dem zehnten Russen h\u00f6rst du auf zu z\u00e4hlen\u201c, sagt einer. \u201eDas bringt nichts.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_3281.jpg\" alt=\"Basteln f\u00fcr Soldaten: In einer Werkstatt werden Drohnen repariert und an die Anforderungen des Terrains angepasst.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p>Basteln f\u00fcr Soldaten: In einer Werkstatt werden Drohnen repariert und an die Anforderungen des Terrains angepasst.\u2003Artem Nesterow<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt sagt Ljowa, dass der Krieg in Zukunft \u201enoch automatisierter\u201c wird. Aber ganz ohne M\u00e4nner wird es nicht gehen, M\u00e4nner wie Olexander, Padre, Sniper und Tarasik.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich zeigt der Drohnendetektor ein graues Bild. Kurz darauf eine Landschaft. Die Sicht des feindlichen Piloten. Die Drohne ist nah. Ljowa gibt Gas.<\/p>\n<p>        Fakten<\/p>\n<p>Die 127. Charkiwer Brigade, mit der die \u201ePresse am Sonntag\u201c in Richtung Wowtschansk unterwegs war, wurde zu Kriegsbeginn 2022 als Einheit der Territorialverteidigung gegr\u00fcndet. Sie besteht vorwiegend aus M\u00e4nnern und Frauen aus dem Charkiwer Gebiet, die zun\u00e4chst die russische Besatzung ihrer Stadt abwehrten. Seither war die Brigade in unterschiedlichen Abschnitten eingesetzt. <\/p>\n<p>Das eigentlich Gefechtsgebiet, wo sich Piloten und Infanteristen bewegen, kann heutzutage aufgrund des hohen Risikos kaum noch besucht werden. Soldaten beschreiben diese \u201eKillzone\u201c als mehrere Kilometer breites Gebiet, in dem es keine klare Frontlinie gibt und der Gegner zuweilen hinter die eigenen Reihen vordringt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Pl\u00f6tzlich tut sich was auf dem Bildschirm. Die Kamera der Aufkl\u00e4rungsdrohne zoomt das Bild heran. 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