{"id":125167,"date":"2026-04-26T17:11:12","date_gmt":"2026-04-26T17:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/125167\/"},"modified":"2026-04-26T17:11:12","modified_gmt":"2026-04-26T17:11:12","slug":"aethiopien-will-das-deutschland-afrikas-werden-doch-der-weg-ist-holprig-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/125167\/","title":{"rendered":"\u00c4thiopien will das Deutschland Afrikas werden \u2013 doch der Weg ist holprig \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Wolkenkratzer wachsen in den Himmel, Kr\u00e4ne pr\u00e4gen die Skyline und im Hintergrund dr\u00f6hnt das Dauerhupen des dichten Verkehrs. Die Hochhauskulisse ist wohl nicht das typische Bild, das viele haben, wenn sie an Afrika denken. Noch eindrucksvoller wird es in Addis Abeba aber nach Einbruch der Dunkelheit: Die vielen Lichter lassen Vergleiche mit Dubai aufkommen. Wer mitten in der \u00e4thiopischen Hauptstadt steht, versteht schnell, weshalb Afrika und speziell \u00c4thiopien f\u00fcr viele als gro\u00dfe Zukunftshoffnung gilt. Dabei beginnt nur wenige Kilometer weiter ein anderes \u00c4thiopien \u2013 eines, das aus staubigen Stra\u00dfen und Pferdekarren besteht. Wie passen diese beiden Wirklichkeiten zusammen? <\/p>\n<p>In westlichen Debatten taucht Afrika oft nur dann auf, wenn eine Krise herrscht. Aber das ist ein Fehler. Mit rund 130 Millionen Einwohnern ist \u00c4thiopien einer der gr\u00f6\u00dften, zugleich aber am wenigsten erschlossenen M\u00e4rkte des afrikanischen Kontinents. Schon 2050 wird jeder vierte Mensch weltweit Afrikaner sein. Der Kontinent wird dann das gr\u00f6\u00dfte Arbeitskr\u00e4ftepotenzial der Welt stellen. Vom \u201eZukunftsmarkt Afrika\u201c ist seit Jahrzehnten die Rede \u2013 selten jedoch schien Afrika so nah daran, dieses Potenzial tats\u00e4chlich wirtschaftlich selbst zu nutzen. Das zieht auch die Aufmerksamkeit von Europa an. Im Rahmen der Initiative Global Gateway will die Europ\u00e4ische Union zwischen 2021 und 2027 rund 150\u2009Milliarden Euro in Afrika investieren. Auch \u00d6sterreich verfolgt mit einer eigenen Afrikastrategie einen Wirtschaftsansatz auf Augenh\u00f6he. Man m\u00fcsse wegkommen von diesem Den\u00adken, dass Afrika nur Empf\u00e4nger von Entwicklungshilfen ist, sagt Au\u00dfenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos). <\/p>\n<p>Bei der Afrikastrategie steht die lokale Wertsch\u00f6pfung im Mittelpunkt. Nicht nur Rohstoffe beziehen oder fertige Produkte exportieren, sondern vor Ort produzieren, investieren und ausbilden. Dabei geht es nat\u00fcrlich auch um Migration. Das Kalk\u00fcl dahinter: Wenn es Jobs und M\u00f6glichkeiten in den Heimatl\u00e4ndern gibt, fl\u00fcchten weniger Menschen nach Europa. <\/p>\n<p>Afrikas internationale Beziehungen haben sich in den vergangenen Jahren stark diversifiziert. Neben Europa spielen vor allem L\u00e4nder wie China, Indien, Brasilien sowie Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Katar eine wichtige Rolle, sagt Solomon Dersso, Politikanalyst der Afrikanischen Union, im Gespr\u00e4ch mit der \u201ePresse am Sonntag\u201c. Vor allem China hat seinen Einfluss durch Infrastrukturprojekte, Kredite und Investitionen sehr stark ausgebaut. Seit dem Jahr 2000 hat China rund 180 Mrd. US-Dollar in Afrika investiert. Im Zuge der Belt-and-Road-Initiative gibt es neue Zusagen in H\u00f6he von 51 Mrd. Dollar f\u00fcr die kommenden Jahre. Fast noch wichtiger ist aber, dass China der gr\u00f6\u00dfte Handelspartner ist. 2025 lag das gesamte \u00adHandelsvolumen zwischen China und Afrika bei rund 348 Mrd. Dollar. <\/p>\n<p>Die Weltbank prognostiziert f\u00fcr \u00c4thiopien im Jahr 2026 ein reales Wirtschaftswachstum von 7,1 Prozent. Der Internationale W\u00e4hrungsfonds ist mit seinen Erwartungen sogar noch optimistischer. Hoffnung machen vor allem das gro\u00dfe Agrarpotenzial und die fortschreitende Industrialisierung des Landes. Um zu verstehen, weshalb der IWF so hohe Erwartungen in das Land setzt, muss man zur\u00fcck in das Jahr 2018 blicken. Damals \u00fcbernahm Abiy Ahmed das Amt des Premierministers und versuchte, \u00c4thiopien wirtschaftlich und politisch zu \u00f6ffnen. Er leitete Reformen ein, lie\u00df politische Gefangene frei, lockerte Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr Medien und Opposition und schloss Frieden mit Eritrea, wof\u00fcr er auch den Friedensnobelpreis erhielt. <\/p>\n<p>Seine wirtschaftliche Reformagenda sollte das Land modernisieren und f\u00fcr Investoren attraktiver machen. Abiy k\u00fcndigte an, zuvor stark abgeschottete Sektoren f\u00fcr private und ausl\u00e4ndische Investoren zug\u00e4nglich zu machen. Dazu geh\u00f6rten etwa Telekommunikation, Logistik und zum Teil der Finanzsektor. <\/p>\n<p>Daf\u00fcr setzte er auf Industrialisierung. \u00c4thiopien sollte sich vom Agrarstaat st\u00e4rker zu einem Produktionsstandort entwickeln. Industrieparks wurden ausgebaut, Exporte gef\u00f6rdert und das Land als Standort f\u00fcr internationale Unternehmen positioniert. Von den globalen Konzernen wurde das mit Wohlwollen aufgenommen, in den neuen gro\u00dfen Industrieparks siedelten sich rasch Konzerne wie etwa der Textilriese H&amp;M an, die aus dem \u00e4thiopischen Markt das neue Bangladesch machen wollten: billige Energie, viele ungenutzte Baumwollressourcen und g\u00fcnstige Arbeitskr\u00e4fte. Mittlerweile hat die Realit\u00e4t Einzug gehalten: Logistikprobleme und politische Unsicherheiten sorgten daf\u00fcr, dass die Produktion in \u00c4thiopien wieder zur\u00fcckgefahren wurde. Au\u00dferdem wurde \u00c4thiopien \u2013 wegen Menschenrechtsverletzungen in Tigray \u2013 aus dem US-Handelsprogramm African Growth and Opportunity Act ausgeschlossen. Damit fiel der zollfreie Zugang zum US-Markt weg. <\/p>\n<p>Insgesamt verliefen die Reformen deutlich schleppender als erwartet. Das lag aber weniger an der fehlenden Vision als an der Realit\u00e4t eines fragilen Staates. \u00c4thiopien k\u00e4mpft seit Jahren mit hoher Verschuldung, Inflation und Importabh\u00e4ngigkeit. Au\u00dferdem kocht der Krieg in der Region Tigray immer wieder hoch \u2013 Abiy selbst trieb das in der Vergangenheit voran, seither ist er politisch hoch umstritten. Bislang sind Sch\u00e4tzungen zufolge dort rund 600.000\u2009Menschen gestorben, das ist weit mehr als im Ukraine-Krieg. Und ein Land im Krieg modernisiert sich schwer. Dazu kamen externe Schocks wie die Covid-Pandemie und nun der Iran-Krieg. Dieser sorgt aktuell f\u00fcr massive Verwerfungen beim Treibstoff. Treibstoffmangel ist den \u00c4thiopiern nicht fremd, aber aufgrund des Preisschocks durch den Iran-Krieg kauft die Regierung nun noch einmal weniger ein. Treibstoff wird in \u00c4thiopien vollst\u00e4ndig importiert, es gibt keine eigenen Raffinerien, die Golfregion ist der Hauptlieferant. Die Regierung kauft nur noch etwa die H\u00e4lfte der \u00fcblichen Dieselmenge ein: statt 9,2 Mio. Liter pro Tag nur noch 4,5 Mio. (zum Vergleich: \u00d6sterreich verbraucht rund 17 Mio. Liter am Tag). Deshalb gibt es eine strikte Rationierung. Milit\u00e4r und systemrelevante Einrichtungen werden bevorzugt versorgt, der Rest gelangt an die Tankstellen. Das sorgt f\u00fcr massive Staus auf den Stra\u00dfen: Kilometerweit stehen die Autos, Busse und Lkw an den Stra\u00dfen und warten auf frischen Diesel. Im Schnitt warten sie vier bis f\u00fcnf Tage am Stra\u00dfenrand, erz\u00e4hlen die Einwohner der \u201ePresse am Sonntag\u201c.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung in der Hauptstadt w\u00e4chst j\u00e4hrlich um rund vier Prozent, mittlerweile leben dort mehr als sechs Millionen Menschen. Das liegt auch daran, dass der Unterschied zwischen Stadt und Land in \u00c4thiopien enorm ist. Das Leben au\u00dferhalb der Metropole ist oft deutlich einfacher organisiert. Schon wenige Kilometer au\u00dferhalb der Stadt pr\u00e4gen Brunnen statt Leitungswasser und Pferdekarren statt Lastwagen das Bild. Wer kann, zieht also in die Stadt. <\/p>\n<p>In \u00c4thiopien sind rund 300 europ\u00e4ische Unternehmen aktiv \u2013 \u00f6sterreichische Unternehmen nur in \u00fcberschaubarer Zahl. Eines davon ist Lohmann &amp; Rauscher, ein international t\u00e4tiger Medizinproduktehersteller mit Wurzeln in Deutschland und \u00d6sterreich. Im Herbst 2024 wurde die Produktionsst\u00e4tte in \u00c4thiopien er\u00f6ffnet. Seither werden dort Einweg-OP-Kittel gen\u00e4ht und vollst\u00e4ndig nach Europa exportiert. Rund 300 Mitarbeiter arbeiten an dem 15.000 Quadratmeter gro\u00dfen Standort im Industriegebiet Bole Lemi am Rande von Addis Abeba. Zuvor wurden die OP-M\u00e4ntel in einem eigenen Werk in China produziert. Von der Verlegung der Produktion versprach sich das Unternehmen vor allem resilientere Lieferketten \u2013 auch als Lehre aus den Verwerfungen der Pandemie. <\/p>\n<p>Aber warum spricht man immer nur von Potenzial und nicht schon von Erfolg? Um das zu verstehen, muss man nur mit Unternehmen sprechen, die bereits vor Ort t\u00e4tig sind. Von einer teils \u00fcberbordenden B\u00fcrokratie berichten mehrere Unternehmer im Gespr\u00e4ch mit der \u201ePresse am Sonntag\u201c. Selbst einzelne Marketing-Flyer m\u00fcssten genehmigt werden, das System gelte als entsprechend schwerf\u00e4llig. \u201eMan muss sich daran gew\u00f6hnen, dass das nicht Europa ist\u201c, sagt Andreas Pfleger, Wirtschaftsdelegierter in Nairobi. Insgesamt funktioniere die Zusammenarbeit aber sehr gut, sagt Pfleger. <\/p>\n<p>Auch Thomas Menitz, CEO von Lohmann &amp; Rauscher, hadert mit der umfangreichen B\u00fcrokratie. Seinem Unternehmen wurden von der Regierung 2018 Erleichterungen in Aussicht gestellt \u2013 etwa deutlich niedrigere Logistikkosten, ein wichtiger Grund f\u00fcr die Standortentscheidung des Unternehmens. Doch das Versprechen hat sich nicht erf\u00fcllt. \u00c4thiopien ist ein Binnenstaat, Importe und Exporte laufen \u00fcber den Hafen in Dschibuti. Die Transportkosten seien bei weitem nicht so stark gesunken wie angek\u00fcndigt. So koste die Verschiffung eines Containers von China nach \u00c4thiopien drei- bis f\u00fcnfmal so viel wie der Transport eines identischen Containers von Shanghai nach Hamburg, sagt Menitz.<\/p>\n<p>Auch Trumer Schutzbauten blickt seit rund zwei Jahren auf den \u00e4thiopischen Markt, hat dort bislang aber noch nicht richtig Fu\u00df gefasst. \u201eVieles l\u00e4uft hier \u00fcber pers\u00f6nliche Kontakte\u201c, sagt Projektmanager Felix Draesner zur \u201ePresse am Sonntag\u201c. Dabei k\u00f6nnte ausgerechnet der Klimawandel dem Salzburger Familienunternehmen neue Chancen er\u00f6ffnen. \u201eOft werden wir erst kontaktiert, wenn bereits etwas passiert ist\u201c, sagt Draesner. <\/p>\n<p>In \u00d6sterreich ist Trumer auf Schutzbauten gegen Naturgefahren wie Steinschlag, Lawinen und Hangrutschungen spezialisiert \u2013 Know-how, das auch in Afrika gefragt sein k\u00f6nnte. Potenzial sieht das Unternehmen insbesondere im Bergbau. In S\u00fcdafrika sichert Trumer bereits mehrere Goldminen, und auch in \u00c4thiopien k\u00f6nnte das Gesch\u00e4ftsfeld wachsen. Denn Gold gewinnt dort rasant an Bedeutung. Jahrzehntelang dominierte Kaffee den Au\u00dfenhandel, inzwischen ist Gold zum wichtigsten Exportgut des Landes aufgestiegen. Getrieben von steigenden Preisen und h\u00f6heren Exportmengen erreichten die Goldexporte im vergangenen Jahr 3,5 Mrd. Dollar. Die Kaffeeexporte lagen 2025 bei rund 2,65 Mrd. Dollar.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/_GRM4116.jpg\" alt=\" Lohmann &amp; Rauscher produziert seit zwei &#10;Jahren in Addis Abeba.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/><\/p>\n<p> Lohmann &amp; Rauscher produziert seit zwei<br \/>\nJahren in Addis Abeba.\u2003Michael Gruber<\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">\n        \u00bbNeben Europa spielen vor allem L\u00e4nder wie China, Indien, Brasilien und die Golfstaaten eine wichtige Rolle.\u00ab\n    <\/p>\n<p>        Solomon Dersso<\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">\n        Politikanalyst der Afrikanischen Union\n    <\/p>\n<p>        Zahlen<\/p>\n<p>9,4 Prozent betrug die Inflationsrate im M\u00e4rz 2026. <\/p>\n<p>70 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Afrika sind unter 35 Jahre alt.<\/p>\n<p>5 Millionen Dollar j\u00e4hrlich machen die Exporte von \u00c4thiopien nach \u00d6sterreich aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wolkenkratzer wachsen in den Himmel, Kr\u00e4ne pr\u00e4gen die Skyline und im Hintergrund dr\u00f6hnt das Dauerhupen des dichten Verkehrs.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":125168,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[1219,40,41,39,38],"class_list":{"0":"post-125167","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nachrichten","8":"tag-afrika","9":"tag-nachrichten","10":"tag-news","11":"tag-schlagzeilen","12":"tag-top-meldungen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116472124974603396","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=125167"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125167\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/125168"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=125167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=125167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=125167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}