{"id":127071,"date":"2026-04-27T19:29:10","date_gmt":"2026-04-27T19:29:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/127071\/"},"modified":"2026-04-27T19:29:10","modified_gmt":"2026-04-27T19:29:10","slug":"ein-markt-den-europa-einst-kannte-und-seither-vergessen-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/127071\/","title":{"rendered":"Ein Markt, den Europa einst kannte \u2013 und seither vergessen hat"},"content":{"rendered":"<p>\n\t\t\t\t\t27. April 2026, 19:19 Uhr                <\/p>\n<p>Es gibt eine Frage, die man sich stellen sollte, bevor man weiterliest: Wann haben Sie das letzte Mal an Samarkand gedacht? Lautet die Antwort \u00abnie\u00bb oder \u00abim Geschichtsunterricht\u00bb, ist dies an sich schon symptomatisch. Denn \u00fcber Jahrhunderte hinweg war Samarkand kein exotisches Toponym, sondern einer der zentralen Knotenpunkte des Welthandels \u2013 eine Stadt, durch die Seide, Gew\u00fcrze, Ideen und Kapital von Ost nach West und wieder zur\u00fcck flossen. Auf ihren Basaren kannte man die Preise der Waren lange bevor diese Venedig erreichten. Ihre Architekten bauten Monumente, als Z\u00fcrich noch ein bescheidenes Dorf an der Limmat war.<\/p>\n<p>Von Fagan Nagiyev, Gr\u00fcnder von Blacktower Street<\/p>\n<p>Machen wir einen Sprung in das Baku der Jahrhundertwende. Um 1900 f\u00f6rderte diese Stadt etwa die H\u00e4lfte des weltweiten Erd\u00f6ls. Nicht die H\u00e4lfte der russischen, sondern der globalen Produktion. Hier bauten die Gebr\u00fcder Nobel auf, was zu einem der gr\u00f6ssten Erd\u00f6lunternehmen der Geschichte werden sollte: Branobel kontrollierte Bohrloch-Anlagen, Pipelines und die weltweit ersten \u00d6ltanker auf dem Kaspischen Meer. Die Rothschilds brachten Kapital ein und finanzierten gemeinsam mit den Nobels eine Eisenbahnlinie nach Batumi \u2013 einen Exportkorridor zum Schwarzen Meer und weiter nach Europa. Marcus Samuel, der Gr\u00fcnder von Shell, geh\u00f6rte zu den Partnern. Auf der Absheron-Halbinsel arbeiteten schwedische Ingenieure, deutsche Geologen und franz\u00f6sische Finanziers Seite an Seite.<\/p>\n<p>Hier lohnt es sich, ein historisches Detail in Erinnerung zu rufen, das selten in den Lehrb\u00fcchern steht. Das Verm\u00f6gen der Familie Nobel, das massgeblich aus dem Baku-\u00d6l stammte, bildete das finanzielle Fundament f\u00fcr die Stiftung des ber\u00fchmtesten Preises der Welt. Dass in Alfred Nobels Testament schliesslich ein Friedenspreis auftauchte, ist vor allem der \u00f6sterreichischen Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner zu verdanken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich an diesem Text arbeitete, suchte ich mein Z\u00fcrcher Lieblingshotel, das Baur au Lac, auf, um mich gedanklich ins Jahr 1892 zur\u00fcckzuversetzen. Genau hier, in diesen eleganten S\u00e4len, trafen sich Nobel und von Suttner zu einem schicksalhaften Gespr\u00e4ch. Man stelle sich die Szene vor: Der pragmatische Industrielle und die Idealistin diskutieren \u00fcber die Zukunft. Historikern zufolge war es genau dieser ehrliche, pers\u00f6nliche Austausch in Z\u00fcrich, der Nobel endg\u00fcltig davon \u00fcberzeugte, einen Teil seines Kapitals f\u00fcr einen Friedenspreis zu widmen. So fand der am Kaspischen Meer gef\u00f6rderte Reichtum seine historische Bestimmung. 1905 wurde von Suttner selbst als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die F\u00e4den, die in Baku ihren Anfang nahmen, spannen sich weit.<\/p>\n<p>All dies ist keine historische Exotik und kein Anlass f\u00fcr Nostalgie. Es ist der unabdingbare Kontext, ohne den jedes heutige Gespr\u00e4ch \u00fcber Investitionen in der Region jeglicher intellektueller Redlichkeit entbehrt.<\/p>\n<p id=\"h-die-historische-klammer\"><a\/>Die historische Klammer<\/p>\n<p>1920 marschierte die Rote Armee in Baku ein. Die \u00d6lanlagen wurden verstaatlicht. Es folgten sieben Jahrzehnte hinter dem sowjetischen Vorhang \u2013 kein Niedergang im strengen Sinne, aber ein vollst\u00e4ndiger Bruch mit den globalen Kapitalm\u00e4rkten, den offenen Institutionen und den internationalen Investoren. Die Region ist nicht degeneriert, sie wurde isoliert. Dies ist eine fundamental andere Diagnose.<\/p>\n<p>Die Sowjetunion zerfiel 1991. Seither sind mehr als dreissig Jahre vergangen, und es gilt zu verstehen, was diese drei Jahrzehnte in Wirklichkeit waren. Es war keine Zeit, in der die Region lediglich \u00abaufholte\u00bb oder sich \u00abunter westlicher Schirmherrschaft entwickelte\u00bb. Es war die Zeit eines Staatsaufbaus von Grund auf: die Schaffung von Institutionen, die Demarkation von Grenzen, die Beilegung von Konflikten. All dies erforderte eine enorme innere Energie.<\/p>\n<p>Wer die Region heute durch das Prisma \u00abmangelnden Fortschritts\u00bb betrachtet, verkennt den Kern: Was in dreissig Jahren auf den Tr\u00fcmmern einer Planwirtschaft aufgebaut wurde, ist ein Fundament. Und dieses ist nun bereit, die n\u00e4chste Traglast aufzunehmen.<\/p>\n<p id=\"h-keine-staaten-ein-okosystem\">Keine Staaten. Ein \u00d6kosystem<\/p>\n<p>Der gr\u00f6sste analytische Fehler des westlichen Kapitals besteht darin, Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan und Georgien als isolierte F\u00e4lle zu betrachten. Das k\u00e4me dem Versuch gleich, Deutschland losgel\u00f6st von den Niederlanden und Belgien zu analysieren, ohne die Logik des Rhein-Alpen-Korridors zu verstehen.<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t haben wir es mit einem zusammenh\u00e4ngenden Organismus zu tun. Wenn ein kasachischer Staatsfonds ein Logistikterminal in Georgien finanziert, wenn die aserbaidschanische Infrastruktur den Transit usbekischer G\u00fcter in Richtung T\u00fcrkei und Europa sicherstellt, wenn regionale Banken grenz\u00fcberschreitende Zahlungsketten aufbauen \u2013 dann beginnen die Grenzen zwischen diesen Jurisdiktionen anders zu funktionieren. Sie bleiben politisch, aber sie h\u00f6ren auf, wirtschaftlich zu sein.<\/p>\n<p>Der wichtigste Wandel in der Region vollzieht sich nicht in den Statistiken, sondern in der politischen Kultur: Pragmatismus verdr\u00e4ngt die Ideologie. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Transformation der armenisch-aserbaidschanischen Beziehungen. Trotz der noch frischen historischen Wunden und der offensichtlichen Schmerzhaftigkeit dieses Prozesses f\u00fcr die Gesellschaften, erkennt Armenien auf der Suche nach einem Ausweg aus der Isolation, dass dieser nur durch eine wirtschaftliche Partnerschaft mit Aserbaidschan und der T\u00fcrkei m\u00f6glich ist. Gleichzeitig verfolgen Aserbaidschan und die T\u00fcrkei keinen reaktion\u00e4ren, sondern einen pragmatischen Kurs in der Erkenntnis, dass die Einbindung Armeniens in regionale Projekte zu einem der wichtigsten Stabilit\u00e4tsfaktoren werden kann.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Logik greift in der gesamten Region. Usbekistan liberalisiert sich unter Mirsijojew schneller, als es die meisten Beobachter erwartet h\u00e4tten. Kasachstan betreibt eine multivektorale Aussenwirtschaftspolitik. Aserbaidschan diversifiziert seine Wirtschaft systematisch jenseits der Kohlenwasserstoffrente.<\/p>\n<p>Als Resultat ist der Mittlere Korridor (die Transkaspische internationale Transportroute) nicht l\u00e4nger bloss ein geopolitisches Schlagwort. Er ist eine funktionierende Arterie, die angesichts der sanktionsbedingten Neuordnung der eurasischen Logistik zur einzigen strukturell bereiten Alternative avanciert ist. Die Region hat sich als integrierte Plattform formiert. Was dieser Plattform nun fehlt, sind Technologien und Kapital der n\u00e4chsten Stufe.<\/p>\n<p id=\"h-der-globale-kontext-und-der-schweizer-vorteil\"><a\/>Der globale Kontext und der Schweizer Vorteil<\/p>\n<p>Die globale Handelsarchitektur erlebt eine systemische Verschiebung und fragmentiert in protektionistische Bl\u00f6cke. Und hier geniesst die Schweiz einen fundamentalen Vorteil gegen\u00fcber ihren Nachbarn auf dem Kontinent. W\u00e4hrend Br\u00fcssel die wirtschaftliche Logik oft komplexen und zuweilen schwer vermittelbaren politischen Kompromissen innerhalb der EU unterordnen muss, bewahrt die Schweiz ihre strategische Autonomie. Unser historischer Pragmatismus und unser unabh\u00e4ngiger aussenpolitischer Kurs erlauben es der Schweizer Wirtschaft, dort aktiv zu werden, wo andere erst Komitees bilden, um die Lage zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>Doch die Schweiz ist nicht nur einer der gr\u00f6ssten Tresore der Welt. Sie ist eine kolossale Forschungsbasis, f\u00fchrend in Technologie und Innovation. F\u00fcr Schweizer Unternehmen bietet der Kaspische Korridor eine einmalige Gelegenheit zur Skalierung. Zudem war die Schweiz historisch nicht nur ein Finanzzentrum, sondern stets auch eine globale Plattform f\u00fcr den aufrichtigen politischen und wirtschaftlichen Diskurs. Genau diese F\u00e4higkeit \u2013 zuzuh\u00f6ren, den Kontext des Partners zu verstehen und ohne ideologische Scheuklappen direkte Vereinbarungen zu treffen \u2013 ist heute am Kaspischen Meer von entscheidender Bedeutung.<\/p>\n<p>Die Region verf\u00fcgt \u00fcber eine wachsende Mittelschicht, enormes Transitpotenzial und eine reiche Rohstoffbasis. Gleichzeitig bedarf sie dringend der Modernisierung ihrer Infrastruktur, gr\u00fcner Technologien, der Digitalisierung und eines effizienten Ressourcenmanagements \u2013 Bereiche, in denen die Schweiz weltweit f\u00fchrend ist. Die B\u00fcndelung der technologischen und finanziellen Ressourcen der Schweiz mit dem Potenzial dieser Region kann der hiesigen Wirtschaft einen enormen Schub verleihen und ihr den Zugang zu einem Markt er\u00f6ffnen, der frei ist von den ideologischen Fesseln der atlantischen \u00d6konomie. Dies ist die strukturelle Antwort auf die Frage, wo neues Wachstum zu finden ist.<\/p>\n<p id=\"h-das-ehrliche-gesprach\"><a\/>Das ehrliche Gespr\u00e4ch<\/p>\n<p>F\u00fcr Schweizer und europ\u00e4ische Investoren existiert jedoch eine oft untersch\u00e4tzte Barriere: die kulturelle. Transaktionen werden hier nicht in einem Term Sheet besiegelt \u2013 sie werden in ehrlichen, offenen Gespr\u00e4chen geschlossen, die stattfinden, lange bevor ein solches Dokument \u00fcberhaupt auf dem Tisch liegt. Die Entscheidungsfindung basiert auf pers\u00f6nlichen Beziehungen und Vertrauen in einer Weise, auf die keine klassische Due-Diligence-Checkliste vorbereitet. Ein Partner, der beide Seiten dieser kulturellen Kluft versteht und die Schweizer Gesch\u00e4ftslogik in die Sprache der lokalen Realit\u00e4ten \u00fcbersetzen kann (und vice versa), ist keine Option. Er ist eine zwingende Voraussetzung f\u00fcr den Markteintritt.<\/p>\n<p id=\"h-fazit-eine-lektion-aus-der-vergangenheit\"><a\/>Fazit: Eine Lektion aus der Vergangenheit<\/p>\n<p>In den 1870er Jahren warteten die Rothschilds und Nobels nicht auf ideale Bedingungen. Sie drangen in eine Region vor, die die meisten ihrer Zeitgenossen f\u00fcr fern und unberechenbar hielten. Sie schufen Infrastrukturen, bauten Beziehungen auf, gingen Risiken ein \u2013 und erhielten eine Pr\u00e4mie, die diesen Risiken angemessen war.<\/p>\n<p>Heute befindet sich der Kaspische Korridor an einem \u00e4hnlichen Wendepunkt. Mit einem wesentlichen Unterschied: Im Gegensatz zu den 1870er Jahren gibt es hier bereits souver\u00e4ne Staaten, Institutionen, Universit\u00e4ten, digitale Infrastruktur und eine Klasse von Technokraten, die in London, Wien und Z\u00fcrich ausgebildet wurden. Die Eintrittsschwelle ist niedriger. Aber das Zeitfenster ist auch enger.<\/p>\n<p>Wer in Samarkand und Baku heute nur Geografie sieht, riskiert, morgen festzustellen, dass er eine der wichtigsten wirtschaftlichen Verschiebungen des Jahrzehnts verpasst hat.<\/p>\n<p>Diese Region muss nicht neu entdeckt werden. Man muss sich nur an sie erinnern.<\/p>\n<p>\u00dcber den Autor und das Unternehmen<\/p>\n<p>Fagan Nagiyev ist Makro\u00f6konomie- und Anlageberater und verf\u00fcgt \u00fcber eine einzigartige Optik bei der Beurteilung von Schwellenl\u00e4ndern (Emerging Markets) und den Staaten des Kaspischen Korridors. Als geb\u00fcrtiger Aserbaidschaner vereint Fagan ein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den kulturellen und politischen Kontext Eurasiens mit der makellosen Pr\u00e4zision der Schweizer Finanzschule. Mit fast 20 Jahren internationaler Erfahrung in Finanzzentren wie Moskau, Wien und Z\u00fcrich f\u00fchrte ihn sein Weg vom strukturierten Bankgesch\u00e4ft bis zur Position des Executive Directors bei der Schweizer Bankengruppe Julius B\u00e4r.<br \/>Sein akademisches Fundament umfasst einen Global Executive MBA (University of Minnesota und WU Wien) sowie Executive-Programme an der Universit\u00e0 Bocconi und der Indian School of Business (ISB).<br \/>Heute ist Fagan Nagiyev Gr\u00fcnder der Blacktower Street Investment Advisors (Switzerland) GmbH in Z\u00fcrich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.blacktowerstreet.com\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Blacktower Street<\/a> ist weit mehr als eine traditionelle Finanzboutique. Es ist ein internationaler, intellektueller Hub, der Br\u00fccken zwischen westlichem Kapital und neuen Wirtschaftszentren schl\u00e4gt. Das Unternehmen vereint ein Team globaler Partner und st\u00fctzt sich auf ein hochkar\u00e4tiges Executive Advisory Board, dem Experten mit tadellosem Ruf im Markt angeh\u00f6ren \u2013 darunter der anerkannte Schweizer Experte f\u00fcr Unternehmensreputation Bernhard Bauhofer, der ehemalige Senior Portfolio Manager bei Vontobel Asset Management und der Credit Suisse, Florian Boehringer, CFA, sowie weitere namhafte Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"27. 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