{"id":131594,"date":"2026-04-30T03:54:20","date_gmt":"2026-04-30T03:54:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/131594\/"},"modified":"2026-04-30T03:54:20","modified_gmt":"2026-04-30T03:54:20","slug":"wie-der-fall-roms-die-genetische-landschaft-europas-formte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/131594\/","title":{"rendered":"Wie der Fall Roms die genetische Landschaft Europas formte"},"content":{"rendered":"\n<p>Im 5. bis 7. Jahrhundert nach Christus befand sich Europa in einer Phase des Umbruchs: Das Westr\u00f6mische Reich zerfiel und die politische und gesellschaftliche Ordnung ver\u00e4nderte sich tiefgreifend. Nun haben Forschende Genome aus Gr\u00e4berfeldern in S\u00fcddeutschland aus dieser Zeit analysiert und damit tiefe Einblicke in Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisse, Familienstrukturen und den Austausch zwischen verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen gewonnen. \u00dcber die Generationen hinweg vermischten sich die Menschen nordischer Abstammung mit denen aus dem R\u00f6mischen Reich und schufen damit die Grundlage f\u00fcr die genetische Landschaft, die bis heute Mitteleuropa pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Am \u00dcbergang von der Sp\u00e4tantike zum fr\u00fchen Mittelalter erlebte Mitteleuropa tiefgreifende politische, kulturelle und demografische Ver\u00e4nderungen. Das Westr\u00f6mische Reich zerfiel, das Christentum breitete sich aus und neue Siedlungsmuster entstanden. \u201eDie Entstehung neuer politischer und sozialer Strukturen in West- und Mitteleuropa in dieser Zeit wurde lange auf gro\u00dfr\u00e4umige Migrationsbewegungen zur\u00fcckgef\u00fchrt\u201c, erkl\u00e4rt ein Team um Jens Bl\u00f6cher von der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. \u201eNeue Erkenntnisse unterstreichen jedoch zunehmend die Rolle der Mobilit\u00e4t kleiner Gruppen bei der Neugestaltung der r\u00f6mischen Welt.\u201c Bisher war aber wenig bekannt \u00fcber das Leben der einfachen Bev\u00f6lkerung, die in dieser Phase in Mitteleuropa lebte.<\/p>\n<p>Genome aus Gr\u00e4berfeldern<\/p>\n<p>\u201eUm unser Verst\u00e4ndnis der demografischen Prozesse in dieser sich wandelnden soziokulturellen Landschaft zu erweitern, haben wir Genome aus der Zeit von 400 bis 700 nach Christus von verschiedenen arch\u00e4ologischen Fundst\u00e4tten sequenziert\u201c, berichten Bl\u00f6cher und seine Kollegen. Insgesamt analysierten sie 258 Genome von Menschen, die in der fraglichen Zeit in der n\u00f6rdlichen Grenzregion des R\u00f6mischen Reichs im heutigen S\u00fcddeutschland bestattet wurden. \u201eDie Gr\u00e4ber, die oft mit Kleidung, Waffen, Schmuck oder Gef\u00e4\u00dfen best\u00fcckt waren, bieten einzigartige Einblicke in das Alltagsleben und den Tod im Europa des 5. bis 7. Jahrhunderts\u201c, erkl\u00e4ren die Forschenden.<\/p>\n<p>An einigen Orten wurden viele Generationen der lokalen Bev\u00f6lkerung auf dem gleichen Gr\u00e4berfeld bestattet. Das erm\u00f6glichte den Forschenden, Verwandtschaftsnetze zu rekonstruieren und weitreichende R\u00fcckschl\u00fcsse auf Abstammungen, Familienstrukturen, Lebensweisen und Wanderungsbewegungen zu ziehen. Demnach existierten im 5. Jahrhundert in S\u00fcddeutschland zwei genetisch unterschiedliche Populationen: Menschen mit nordischer Abstammung sowie Bewohner r\u00f6mischer Siedlungen, deren Vorfahren aus ganz Europa und teilweise sogar aus Asien stammten. Teils handelte es sich wahrscheinlich um r\u00f6mische Soldaten, teils um Bauern aus weit entfernten Regionen des R\u00f6mischen Reiches, die von den R\u00f6mern im heutigen S\u00fcddeutschland angesiedelt worden waren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-344406\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/2026_04_29_EuropaGenetik_Frau-300x225.jpg\" alt=\"Sch\u00e4del und Skelett eimer Frau aus dem 6. Jh. auf Untersuchungstisch \" width=\"300\" height=\"225\"  \/>Das Skelett dieser Frau, die zwischen 510 und 560 n. Chr. in der Gegend des heutigen Altheims in Bayern gelebt hat, enth\u00fcllt, das sie bei ihrem Tod etwa 40 bis 60 Jahre alt war. Ihre Vorfahren waren wahrscheinlich einige Generationen zuvor aus dem Norden nach S\u00fcddeutschland gekommen. \u00a9 SAM \/ HarbeckDemografischer Wandel<\/p>\n<p>In den folgenden Jahrhunderten vermischten sich die beiden Gruppen: \u201eUnsere populationsgenetischen Analysen zeigen einen bedeutenden demografischen Wandel, der mit dem Zusammenbruch der r\u00f6mischen Staatsstrukturen im sp\u00e4ten 5. Jahrhundert zusammenf\u00e4llt, als sich eine Gr\u00fcndungsbev\u00f6lkerung nordeurop\u00e4ischer Abstammung mit genetisch vielf\u00e4ltigen r\u00f6mischen Provinzgruppen vermischte\u201c, berichten Bl\u00f6cher und sein Team. \u201eRekonstruierte Stammb\u00e4ume deuten auf weit verbreitete Mischehen und minimale kulturelle Differenzierung hin. Im fr\u00fchen 7. Jahrhundert war schlie\u00dflich eine Bev\u00f6lkerung entstanden, deren genetische Zusammensetzung der der heutigen Menschen in Mitteleuropa \u00e4hnelt.\u201c<\/p>\n<p>Bl\u00f6cher und sein Team berechneten auch die wahrscheinlichen Geburts- und Sterbedaten der untersuchten Individuen. Demnach betrug die Generationsdauer etwa 28 Jahre und die durchschnittliche Lebenserwartung lag f\u00fcr M\u00e4nner bei 43,3 Jahren. F\u00fcr Frauen stellten Geburten ein hohes Risiko f\u00fcr einen vorzeitigen Tod dar, sodass ihre durchschnittliche Lebenserwartung mit 39,8 Jahren etwas geringer lag. Die S\u00e4uglings- und Kleinkindsterblichkeit war hoch. Etwa ein Viertel der Kinder verlor bis zum zehnten Lebensjahr mindestens ein Elternteil. Zugleich hatten noch rund zwei Drittel der Kinder in diesem Alter noch mindestens ein Gro\u00dfelternteil.<\/p>\n<p>Familienstrukturen rekonstruiert<\/p>\n<p>Aus den beobachteten Verwandtschaftsverh\u00e4ltnissen schlie\u00dfen die Forschenden zudem, dass streng monogame Ehen die Regel waren. Fast alle der untersuchten Personen hatten nur mit einem Partner Kinder. Das deutet darauf hin, dass die meisten Menschen auch nach dem Tod von Ehefrau oder Ehemann keine neue Verbindung eingingen, aus der Nachkommen hervorgingen \u2013 im Einklang mit den Regeln des Christentums, das sich damals im Aufstieg befand.<\/p>\n<p>Die Grabst\u00e4tten deuten auch darauf hin, dass M\u00e4nner oft in dem Ort blieben, in dem sie geboren wurden. Beispielsweise identifizierten die Forschenden auf einem Gr\u00e4berfeld im s\u00fcdhessischen B\u00fcttelborn f\u00fcnf Generationen m\u00e4nnlicher Verwandter, die in direkter N\u00e4he zueinander beigesetzt wurden. Die Leichname von Frauen dagegen fanden sich dagegen h\u00e4ufig in anderen Orten als die ihrer Vorfahren. Das legt nahe, dass es f\u00fcr Frauen \u00fcblich war, zur Familie ihres Ehemanns zu ziehen. In manchen F\u00e4llen zeigten sich aber auch umgekehrte Muster. Deshalb gehen die Forschenden davon aus, dass das patrilokale System zwar verbreitet war, aber gelegentlich flexibel gehandhabt wurde.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse widersprechen zudem der These, dass der demografische Wandel im fr\u00fchmittelalterlichen Europa vor allem durch gro\u00dfe V\u00f6lkerwanderungen zustande kam. \u201eBiologische Verwandtschaftsdaten deuten darauf hin, dass an dieser Migration eher Einzelpersonen und kleine Verwandtschaftsgruppen als ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen beteiligt waren\u201c, erkl\u00e4ren Bl\u00f6cher und seine Kollegen. \u201eObwohl der \u00dcbergang von der Sp\u00e4tantike zum Fr\u00fchmittelalter traditionell als Konflikt zwischen den n\u00f6rdlichen \u201aBarbaren\u2018 und dem im Niedergang begriffenen R\u00f6mischen Reich dargestellt wurde, zeigen unsere Ergebnisse im Einklang mit weiteren neueren Studien einen vielschichtigen Wandel.\u201c<\/p>\n<p>Quelle: Jens Bl\u00f6cher (Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz) et al., Nature, <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41586-026-10437-3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">doi: 10.1038\/s41586-026-10437-3<\/a><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p class=\"entry-meta meta-small\"> \u00a9 wissenschaft.de &#8211; Elena Bernard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im 5. bis 7. 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