{"id":133007,"date":"2026-04-30T19:36:09","date_gmt":"2026-04-30T19:36:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/133007\/"},"modified":"2026-04-30T19:36:09","modified_gmt":"2026-04-30T19:36:09","slug":"falco-mir-ist-angst-und-bange-ein-anruf-der-sein-leben-fuer-immer-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/133007\/","title":{"rendered":"Falco: \u201eMir ist angst und bange\u201c \u2013 Ein Anruf, der sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren sitzt Falco in einem Wiener Gasthaus, als ihn ein Anruf erreicht, der sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndern sollte. Aber der Moment, der ihn unsterblich macht, ist auch der, an dem er schlie\u00dflich zerbrechen wird.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es ist ein milder Samstagabend, der 29. M\u00e4rz 1986, als Hans H\u00f6lzel mit einigen Freunden und Gesch\u00e4ftspartnern in der B\u00e4ckerstra\u00dfe 14 im ersten Wiener Bezirk einkehrt. Er ist gerne hier. In den 1980er-Jahren ist das Oswald &amp; Kalb mehr als nur ein Gasthaus. Eher ein Resonanzraum der Wiener Kulturszene, eine verwinkelte und holzvert\u00e4felte Lokalit\u00e4t in einem alten Renaissance-B\u00fcrgerhaus aus dem 14. Jahrhundert. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen zeitgen\u00f6ssische Kunstwerke, und das Lokal hat sich bereits als Treffpunkt f\u00fcr Literaten, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Schauspieler und Musiker etabliert.<\/p>\n<p>Hier f\u00fchlt sich H\u00f6lzel sichtlich wohl. Der 29-J\u00e4hrige ist im Wiener Nachtleben kein Unbekannter. Es gibt in der Donau-Metropole wahrscheinlich kaum noch einen Gastronomen, der nicht mindestens eine Geschichte \u00fcber ausschweifende N\u00e4chte mit dem \u201eHansi\u201c zu erz\u00e4hlen h\u00e4tte. W\u00e4hrend ihm in Wien vor allem sein Ruf vorauseilt, ist es im Rest des deutschsprachigen Raums l\u00e4ngst auch sein K\u00fcnstlername. H\u00f6lzel mag im Wiener Nachtleben noch immer der Hansi geblieben sein, doch im Rest des Landes ist er l\u00e4ngst <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/falco\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/falco\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">nur noch als Falco bekannt<\/a>. Und auch \u00fcber diese Grenzen hinaus, wie sich sehr bald zeigen wird.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend H\u00f6lzel und seine Entourage an diesem Abend also Wei\u00dfwein und \u00f6sterreichische Hausmannskost ordern, versucht sein Manager Horst Bork, ihn vergeblich zu erreichen. Schlie\u00dflich findet er heraus, wo H\u00f6lzel ist, und ruft im Oswald &amp; Kalb an. Dort bekommt er den \u00f6sterreichischen Musikproduzenten Markus Spiegel an den Apparat und bittet ihn, die Nachricht zu \u00fcberbringen, die H\u00f6lzels Leben nicht nur ver\u00e4ndern, sondern auch in ein Davor und ein Danach einteilen wird. Der Falco m\u00f6ge doch zur\u00fcckrufen, wenn er dazu in der Lage sei.<\/p>\n<p>Nach Mitternacht kommt dann der Anruf. Auff\u00e4llig n\u00fcchtern sei H\u00f6lzel in diesem Moment gewesen, wie Bork in seinen Erinnerungen feststellt. Ob er die gute Nachricht denn schon geh\u00f6rt habe, will er von seinem Sch\u00fctzling wissen. \u201eHorsti, ich kann es noch gar nicht fassen\u201c, best\u00e4tigt H\u00f6lzel. \u201eJetzt geht es los, aber mir ist angst und bange.\u201c H\u00f6lzel wurde an diesem Abend mitgeteilt, dass Falco mit seinem Song \u201eRock Me Amadeus\u201c auf Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts eingestiegen ist. <\/p>\n<p>Eigentlich wollte Falco seinen gr\u00f6\u00dften Hit nie singen<\/p>\n<p>Ein unfassbarer Triumph: der erste deutschsprachige Song, dem das jemals gelingt. Und es blieb nicht bei einem kurzen Erfolg. \u201eRock Me Amadeus\u201c hielt sich an der Spitze. Drei Wochen gab es f\u00fcr \u201eKiss\u201c von Prince kein Vorbeikommen an Falco. Nicht nur f\u00fcr Falco selbst, sondern auch f\u00fcr die Amerikaner eine Sensation.<\/p>\n<p>H\u00f6lzel selbst reflektierte in sp\u00e4teren Interviews diesen einen Moment, der sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndern sollte, immer wieder. Er w\u00e4re gar nicht gut drauf gewesen, sagte er, denn ihm sei durchaus bewusst geworden, dass er diesen Erfolg nie wieder toppen k\u00f6nnte. Dass er einen Punkt erreicht hatte, von dem es nur noch bergab gehen konnte. Was Falco hingegen nie \u00f6ffentlich sagte, war, dass es an ihm genagt haben muss, dass ausgerechnet \u201eRock Me Amadeus\u201c sein internationaler \u00dcberhit werden sollte. Er mochte den Song schlicht nicht, wollte ihn zuerst gar nicht einspielen.<\/p>\n<p>Er nahm ihn bereits 1985 mit Rob &amp; Ferdi Bolland auf, die als Produzentenduo Bolland &amp; Bolland bekannt waren. Als sie Falco die ersten Demos von \u201eAmadeus\u201c pr\u00e4sentierten, weigerte er sich standhaft, das einzusingen. \u201eIch singe den Amadeus-Schmarrn jetzt doch nicht, da traue ich mich in Wien doch nicht mehr auf die Stra\u00dfe, wenn das ver\u00f6ffentlicht wird. Merkst du eigentlich nicht, auf welchem Holzweg wir hier mit den Holl\u00e4ndern sind?\u201c, fragte Falco seinen Manager damals. \u201eRock Me Amadeus\u201c war in erster Linie von dem erfolgreichen Kinofilm \u201eAmadeus\u201c (1984) von Milos Forman inspiriert. Lyrisch ist er ein Gedankenspiel, das sich mit der Frage besch\u00e4ftigt, was eigentlich passiert w\u00e4re, wenn sich Wolfgang Amadeus Mozart in die Wiener Punk-Szene der Achtziger verirrt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Arbeit in der niederl\u00e4ndischen Wallachei machte dem K\u00fcnstler zu schaffen <\/p>\n<p>Die Bollands schafften es schlie\u00dflich aber, Falco von der Qualit\u00e4t des Songs zu \u00fcberzeugen, und nach und nach gab er den \u201eK\u00e4srollern\u201c, wie er die beiden Niederl\u00e4nder nicht immer ganz liebevoll nannte, nach. Es sollte sich auszahlen. Der Song wurde schon 1985 im deutschsprachigen Raum ausgekoppelt und ein gro\u00dfer Hit. Ein Jahr sp\u00e4ter schlug er dann in den USA ein. Und Falco wurde endg\u00fcltig zum Superstar. Dabei lagen seine musikalischen Anf\u00e4nge ironischerweise gar nicht im Pop, sondern in einem eigent\u00fcmlichen Zwischenraum aus Jazz, Funk und Wiener Subkultur. In den 1970er-Jahren spielte Falco Bass, unter anderem bei der Formation \u201eDrahdiwaberl\u201c, einer anarchischen Kunstband, die weniger an klassischen Songs als an Provokation interessiert war. <\/p>\n<p>Hier lernte er, mit Attit\u00fcde zu arbeiten. Sprache, Pose, Ironie. Parallel dazu entwickelte er seinen Sprechgesang, der sp\u00e4ter zu seinem Markenzeichen wurde. Falco kam nicht aus der klassischen Pop-Schule, sondern aus einem Milieu, das Kunst, Nachtleben und musikalische Grenz\u00fcberschreitung miteinander verschmolz.<\/p>\n<p>Als Solok\u00fcnstler versuchte er, das mit dem Zeitgeist des Mainstream-Pop zu verbinden. Mit seinem ersten Album \u201eEinzelhaft\u201c (1982) brachte er mit \u201eDer Kommissar\u201c den k\u00fchlen, urbanen Sprechgesang auf die musikalische Karte. Tats\u00e4chlich konnte sich schon seine erste Single in den USA durchsetzen, allerdings nicht ann\u00e4hernd so erfolgreich wie sp\u00e4ter \u201eRock Me Amadeus\u201c. Sein zweites Album \u201eJunge Roemer\u201c (1984) wirkte deutlich opulenter, stilistisch breiter, blieb aber kommerziell hinter den Erwartungen zur\u00fcck, sodass sein Manager ihn zu der Zusammenarbeit mit den Bollands dr\u00e4ngte, die damals als Hit-Garanten galten.<\/p>\n<p>Falco brauchte unbedingt einen gro\u00dfen Erfolg. Und so entstand mitten in der holl\u00e4ndischen Tiefebene, in einem Ort mit dem nicht ganz so urbanen Namen \u201eNederhorst den Berg\u201c, das Album \u201eFalco 3\u201c (1985). Es muss nicht weiter angemerkt werden, wie sehr die Studiosessions in der niederl\u00e4ndischen Wallachei dem K\u00fcnstler zu schaffen machten. Aber es funktionierte. Das Album war ein Riesenerfolg und machte Falco endg\u00fcltig zum globalen Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Neben \u201eRock Me Amadeus\u201c waren auch Songs wie \u201eJeanny\u201c, \u201eM\u00e4nner des Westens\u201c und \u201eVienna Calling\u201c enorme Hits. Auf \u201eFalco 3\u201c schaffte es H\u00f6lzel, seine Kunstfigur mit dem Pop-Appeal und dem Zeitgeist so pr\u00e4zise in eine internationale Anschlussf\u00e4higkeit zu \u00fcbersetzen, dass aus dem Wiener Einzelg\u00e4nger pl\u00f6tzlich ein Weltstar wurde. Es folgten nun gro\u00dfe Promotion-Touren durch die USA, doch Falco f\u00fchlte sich nicht wohl. Nicht nur, weil die Amerikaner ihn st\u00e4ndig f\u00fcr einen K\u00fcnstler aus \u201eAustralia\u201c hielten, weil viele nicht einmal wussten, dass \u201eAustria\u201c \u00fcberhaupt existiert. Er vermisste auch schlichtweg seine Heimat. Er vermisste sein Wien.<\/p>\n<p>Auf den Triumph folgt keine Befreiung, sondern ein Druck, unter dem er zerbricht<\/p>\n<p>Und so kam es, wie er es schon am Abend im Oswald &amp; Kalb bef\u00fcrchtet hatte. Auf den Triumph folgt keine Befreiung, sondern ein Druck, der sich nicht mehr absch\u00fctteln l\u00e4sst. Der amerikanische Markt verlangt nach Wiederholung, nach Anschlussf\u00e4higkeit, nach einem zweiten \u201eAmadeus\u201c. Aber Falco ist kein K\u00fcnstler der Wiederholung. Die folgenden Alben enthalten zwar weiterhin starke Momente, doch der ganz gro\u00dfe internationale Wurf bleibt aus. <\/p>\n<p>Stattdessen w\u00e4chst die Diskrepanz zwischen Figur und Mensch. Falco, der Dandy, der alles kontrolliert, steht pl\u00f6tzlich einem H\u00f6lzel gegen\u00fcber, der sich dieser Kontrolle immer \u00f6fter entzieht. Alkohol, Eskapismus, ein Leben im Dauer-Transit zwischen Wien, M\u00fcnchen und Los Angeles. Es ist weniger ein Absturz als ein langsames Erodieren.<\/p>\n<p>H\u00f6lzel fl\u00fcchtet sich in die B\u00fcrgerlichkeit, doch als er erf\u00e4hrt, dass seine geliebte Tochter nicht sein eigenes Kind ist, zerbricht er komplett. In den 1990er-Jahren wird daraus ein Dauerzustand. Falco bleibt pr\u00e4sent, ver\u00f6ffentlicht mit \u201eNachtflug\u201c (1992) noch einmal ein starkes, in sich geschlossenes Werk, doch die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen haben sich verschoben. <\/p>\n<p>Der Pop hat sich ver\u00e4ndert, die Ironie seiner fr\u00fchen Jahre trifft nicht mehr auf dieselbe Resonanz. Gleichzeitig verfestigt sich sein Ruf als schwieriger, unberechenbarer K\u00fcnstler, der zwischen Comeback-Versuchen und Selbstsabotage pendelt. Der endg\u00fcltige Bruch kommt nicht als dramatischer Knall, sondern als tragische Konsequenz eines Lebens am Limit. Am 6. Februar 1998 stirbt Falco nach einem Autounfall in der Dominikanischen Republik. Am Ende steht kein Knall, sondern Stille. Und die leise Gewissheit, dass der gr\u00f6\u00dfte Moment seines Lebens nie ein Anfang war, sondern bereits der Beginn vom Ende.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/dennis-sand\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/dennis-sand\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dennis Sand<\/a> schreibt \u00fcber Popkultur und Zeitgeist. Seine B\u00fccher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor 40 Jahren sitzt Falco in einem Wiener Gasthaus, als ihn ein Anruf erreicht, der sein Leben f\u00fcr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":133008,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[46,42,147,9530,44700,153,154,44,6349,38446,801,210,148,439],"class_list":{"0":"post-133007","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-musik","8":"tag-at","9":"tag-austria","10":"tag-entertainment","11":"tag-falco","12":"tag-kulturgeschichte-ks","13":"tag-music","14":"tag-musik","15":"tag-oesterreich","16":"tag-popkultur-ks","17":"tag-popmusik-ks","18":"tag-saenger","19":"tag-texttospeech","20":"tag-unterhaltung","21":"tag-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133007","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133007"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133007\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/133008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133007"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133007"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133007"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}