{"id":134564,"date":"2026-05-01T16:03:18","date_gmt":"2026-05-01T16:03:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/134564\/"},"modified":"2026-05-01T16:03:18","modified_gmt":"2026-05-01T16:03:18","slug":"florentina-holzinger-die-leute-koennen-schon-nass-werden-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/134564\/","title":{"rendered":"Florentina Holzinger: \u201eDie Leute k\u00f6nnen schon nass werden\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\">Erste Fotos dringen aus dem \u00d6sterreich Pavillon von Florentina Holzinger bei der Biennale Venedig. Im Zoom-Interview erz\u00e4hlt sie uns, dass sie den Pavillon in eine Kl\u00e4ranlage verwandelt. Und die Zuschauer? D\u00fcrfen dabei \u201epartizipieren\u201c.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/SEAWORLD VENICE by Florentina Holzinger_Austrian Pavilion_Biennale Arte 2026_Nicole Marianna Wytycza.webp\" alt=\"Erste, noch recht uneindeutige Einblicke in den \u00d6sterreich Pavillon Holzingers.   \" width=\"600\" height=\"360\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>Erste, noch recht uneindeutige Einblicke in den \u00d6sterreich Pavillon Holzingers.   \u2003Nicole Marianna Wytyczak<\/p>\n<p> Das Ger\u00fccht lautet, es werden vor dem Pavillon Mobilklos aufgestellt und im gekl\u00e4rten Wasser baden dann ihre Performerinnen. Au\u00dferdem: Sie m\u00f6chten den Pavillon penetrieren. Wie denn? <\/p>\n<p> Florentina Holzinger: Vor der Er\u00f6ffnung m\u00f6chte ich keine Details verraten, der Fantasie sollen nicht durch Worte Grenzen gesetzt werden. Aber: Im Fokus wird die Penetration des Pavillons jedenfalls nicht stehen. Was stimmt ist, dass wir versuchen, uns an der Struktur zu vergreifen. Oder sagen wir: In die Architektur zu intervenieren. <\/p>\n<p> Im \u00fcbertragenen Sinn also interpretieren Sie den Pavillon als K\u00f6rper? <\/p>\n<p> Ja genau. Aber nicht speziell als m\u00e4nnlichen oder weiblichen. Wir haben uns sehr mit der Geschichte des Pavillons besch\u00e4ftigt, auch mit der Figur Josef Hoffmann. Ich wusste nicht, dass das als eine Art Sakralbau konzipiert war, so konstruiert, dass die Kunstwerke wie Relikte in einer Kirche erscheinen. Auch ein NS-Schatten h\u00e4ngt \u00fcber dem Pavillon. Der liebe Hoffmann hat schon nutznie\u00dferisch agiert in dem Nazi-Kontext. Das hat uns auch inspiriert: Die sch\u00f6ne, wei\u00dfe Wiener Moderne, bei der niemand \u00fcber die Vergangenheit spricht. Wie geht man dann um mit diesem Sch\u00f6nen, Symmetrischen, Wei\u00dfen, Reinen, Hellen, Sakralen? <\/p>\n<p>                                     <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Florentina Holzinger_2026_Photography by Katia Wik.jpg\" alt=\"Florentina Holzingers \u201eoffizielles\u201c Venedig-Portr\u00e4t.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p>Florentina Holzingers \u201eoffizielles\u201c Venedig-Portr\u00e4t.\u2003Katia Wik<\/p>\n<p> Ok. Der Pavillon wird aus der Geschichte also wohl nicht so sauber wieder herauskommen. <\/p>\n<p> Zumindest teilweise. Dass wir mit viel Wasser hantieren, ist ja kein Geheimnis. Es wird verschiedene Arten von \u00dcberflutungszust\u00e4nden geben. Soweit uns das m\u00f6glich ist, wird der Pavillon unter Wasser gesetzt. Es ist nicht zu viel gesagt, dass er installativ wie eine Kl\u00e4ranlage funktionieren soll. \u00c4hnlich wie die Stadt Venedig selbst eine Art nat\u00fcrliche Kanalisation hat, wo im Laufe von einem Tag durch Ebbe und Flut das ganze Dreckswasser rausgesp\u00fclt und durch frisches ersetzt wird. Das wird ein bisschen auf den Pavillon \u00fcbertragen.\u00a0\u00a0 <\/p>\n<p> Das erlaubt das Denkmalamt?\u00a0 <\/p>\n<p> Wir mussten schon einfallsreich sein. Aber was soll man machen gegen die Flut. Sie kommt halt. <\/p>\n<p>                                     <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1777651398_377_SEAWORLD VENICE by Florentina Holzinger_Austrian Pavilion_Biennale Arte 2026_Nicole Marianna Wytycza.webp\" alt=\"Stillleben aus dem \u00d6sterreichischen Pavillon. \" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p>Stillleben aus dem \u00d6sterreichischen Pavillon. \u2003Nicole Marianna Wytyczak<\/p>\n<p> Der Titel Ihres Beitrags lautet \u201eSeaworld\u201c, klingt harmlos, nach Funpark. Ist das ein Spiel mit den Gegens\u00e4tzen? <\/p>\n<p> Also es ist definitiv von einem Unterwasserthemenpark inspiriert und da ist eine Portion Disneyland drinnen, weil Venedig ja auch einen starken Themenpark-Charakter hat. Sonst ist es so wie bei meinen anderen Shows auch, dass wir an dem Punkt ansetzen, wo das Spektakel unheimlich wird und man sich dadurch als Zuseher auch der eigenen Rolle bewusster wird. Aber keine Angst, dem Publikum werden keine unangenehmen Dinge aufgezwungen. Es wird zu einer gewissen Partizipation eingeladen, aber eher im Sinne von: die Installation kann und soll durch Zusehende benutzt werden. Wie durch Herrn Hoffmann intendiert, sollen die Zusehenden auch bei uns zu Andacht und Reflexion angeregt werden.  <\/p>\n<p> Wird es eine dauernde performative Bespielung geben? <\/p>\n<p> Es wird eine dauerhafte Aktivierung durch eine reale physische Pr\u00e4senz. Ich wollte dezidiert diese Exklusivit\u00e4t durch Slots vermeiden. Uns hat genau diese andere Zeitlichkeit interessiert. Das ist eine gro\u00dfe Herausforderung: Wir okkupieren den Pavillon wirklich, ziehen im Mai ein und im November wieder aus. <\/p>\n<p> Wie wird sich Venedig sonst von Ihren Shows unterscheiden? <\/p>\n<p> Wir wollten den Pavillon nicht zum Theater machen, das k\u00f6nnen wir woanders viel besser. Aber ich bleibe meiner \u00c4sthetik nat\u00fcrlich treu. Die Leute werden eine Welt betreten, wo die Grenzen zum Beispiel zwischen den Betrachtenden und dem Betrachteten im wahrsten Sinne des Wortes verschwimmen, es ist also eine wesentlich intimere Situation. Wir sind sehr gespannt wie die Leute damit umgehen werden. Ich selbst bin immer froh, wenn die Arbeit mit der echten Welt in Kommunikation tritt \u2013 also nicht nur mit der Kunstbubble oder einer gewissen Elite, sondern mit tausenden Menschen von \u00fcberall her, die da einfach hereinstr\u00f6men. Das wird f\u00fcr uns ur spannend.  <\/p>\n<p> Wie intim wird diese Intimit\u00e4t werden?\u00a0 <\/p>\n<p> Also, die Leute k\u00f6nnen schon nass werden, sage ich jetzt einmal. <\/p>\n<p> Wird es Triggerwarnungen geben? <\/p>\n<p> Es gibt nat\u00fcrlich Triggerwarnings. Schon allein weil Nacktheit ein Thema ist, no na ned. Ich bin Triggerwarnings gar nicht abgeneigt, das hat etwas mit Respekt zu tun, die Leute sollen sich entscheiden k\u00f6nnen, was sie sehen wollen. <\/p>\n<p> Der Theaterregisseur Ersan Mondtag, der vorige Biennale den Deutschen Pavillon bespielte, sagt mir, f\u00fcr ihn sei der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zwischen Theater und Kunst das viel kleinere Budget. Das war ein echter Schock f\u00fcr ihn.\u00a0 <\/p>\n<p> Im Theater existieren wir von staatlicher F\u00f6rderung und Ko-Produktionen. Sponsoring oder private F\u00f6rderungen waren mir eher fremd. F\u00fcr den Pavillon arbeiten wir jetzt mit einem Netzwerk an internationalen Partnern, Stiftungen, Institutionen und Individuen. Nat\u00fcrlich haben wir auch Kooperationen mit Sponsoren, wie zum Beispiel beim Kran. <\/p>\n<p> Apropos High-Tech. Sie bauen sie gerne in ihre Shows ein. Sehr unheimliche Robotik-Hunde etwa zuletzt. Welche Rolle wird sie diesmal spielen?\u00a0 <\/p>\n<p> Es gibt auf jeden Fall maschinelle Pr\u00e4senzen in unterschiedlicher Form im Pavillon. Einerseits ist die Robotik Frankensteins Monster unserer Zeit, verwende ich sie als sehr d\u00fcstere Dystopie, in der das \u00dcberleben f\u00fcr den Menschen nur unter spezifischen Bedingungen und in maschinellen Abh\u00e4ngigkeiten m\u00f6glich sein wird. Andererseits aber ist sie definitiv auch eine M\u00f6glichkeit, die genutzt werden kann! Die dem K\u00f6rper hilft. Wir flirten mit der perfekten Symbiose zwischen Technologie und K\u00f6rper, aber es gibt immer eine Art Kompromiss dabei, oder eine Gefahr, dass diese Harmonie aus dem Ruder l\u00e4uft. Das machen wir nat\u00fcrlich mit viel Humor und Satire.  <\/p>\n<p> Der K\u00f6rper der Frau ist historisch eher mit Natur als mit Technik verbunden. <\/p>\n<p> Venedig ist ja eigentlich eine weibliche Allegorie f\u00fcr Sch\u00f6nheit, Dekadenz und Verg\u00e4nglichkeit und das Wasser ist ja auch eine ur stark weiblich konnotierte Substanz. Diese N\u00e4he zwischen Natur und Weiblichkeit ist zwar auch megasch\u00f6n, hat aber den Downpart, dass die Frau mit anderen Dingen wie Geist oder eben Technik traditionellerweise nicht so viel in Verbindung gebracht wurde. Ich kann mich mit beidem identifizieren: Mit der Frau als techno-sozialem Konstrukt eines Cyborgs wie als Naturwesen. <\/p>\n<p> Welches Buch, welchen Film, welche Musik w\u00fcrden Sie empfehlen, damit man Ihren Pavillon besser versteht? <\/p>\n<p> Das ist schwer an einzelnen aufzuh\u00e4ngen. Wenn ich im Arbeitsprozess bin, liegen da 50 B\u00fccher herum, die ich parallel und querlese. Und auf diese 50 B\u00fccher kommen wahrscheinlich 100 Filme, die ich mir reinziehe. Musik spielt sowieso eine gro\u00dfe Rolle, die endet bei uns meist sowieso in der Show selbst.\u00a0 <\/p>\n<p> Auch Thomas Manns \u201eTod in Venedig\u201c? <\/p>\n<p> Nat\u00fcrlich! Alles habe ich mir angeschaut, oder in dem Fall wieder angeschaut. Aber was ich wirklich empfehlen kann: \u201eVenice and the Anthropocene\u201c.\u00a0Und was auch auf meinem Nachtkastl liegt: \u201eConvent Wisdom: How Sixteenth-Century Nuns Could Save Your Twenty-First-Century Life\u201d. <\/p>\n<p> Neben Hermann Nitsch und Christoph Schlingensief sind Sie die einzige K\u00fcnstlerin der Gegenwart, die mir einf\u00e4llt, die mit ihrem \u00e4sthetischen und auch inhaltlichen Konzept, dem rabiaten Matriarchat, in Theater sowie bildender Kunst funktioniert. Wie stehen Sie zu den beiden Vorg\u00e4ngern?\u00a0 <\/p>\n<p> Also Bambiland am Burgtheater. Wie ich das gesehen habe, hatte ich das erste Mal den Eindruck: Wow, da passiert jetzt etwas anderes im Theater. Das war ein Aha-Moment f\u00fcr mich. Als Gesamterlebnis, bei dem die Leute echauffiert aus dem Theater liefen, als die B\u00fcrgerlichkeit sich selbst entlarvte. Ich fand es sehr lebendig.\u00a0 <\/p>\n<p> Und Nitsch, auf den\u00a0Sie zwei Wochen nach Venedig in Schloss Prinzendorf reagieren? <\/p>\n<p> Ich habe ihn selber nicht mehr kennengelernt. Als ich aufgewachsen bin, war Nitsch f\u00fcr mich nicht so pr\u00e4sent. Ich hatte mich eher mit Valie Export und so auseinandergesetzt, nicht mit der Aktionisten-M\u00e4nnerpartie. Heute bereue ich, dass ich zu seinen Lebzeiten nie in Prinzendorf war. Als die Anfrage kam von der Nitsch Foundation, ob ich etwas dort machen will, habe ich das Schloss zum ersten Mal besucht \u2013 und es war eine starke Energie da. Ich kann es nicht weniger esoterisch beschreiben. Aber man wird sich dort der Wucht dieser Arbeit und dessen historischer Bedeutung bewusst. Auch als Einfluss auf meine eigene Arbeit. Das habe ich wohl mit Schlingensief gemein: Wir sind im Bewusstsein, dass es diesen Wiener Aktionismus gibt, auch dass der museumstauglich ist aufgewachsen.  <\/p>\n<p> Zuletzt r\u00fcckte auch bei Ihnen die katholische Kirche ins Zentrum, bei der Oper Sancta Susanna. Auch in Venedig, habe ich geh\u00f6rt, wird es eine Kirchenglocke geben. Wieso die katholische Kirche? Warum nicht z. B Kritik am Islam? <\/p>\n<p> Der biografische Bezug ist f\u00fcr meine Arbeit offensichtlich sehr wichtig. Ich habe es eh 20 Jahre lang geschafft, mich nicht mit der Kirche zu besch\u00e4ftigen. Obwohl ich katholisch in \u00d6sterreich aufgewachsen bin und als Teenager schon sehr fasziniert war von der Doppelmoral der Kirche \u2013 ich war beim Auffliegen der Missbrauchsskandale ums Priesterseminar in St. P\u00f6lten gerade hochpubert\u00e4r.\u00a0Die Beziehung der Kirche mit dem K\u00f6rper der Frau war aber auch immer schon sehr tricky. Das Problem ist f\u00fcr mich nicht die spezifische Religion, sondern der Fundamentalismus und die Auslegung. Wir subvertieren in der Arbeit eben einfach gern traditionelle, patriarchale Machtstrukturen, und die Kirche ist da nun einmal ein pr\u00e4destinierter Blueprint. <\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Erste Fotos dringen aus dem \u00d6sterreich Pavillon von Florentina Holzinger bei der Biennale Venedig. 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