{"id":136694,"date":"2026-05-02T23:07:17","date_gmt":"2026-05-02T23:07:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/136694\/"},"modified":"2026-05-02T23:07:17","modified_gmt":"2026-05-02T23:07:17","slug":"beistandsklausel-begrenztes-zeitfenster-jetzt-probt-europa-den-ernstfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/136694\/","title":{"rendered":"Beistandsklausel: \u201eBegrenztes Zeitfenster\u201c \u2013 Jetzt probt Europa den Ernstfall"},"content":{"rendered":"<p>Wird ein EU-Land milit\u00e4risch angegriffen, m\u00fcssen die anderen Mitglieder \u201ealle in ihrer Macht stehende Hilfe\u201c leisten. Aber wie das genau ablaufen soll, ist bisher v\u00f6llig unklar. Nun ist ein erster Testlauf geplant \u2013 einige Details sind bereits durchgesickert.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es ist ein Montag im M\u00e4rz, kurz nach Mitternacht, der Iran-Krieg ist erst wenige Tage alt. Auf Zypern trifft eine iranische Schahed-Drohne den britischen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt Akrotiri. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69a4e48e4b8f567f12fcecf9\/zypern-britischer-luftwaffenstuetzpunkt-akrotiri-mutmasslich-von-drohne-getroffen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69a4e48e4b8f567f12fcecf9\/zypern-britischer-luftwaffenstuetzpunkt-akrotiri-mutmasslich-von-drohne-getroffen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zypern<\/a> ist Mitglied der Europ\u00e4ischen Union, nicht aber der Nato. Artikel 5 des B\u00fcndnisses, der besagt, dass ein Angriff gegen ein Mitglied als Angriff gegen alle betrachtet wird, greift im Falle des Inselstaats nicht. <\/p>\n<p>Zwar gingen die Drohnenvorf\u00e4lle glimpflich aus. Nur die Landebahn wurde besch\u00e4digt. Was aber, wenn sich eine gr\u00f6\u00dfere Aggression gegen Zypern gerichtet h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Oder, mal angenommen: Wenn russische Truppen die Grenze zu Litauen \u00fcberschreiten und damit in ein Nato- und EU-Land einfallen w\u00fcrden \u2013 und wenn die US-Regierung signalisierte, dass sie sich milit\u00e4risch zur\u00fcckhalten wolle: Wer, wenn nicht die Nato, verteidigt dann das Baltikum?<\/p>\n<p>Auf diese Fragen sucht die EU eine Antwort. Auch sie hat eine Beistandsklausel. Artikel 42 Absatz 7 der EU-Vertr\u00e4ge verpflichtet die Mitgliedstaaten, einem angegriffenen Partner \u201ealle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterst\u00fctzung\u201c zu leisten. Auf dem Papier ist das eine weitreichende Zusage. Aber ein Verfahren, um die Klausel umzusetzen, fehlt g\u00e4nzlich.<\/p>\n<p>Das soll sich \u00e4ndern. F\u00fcr Mai ist ein Wargame angesetzt, in dem Vertreter aus europ\u00e4ischen L\u00e4ndern erstmals durchspielen, wie ein Beistandsfall ablaufen w\u00fcrde. Eine Tisch\u00fcbung, die den Ernstfall Schritt f\u00fcr Schritt simuliert \u2013 f\u00fcr eine Suche nach m\u00f6glichen Abl\u00e4ufen. \u201eWenn sich ein Staats- oder Regierungschef auf Artikel 42.7 beruft, sind viele Fragen offen\u201c, sagt Klaus Welle, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Martens-Zentrums. Der Thinktank steht der konservativen Europ\u00e4ischen Volkspartei nah. <\/p>\n<p>\u201eWas passiert dann eigentlich? An wen muss man sich wenden? Welches Gremium \u00fcbernimmt die Koordination? Wer kann was zur Verf\u00fcgung stellen? Nach meinem Verst\u00e4ndnis zielen die \u00dcbungen im Mai darauf ab, dies erstmals systematisch durchzuspielen\u201c, sagt Welle, der bis 2022 Generalsekret\u00e4r des Europ\u00e4ischen Parlaments war.<\/p>\n<p>Drei Bedrohungs-Szenarien<\/p>\n<p>\u201eDie Tabletop-\u00dcbung im Mai findet auf Ebene des Politischen und Sicherheitspolitischen Komitees statt, also der Botschafter der Mitgliedstaaten f\u00fcr Sicherheitsfragen\u201c, sagt Niclas Herbst, der f\u00fcr die CDU im EU-Parlament und dort im Ausschuss f\u00fcr Sicherheit und Verteidigung sitzt. \u201eEs werden drei Szenarien separat durchgespielt: ein Fall unter Artikel 42.7, ein Szenario in Kombination mit Artikel 5 der Nato und ein Szenario unterhalb dieser Schwelle, etwa im Bereich hybrider Bedrohungen.\u201c<\/p>\n<p>Details sind nicht \u00f6ffentlich bekannt. Es liegt aber nahe, dass sie unterschiedliche Typen von Krisen abbilden: Ein Szenario k\u00f6nnte einen Angriff auf einen EU-Staat ohne Nato-Mitgliedschaft simulieren, etwa Zypern oder \u00d6sterreich. Ein zweites d\u00fcrfte einen Fall betreffen, in dem sowohl EU- als auch Nato-Strukturen greifen w\u00fcrden, etwa ein Einmarsch in Polen oder das <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69c3b87faf187d606b812631\/ostflanke-der-nato-wir-sollten-nicht-unterschaetzen-wozu-wir-europaeer-faehig-sind.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69c3b87faf187d606b812631\/ostflanke-der-nato-wir-sollten-nicht-unterschaetzen-wozu-wir-europaeer-faehig-sind.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Baltikum<\/a>. Das dritte Szenario d\u00fcrfte eine Situation beschreiben, in der unklar ist, ob und wann kollektive Verteidigungsmechanismen ausgel\u00f6st werden, zum Beispiel bei Sabotage an kritischer Infrastruktur.<\/p>\n<p>Zwar gibt es einen Pr\u00e4zedenzfall. 2015 bat Frankreich die anderen EU-L\u00e4nder nach den Anschl\u00e4gen in Paris um Beistand unter Artikel 42.7, konkret um Unterst\u00fctzung bei Anti-Terror-Eins\u00e4tzen und anderen Milit\u00e4roperationen. Deutschland verst\u00e4rkte daraufhin sein Engagement in Mali. Doch dieser Fall ist nur begrenzt \u00fcbertragbar. Es ging damals um Terrorabwehr und die Entlastung franz\u00f6sischer Kr\u00e4fte. Ein Szenario der Landes- und B\u00fcndnisverteidigung ist eine andere Gr\u00f6\u00dfenordnung.<\/p>\n<p>Unklar w\u00e4re in einem solchen Fall auch, wie die Aktivierung der Klausel entschieden w\u00fcrde. Artikel 42.7 selbst legt kein Verfahren fest. In der Praxis gilt in der europ\u00e4ischen Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik das Einstimmigkeitsprinzip \u2013 mit dem Risiko, dass einzelne Staaten Entscheidungen blockieren k\u00f6nnen, wie es der j\u00fcngst abgew\u00e4hlte ungarische Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n jahrelang getan hat.<\/p>\n<p>Sicherheitsexperte Welle pl\u00e4diert daher f\u00fcr die Einrichtung eines Europ\u00e4ischen Sicherheitsrats. Die Idee: ein kleineres Format, in dem Entscheidungen mit qualifizierter Mehrheit getroffen w\u00fcrden. In der Vorstellung des Thinktanks, f\u00fcr den Welle t\u00e4tig ist, w\u00fcrde ein solcher Sicherheitsrat vom Pr\u00e4sidenten des Europ\u00e4ischen Rates gef\u00fchrt. Neben ausgew\u00e4hlten EU-Staaten k\u00f6nnten auch Gro\u00dfbritannien, Norwegen oder die Ukraine eingebunden werden.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzung zur Nato<\/p>\n<p>Neu ist die Idee nicht \u2013 Ex-Kanzlerin Angela Merkel verbreitete sie bereits im Jahr 2018 \u2013, aber der Druck auf Europa, ohne die USA verteidigungsf\u00e4hig zu sein, ist dramatisch gestiegen. Vor einem Monat drohte US-Pr\u00e4sident Trump erneut mit einem Nato-Austritt. Auch ohne diesen Schritt erwartet Washington, dass Europa mehr Verantwortung schultert. Der EU-Abgeordnete Herbst sagt, man sehe sich \u201egezwungen, uns auf Szenarien ohne die USA vorzubereiten\u201c.<\/p>\n<p>Dennoch sieht man in Br\u00fcssel die St\u00e4rkung von Artikel 42.7 nicht als Ersatz f\u00fcr die Nato, sondern als Erg\u00e4nzung. Im Konfliktfall h\u00e4tte das B\u00fcndnis weiterhin Vorrang. Doch f\u00fcr Situationen, in denen es blockiert ist, soll der europ\u00e4ische Pfeiler eigenst\u00e4ndig handlungsf\u00e4hig sein. Offen ist, wie die EU in einem solchen Fall auf Nato\u2011Strukturen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnte \u2013 und was passiert, wenn amerikanische F\u00e4higkeiten gar nicht zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters im Dezember haben Pentagon-Vertreter europ\u00e4ischen Diplomaten signalisiert, dass Europa bereits bis 2027 den Gro\u00dfteil der konventionellen Verteidigungsf\u00e4higkeiten innerhalb der Nato \u00fcbernehmen soll, was unter anderem Aufkl\u00e4rung und Raketenabwehr umfasst. Andernfalls, so die Warnung, k\u00f6nnten sich die USA aus Teilen der milit\u00e4rischen Abstimmung innerhalb der Nato zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>\u201eGleichzeitig dauern Beschaffungsprozesse im Schnitt drei Jahre oder l\u00e4nger\u201c, sagt Welle. \u201eEs ist ein Wettlauf mit der Uhr.\u201c Grunds\u00e4tzlich h\u00e4lt er den Aufbau europ\u00e4ischer Verteidigungskapazit\u00e4ten innerhalb von zehn Jahren f\u00fcr realistisch. \u201eFraglich ist allerdings, ob wir so viel Zeit haben, bis der Ernstfall eintritt.\u201c Europ\u00e4ische Geheimdienste gehen davon aus, dass Russland innerhalb der n\u00e4chsten Jahre zu einer weiteren milit\u00e4rischen Eskalation in Europa f\u00e4hig sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aus Sicht von CDU-Politiker Herbst ist der Moment zu handeln g\u00fcnstig, weil es in Ungarn nun eine neue Regierung gibt. \u201eGleichzeitig haben wir m\u00f6glicherweise nur ein begrenztes Zeitfenster bis zu den Wahlen in Frankreich\u201c, sagt er. Umfragen zufolge liegt das rechtspopulistische Rassemblement National vorn, ein Machtwechsel in Paris k\u00f6nnte die europ\u00e4ische Verteidigungspolitik ausbremsen. <\/p>\n<p>In der aktuellen Phase, so Herbst, \u201em\u00fcssen zentrale Entscheidungen getroffen werden\u201c. Das sieht auch Welle so. Er sagt: \u201eEs w\u00e4re fahrl\u00e4ssig, Artikel 42.7 jetzt nicht auszubuchstabieren.\u201c Der Wille ist also da: Die EU will die Verteidigung ihres Kontinents organisieren. Sie wei\u00df nur noch nicht genau, wie.<\/p>\n<p>Carolina Dr\u00fcten ist International Security Correspondent.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wird ein EU-Land milit\u00e4risch angegriffen, m\u00fcssen die anderen Mitglieder \u201ealle in ihrer Macht stehende Hilfe\u201c leisten. 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