{"id":143947,"date":"2026-05-06T20:24:06","date_gmt":"2026-05-06T20:24:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/143947\/"},"modified":"2026-05-06T20:24:06","modified_gmt":"2026-05-06T20:24:06","slug":"iwf-europadirektor-die-alten-sektoren-zu-schuetzen-ist-eine-verliererstrategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/143947\/","title":{"rendered":"IWF-Europadirektor: \u201eDie alten Sektoren zu sch\u00fctzen, ist eine Verliererstrategie\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">W\u00e4hrend Resignation sich breitmacht in Europa und Deutschland \u00fcber die wirtschaftliche Stagnation und die gel\u00e4hmt wirkenden Regierungen, setzt Alfred Kammer ein Zeichen: Nach rund 40 Jahren in den USA zieht er nach Europa. Er wei\u00df, worauf er sich einl\u00e4sst. Der Deutsche ist Direktor der Europaabteilung des <a data-rtr-index=\"0\" title=\"IWF\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/iwf\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Internationalen W\u00e4hrungsfonds<\/a> (IWF). Seine Zeit in der Institution endet nach knapp 34 Dienstjahren, in denen er zu einem der einflussreichen Taktgeber des Fonds wurde. Unter anderem war er Stabschef von Kristalina Georgiewa, der jetzigen gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Direktorin des IWF. Amerikaner ist Kammer in all den Jahren in Washington aber nie geworden. Sein Herz schl\u00e4gt europ\u00e4isch.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Kammer teilt den Befund, dass <a data-rtr-index=\"22\" title=\"Europa\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/europa\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Europa<\/a> zu langsam, zu b\u00fcrokratisch, zu teuer oder zu alt ist. Aber er widerspricht der Resignation. Europa habe gewaltige St\u00e4rken, die es nur nicht entschlossen nutzt. Gerade f\u00fcr Deutschland ist aus seiner Sicht die Vollendung des europ\u00e4ischen Binnenmarktes von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung: weniger Handelsh\u00fcrden zwischen den L\u00e4ndern, mehr Freiz\u00fcgigkeit f\u00fcr Arbeitskr\u00e4fte, ein tieferer Kapitalmarkt und ein gemeinsamer Energiemarkt. IWF-\u00d6konomen haben ermittelt, dass die Handelsh\u00fcrden in der EU wie ein Zoll von 44 Prozent auf Industrieg\u00fcter und 110 Prozent auf Dienstleistungen wirken. Die Rechnung zahlen Verbraucher und Unternehmen: mit h\u00f6heren Preisen und geringerer Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201eDeutschland muss mehr Frauen in den Arbeitsmarkt holen\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Seine alte Heimat hat nach Kammers Einsch\u00e4tzung drei Kernaufgaben. Es m\u00fcsse Genehmigungsverfahren beschleunigen. \u201eEs dauert viel zu lange, bis in Deutschland etwas in Gang kommt.\u201c Es m\u00fcsse Regeln auch innerhalb Deutschlands harmonisieren. Und schlie\u00dflich: Es m\u00fcsse mehr Menschen in Arbeit bringen, besonders Frauen. Daf\u00fcr brauche es bessere Kinderbetreuung, bessere Altenpflege und ein Steuersystem, das Zweitverdiener ermutigt. Das Ehegattensplitting sei ein Teil dieses Problems.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Europas Politiker erkennen laut Kammer den Ernst der Lage. Sie w\u00fcssten, dass mehr Wachstum und h\u00f6here Produktivit\u00e4t den Lebensstandard und die Staatsfinanzen sichern. \u201eDie Welt ist h\u00e4sslicher geworden. Europa wird immer wieder mit Schocks konfrontiert und muss sich gerade deshalb st\u00e4rken.\u201c Nur: Die von der EU-Kommission vorgelegten Reformen stie\u00dfen auf nationale Interessen und Besitzst\u00e4nde. Kammer beklagt, dass viele B\u00fcrger kaum verstehen, wie positiv die EU sein k\u00f6nnte. Statt sich wie in Deutschland an dem Nettozahlerstatus abzuarbeiten, sollten sie die EU st\u00e4rken. Ein\u00a0 vollendeter Binnenmarkt nutze deutschen Arbeitnehmern und sei f\u00fcr Unternehmen ein Sprungbrett in die Welt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Die wachsende Wohlstandkluft zwischen den Vereinigten Staaten und der EU ist f\u00fcr ihn das gro\u00dfe Warnsignal. Das Pro-Kopf-Einkommen in der EU liegt im Durchschnitt rund 30 Prozent unter dem amerikanischen. Schwaches Produktivit\u00e4tswachstum erkl\u00e4rt 80 Prozent der Kluft. In Amerika werden Unternehmen fr\u00fcher gr\u00f6\u00dfer, ziehen Kapital und Talente an, profitieren von Skaleneffekten. In Europa dagegen sto\u00dfen Firmen schon beim Schritt \u00fcber die Grenze auf neue Vorschriften: Produktkennzeichnung, Zulassungen, Dienstleistungsregeln bilden lauter kleine Bl\u00f6cke, die sich zu hohen Mauern auft\u00fcrmen. Dazu kommen H\u00fcrden f\u00fcr Arbeitnehmer. W\u00e4hrend das Silicon Valley Talente aufsauge, mache Europa es seinen Talenten zu schwer, selbst innerhalb der EU umzuziehen, erkl\u00e4rt Kammer. Ein Umzug von einem europ\u00e4ischen Land in ein anderes ist nach IWF-Berechnung achtmal so teuer wie ein Umzug zwischen amerikanischen Bundesstaaten.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische Start-ups suchen ihr Heil in den USA<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">\u201eAn Kreativit\u00e4t mangelt es Europa nicht\u201c, sagt Kammer. Das Problem beginnt, wenn junge Firmen Kapital brauchen, um zu wachsen. Banken\u00a0 finanzieren keine riskanten Wachstumsphasen. Besonders in der IT z\u00e4hlt die Gr\u00f6\u00dfe: Ist das Produkt einmal entwickelt, kostet seine Verbreitung wenig. Dann entscheidet die Skalierung, das schnelle Erlangen von Gr\u00f6\u00dfe. Genau daf\u00fcr fehle in Europa das Kapital, sagt Kammer. Viele europ\u00e4ische Start-ups s\u00e4hen deshalb ihre Zukunft nicht in Frankfurt, Paris oder London. \u201eSie gehen in die Vereinigten Staaten.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ein weiterer Engpass ist Energie. Strom ist in Europa rund doppelt so teuer wie in den USA. Das belastet energieintensive Branchen. Zugleich macht die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Importen Europa verwundbar: erst durch den russischen Gasstopp, nun durch den Krieg im Nahen Osten. Deshalb verteidigt der IWF-Direktor den Green Deal der EU. Er soll Energie billiger\u00a0 machen, Preisschocks d\u00e4mpfen, die Abh\u00e4ngigkeit von \u00d6l und Gas verringern und Europa dekarbonisieren. Kammer warnt eindringlich vor einem st\u00e4ndigen Kurswechsel. Wer am Emissionshandel r\u00fcttele oder den Green Deal pausiere, zerst\u00f6re Vertrauen von Investoren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Europa m\u00fcsse deshalb nicht zur\u00fcck, sondern schneller voranschreiten: mit mehr Netzen, mehr Verbindungen zwischen den nationalen Netzen, mehr gemeinsamer Planung. Es braucht einen europ\u00e4ischen Energiemarkt f\u00fcr Wind, Sonne, Speicher, Grundlast und Netze. Zum deutschen Atomausstieg gibt Kammer kein Urteil ab. Das sei eine gesellschaftliche Entscheidung. Politik d\u00fcrfe w\u00e4hlen, aber nicht so tun, als seien ihre Entscheidungen kostenlos, sagt er.<\/p>\n<p>Deutschland hat seine Infrastruktur vernachl\u00e4ssigt<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Kammer lobt Deutschland daf\u00fcr, dass es die Schuldenbremse reformiert hat. Staatsschuld, Defizite und Zinslasten seien im Vergleich zu Wettbewerbern niedrig. Wichtige Investitionen seien zu lange verschoben worden. Deutschlands Infrastruktur passt nicht mehr in die Zeit:\u00a0Dabei geht es nach Kammers Einsch\u00e4tzung nicht nur um Digitalisierung, sondern auch um klassische Infrastruktur wie Bahnverbindungen, Stromnetze oder Autobahnen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Sein Blick auf Deutschland ist nicht herablassend, eher ungeduldig. Deutschland habe enorme St\u00e4rken: Innovationskraft, industrielle Erfahrung, solide Finanzen, gute Unternehmen. Aber das alte Modell sto\u00dfe an Grenzen. Gro\u00dfe L\u00e4nder k\u00f6nnten nicht dauerhaft auf exportgetriebenes Wachstum setzen. Die Weltwirtschaft verschiebe sich von Industrie zu Dienstleistungen, von Maschinen zu Software, von klassischen Fabriken zu digitalen Gesch\u00e4ftsmodellen.<\/p>\n<p>Kammer ist \u00fcberzeugter Europ\u00e4er und Multilateralist<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Deutschland m\u00fcsse die Voraussetzungen schaffen, damit neue Sektoren entstehen. Dazu geh\u00f6rten digitale Infrastruktur, verl\u00e4ssliche Stromversorgung, schnellere Verwaltung und weniger Schutz alter Strukturen. Wer alte Branchen konserviert, verliere am Ende die neuen. \u201eWenn man versucht, die alten Sektoren zu sch\u00fctzen, ist das eine Verliererstrategie\u201c, sagt Kammer sinngem\u00e4\u00df. Das hei\u00dft nicht, Industrie aufzugeben. Es hei\u00dft, ihr den Wandel zuzumuten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Kammer ist nicht nur ein \u00fcberzeugter Europ\u00e4er, sondern ein Multilateralist durch und durch: Der IWF mit seinen 191 Mitgliedsl\u00e4ndern sei eine einzigartige Institution, ein Ort f\u00fcr Austausch, Transparenz und gemeinsame Krisenl\u00f6sungen. Wenn es den Fonds nicht g\u00e4be, sagt er, w\u00fcrde man ihn heute kaum noch schaffen. Stolz ist er vor allem auf den Beitrag des IWF zur Stabilisierung von Schwellenl\u00e4ndern. In den 1980er und 1990er Jahren litten viele dieser L\u00e4nder unter hoher Inflation und Finanzkrisen. Heute seien ihre Institutionen st\u00e4rker, ihre Zentralbanken unabh\u00e4ngiger und ihre Politik solider, sagt Kammer. Deshalb h\u00e4tten viele Schwellenl\u00e4nder Pandemie, Energiepreisschock und Kriege besser \u00fcberstanden als fr\u00fcher.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-8b7c0cff=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Kammer verteidigt die vielen internationalen Gipfeltreffen und Beratungen. Sie wirkten in ruhigen Zeiten m\u00fchsam. In Krisen aber z\u00e4hlten Vertrauen, pers\u00f6nliche Kontakte und direkte Leitungen, die in diesen zuweilen z\u00e4hen Zusammenk\u00fcnften entstanden seien. Diese Netzwerke seien eine zivilisatorische Errungenschaft, sagt Kammer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"W\u00e4hrend Resignation sich breitmacht in Europa und Deutschland \u00fcber die wirtschaftliche Stagnation und die gel\u00e4hmt wirkenden Regierungen, setzt&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":143948,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[76,75,74],"class_list":{"0":"post-143947","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-europa","8":"tag-eu","9":"tag-europa","10":"tag-europe"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116529506808514823","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/143947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=143947"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/143947\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/143948"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=143947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=143947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=143947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}