{"id":143962,"date":"2026-05-06T20:35:19","date_gmt":"2026-05-06T20:35:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/143962\/"},"modified":"2026-05-06T20:35:19","modified_gmt":"2026-05-06T20:35:19","slug":"wie-gewinnt-man-eigentlich-den-esc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/143962\/","title":{"rendered":"Wie gewinnt man eigentlich den ESC?"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Monat ist wieder ESC, eines der weltweit meistgesehenen Kultur-Events des Jahres. Wie gewinnt man eigentlich diese Show? Sollte man einen Disco-Song \u00fcber ein historisches Ereignis einreichen wie einst Abba (1974), lieber allein als S\u00e4ngerin auftreten statt mit einer Band &#8211; wie einst Nicole (1982), C\u00e9line Dion (1988), Lena (2010)? Sollte man eindeutige Signale an die queere Community senden wie Dana International (1998), Conchita Wurst (2014), Nemo (2024) und Countertenor JJ (2025)?<\/p>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen. Der Versuch einer aktuellen Ann\u00e4herung an das Geheimrezept:<\/p>\n<p> Ein gro\u00dfer internationaler Name schadet eher<\/p>\n<p>Einige Stars wurden durch den ESC geboren &#8211; das hei\u00dft: erst gro\u00df gemacht, darunter Abba, C\u00e9line Dion und Julio Iglesias. Wer schon einen Namen hat und denkt, diese Prominenz k\u00f6nne doch helfen, das Ding zu gewinnen, kann ziemlich auf die Nase fallen.<\/p>\n<p>Prominente Beispiele daf\u00fcr sind etwa Bonnie Tyler f\u00fcr Gro\u00dfbritannien 2013 (19. Platz von 26 Finalteilnehmern) oder Engelbert Humperdinck f\u00fcr Gro\u00dfbritannien 2012 (Platz 25) oder auch der US-Rapper Flo Rida f\u00fcr San Marino 2021, der zusammen mit der italienischen S\u00e4ngerin Senhit antrat (Platz 22). Dieses Jahr stellt sich die Frage, ob bei Senhits erneuter Teilnahme der 80er-Jahre-Superstar Boy George als Sidekick dem Ministaat San Marino etwas bringt.<\/p>\n<p> Auf die omin\u00f6sen Jurys kommt es an<\/p>\n<p>Seit Jahren haben neben dem Publikum auch nationale Jurys, bestehend aus sogenannten Experten und von den TV-Sendern bestimmt, gleichberechtigtes Stimmrecht im ESC-Finale. Das f\u00fchrte in den vergangenen drei Jahren zu seltsamen Bl\u00fcten, denn dem Publikumsvoting zufolge h\u00e4tten ganz andere L\u00e4nder gewonnen, als es am Ende der Fall war.<\/p>\n<p>2023 w\u00e4re Finnland statt Schweden Sieger gewesen, 2024 Kroatien statt der Schweiz, 2025 Israel statt \u00d6sterreich. Jedes Mal hatte sich das Jury-Vote mit besonders vielen Punkten f\u00fcr den Sieger durchgesetzt.<\/p>\n<p>Zugegeben: Seit der Wiedereinf\u00fchrung im Jahr 2009 waren die Jurys nicht immer das Z\u00fcnglein an der Waage. Doch gerade in den vergangenen beiden Jahren war der ESC auff\u00e4llig weit von einem Einklang von Jury- und Tele-Voting entfernt. Nemo 2024 war beim Publikum nur F\u00fcnfter, JJ 2025 war nur Vierter.<\/p>\n<p>Um den ESC zu gewinnen, m\u00fcsste man also nach aktuellem Stand besonders den Jurys gefallen und f\u00fcr die sogenannten Experten eine \u201emusikalisch wertvolle\u201c Nummer einreichen statt eines massenwirksamen Pophits.<\/p>\n<p> Operatic Pop scheint gerade sehr angesagt zu sein<\/p>\n<p>Klar, Trends sind fragil, aber es ist kaum zu \u00fcbersehen, dass sich sogenannter Opern-Pop zum gro\u00dfen Ding entwickelt hat. Bei aller Unterschiedlichkeit lassen sich sowohl das Siegerlied von 2024 (\u201eThe Code\u201c, Nemo) als auch das von 2025 (\u201eWasted Love\u201c, JJ) in diese Schublade stecken.<\/p>\n<p>Jenseits des ESC verz\u00fcckt aktuell die spanische S\u00e4ngerin Rosal\u00eda viele Musik-Fans &#8211; ihr Hit \u201eBerghain\u201c arbeitet mit Klassik-Elementen und l\u00f6ste einen regelrechten Hype aus.<\/p>\n<p>\u201eDa treffen also Wellenbewegungen von zwei Seiten aufeinander und t\u00fcrmen sich zu einer Art Tsunami der &#8222;Elektro-Operette&#8220; auf\u201c, analysiert der ESC-Experte und Autor Lukas Heinser. Ergebnis: Beim ESC 2026 arbeiten viele Beitr\u00e4ge mit opern- oder operettenhaftem Gesang. Viele L\u00e4nder sehen ihr Heil also offenbar in dem recht speziellen Genre.<\/p>\n<p>Das war allerdings nicht immer so. 2009 landete etwa Schweden &#8211; mit Malena Ernman, der Mutter von Greta Thunberg &#8211; nur auf Platz 21 beim ESC in Moskau mit dem wirklich irren Opern-Pop-Song \u201eLa Voix\u201c.<\/p>\n<p>Experte Heinser ist generell skeptisch. \u201eDie Faustregel beim ESC lautete eigentlich: Wenn du versuchst, einen Song zu machen, der nah am Siegertitel des Vorjahres liegt, vergiss es.\u201c Erfolg habe meist eher der \u201eBacklash\u201c &#8211; also der bewusste Kontrast zu vorherigen Siegertiteln. \u201eSo wie Lenas schlichter Auftritt 2010 als Antwort auf den gigantomanischen russischen Sieg zwei Jahre zuvor betrachtet werden kann\u201c, sagt Heinser. Der Erfolg von JJ im Jahr nach Nemo sei also eher die gro\u00dfe \u00dcberraschung gewesen.<\/p>\n<p> Ein portugiesisches Schweden werden<\/p>\n<p>Schweden gilt als ESC-Muster-Nation. Sieben Siege fuhren die Skandinavier schon ein (ebenso viele wie Irland, denen aber schon l\u00e4nger nichts mehr gelang). Muss man also mehr Schweden wagen, um zu gewinnen?<\/p>\n<p>\u201eLetztlich m\u00fcssen Song und Inszenierung eine glaubw\u00fcrdige Einheit bilden, die den jeweiligen Zeitgeist trifft\u201c, betont Experte Lukas Heinser. Die Schweden seien zwar bisweilen \u00fcberzeugt davon, die geheime ESC-Formel entschl\u00fcsselt zu haben &#8211; dennoch sei es auch bei ihnen eine Gratwanderung. \u201eSie neigen zu absolut perfekten Inszenierungen mit gestriegelten Acts, bei denen jede Bewegung sitzt\u201c, sagt Heinser. Auf den Rest Europas k\u00f6nne das mitunter aufdringlich oder \u201ebetont l\u00e4ssig wie ein Sportstudent auf einer Party\u201c wirken.<\/p>\n<p>Dennoch pl\u00e4diert der Experte daf\u00fcr, den Blick zu weiten. Portugal etwa sei ein gutes Beispiel. Das Land gewann 2017 den Song Contest. \u201eSie schicken ihre Acts mit einer maximalen \u00dcberzeugung und Hingabe dorthin, v\u00f6llig egal, ob das dem europ\u00e4ischen Mainstream-Geschmack entspricht oder nicht. Manchmal scheitern sie damit krachend im Halbfinale, aber oft funktioniert es gerade deshalb, weil die Leute in Europa diese Leidenschaft sp\u00fcren\u201c, sagt Heinser. <\/p>\n<p> Barfu\u00df das t\u00f6dliche Tempo vermeiden<\/p>\n<p>Den ESC gibt es seit 1956. An Statistiken zu Tempo, Tonart oder durchschnittlicher Vokal-Anzahl von Siegertiteln mangelt es also nicht. ESC-Spezialisten etwa raunen sich gern die Erz\u00e4hlung vom \u201et\u00f6dlichen Tempo\u201c 128 bpm (beats per minute) zu. \u201eAuffallend viele letzte Pl\u00e4tze in den letzten Jahrzehnten waren in dieser Geschwindigkeit\u201c, schreibt Lukas Heinser in seinem Nachschlagewerk \u201eESC \u2013 Das kleinste Buch zum gr\u00f6\u00dften Musikereignis\u201c. Die erfolgreichste Tonart dagegen sei a-Moll, die meisten Siegeracts waren weiblich. Auffallend auch: F\u00fcnf Personen haben den ESC bislang barfu\u00df gewonnen.<\/p>\n<p>Sollte man daraus den Schluss ziehen, dass man am besten eine barf\u00fc\u00dfige Frau schickt, die in a-Moll ein Lied mit mehr als 128 bpm singt? So einfach ist das nat\u00fcrlich nicht. Was in anderen Lebensbereichen funktioniert &#8211; aus der Vergangenheit auf die Zukunft schlussfolgern &#8211; ist beim ESC Unsinn. Der Zeitgeist spielt eine zu gro\u00dfe Rolle. Und der ist bekanntlich wankelm\u00fctig. Nicoles Sieg 1982 mit dem V\u00f6lkerverst\u00e4ndigungslied \u201eEin bisschen Frieden\u201c? Wom\u00f6glich auch mit dem Falklandkrieg im selben Jahr zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Der ESC-Experte Matthias Breitinger wagt sich in seinem Buch \u201eEurope &#8211; 12 Points! Die Geschichte des Eurovision Song Contest\u201c dennoch an eine Art Siegesrezept: \u201eMit Gimmicks tendenziell sparsam sein; ein Lied aus einem g\u00e4ngigen Genre komponieren, das im Aufbau den Erwartungen der Massen entspricht; den Wettbewerb ernst nehmen, aber als Interpret in den entscheidenden drei Minuten sich Nervosit\u00e4t blo\u00df nicht anmerken lassen.\u201c Das sei eine \u201egrobe Erfolgsformel\u201c.<\/p>\n<p>Im gleichen Buch warnt der Autor allerdings noch vor Nischengenres. Es gehe um Pop. \u201eDarum hat auch Operngesang beim Song Contest nie re\u00fcssiert.\u201c<\/p>\n<p>Breitinger schrieb das 2016 auf &#8211; ein Jahrzehnt vor Nemo und JJ. Vom folgenden Zeitgeist konnte er nichts wissen. Der ESC schreibt seine Regeln schneller um, als Experten sie notieren k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In diesem Monat ist wieder ESC, eines der weltweit meistgesehenen Kultur-Events des Jahres. 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