{"id":153492,"date":"2026-05-12T04:28:16","date_gmt":"2026-05-12T04:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/153492\/"},"modified":"2026-05-12T04:28:16","modified_gmt":"2026-05-12T04:28:16","slug":"nature-based-solutions-eine-symbiotische-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/153492\/","title":{"rendered":"Nature-based Solutions: Eine symbiotische Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>12.05.2026\u00a0\u2013\u00a0Jahrzehntelang basierte Fortschritt auf Extraktion. Nun steht die Menschheit vor der Aufgabe, ihr Leben wieder mit den regenerativen Grenzen des Planeten in Einklang zu bringen. Sogenannte Nature-based Solutions nutzen biologische oder \u00f6kologische Prozesse, um Technologien nachhaltig neu zu erfinden.<\/p>\n<p>Pilze sind f\u00fcr die Forschung besonders faszinierend \u2013 sie sind weder Pflanze noch Tier, sondern bilden ein eigenes Reich der Natur. Die Forschung entdeckt das Myzel nun als nachhaltigen Baustoff, Energiespeicher und vieles mehr.<\/p>\n<p>Der Pilz, das ist vor allem das Myzel, das aus einem feinen Netzwerk fadenf\u00f6rmiger Zellen besteht, den sogenannten Hyphen. In der Natur durchwuchern diese F\u00e4den Substrate wie den Boden oder organisches Material, um N\u00e4hrstoffe zu erschlie\u00dfen. Indem sie Enzyme in die Umgebung abgeben und organisches Material zersetzen, recyceln sie N\u00e4hrstoffe. Der vegetative Myzel-K\u00f6rper bringt den sichtbaren Fruchtk\u00f6rper hervor, der gel\u00e4ufig als Pilz bezeichnet wird, jedoch nur das tempor\u00e4re Fortpflanzungsorgan darstellt.<\/p>\n<p>Pilze als Bau- und Textilmaterial<\/p>\n<p>In der modernen Architektur und Materialwissenschaft vollzieht sich derzeit ein grundlegender Wandel hin zur sogenannten Bio-Fabrikation. Pilzmyzel geh\u00f6rt zu den vielversprechendsten neuen Baustoffen, denn es kann organische Restmaterialien zu einem stabilen Feststoff verbinden. Anstatt Baustoffe unter hohem Energie- und Rohstoffaufwand zu brennen oder zu gie\u00dfen, l\u00e4sst man sie einfach wachsen.<\/p>\n<p>Genutzt werden landwirtschaftliche Reststoffe wie Stroh, Hanf oder S\u00e4gemehl, die mit Pilzkulturen geimpft werden. Die Pilzf\u00e4den eines Myzels verdauen die organischen Abf\u00e4lle und verwandeln sie in ein dichtes, chitinreiches Netzwerk, das zu einem stabilen Verbundwerkstoff wird. Sobald die gew\u00fcnschte Form erreicht ist, wird der Pilz durch Hitze deaktiviert. Das Backen stoppt das Wachstum und festigt das Material. Je nach Ausgangsstoff haben die so entstandenen Myzel-Komposite von Natur aus Eigenschaften wie eine hohe Brandbest\u00e4ndigkeit, thermische und akustische Isolationseigenschaften \u2013 und sie speichern sogar noch CO\u2082, anstatt es freizusetzen.<\/p>\n<p>\u201eReisspelzen enthalten etwa viel Lignin und auch viel Siliziumdioxid, damit haben wir feuerfeste Myzel-Verbundstoffe entwickelt\u201c, erkl\u00e4rt Mitchell Jones, Postdoctoral Researcher an der Universit\u00e4t Wien, spezialisiert auf pilzbasierte Materialien und Abfallverwertung. \u201eNeben Reisspelzen haben wir auch recyceltes Glas verwendet, um den anorganischen Anteil zu erh\u00f6hen und das Material noch feuerfester zu machen \u2013 etwa f\u00fcr W\u00e4rmed\u00e4mmung, Akustikisolierung und \u00c4hnliches.\u201c<\/p>\n<p>Das Fraunhofer ISE und UMSICHT hat im vergangenen Jahr bereits marktreife Fassadenelemente pr\u00e4sentiert, die Myzel-D\u00e4mmung mit Photovoltaik kombinieren. Ziel ist ein vollst\u00e4ndig kreislauff\u00e4higes Bauteil, dessen Komponenten am Ende seiner Nutzung problemlos getrennt werden k\u00f6nnen. Wie sich die organischen Komponenten unter realen Witterungseinfl\u00fcssen verhalten, wird derzeit noch untersucht.<\/p>\n<p>\u201eMan kann auch einen reinen Myzel-Schaum wachsen lassen, der kein Verbundstoff mehr ist, sondern nur noch aus den \u201aLufthyphen\u2018 des Myzels besteht\u201c, so Jones weiter. Die Varianten haben unterschiedliche Dichten und Anwendungen. Festes Substrat eignet sich f\u00fcr Verpackungen oder Bauanwendungen. Die \u201afluffigere\u2018 Variante ohne R\u00fcckst\u00e4nde ist flexibler und wird f\u00fcr Dinge wie Schw\u00e4mme oder Make-up-Tr\u00e4ger verwendet. Auch Pilzleder und einen spinnbaren Textilersatz haben die Forscher in Wien bereits hergestellt. Veganer Lederersatz aus Pilzmyzel ist teilweise schon auf dem Markt erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Ein weiteres Feld ist das Textil-Upcycling, die Herstellung von Verbundstoffen aus Textilabf\u00e4llen. Fast Fashion, Kleidung aus minderwertigen Materialien, die schnell auf dem M\u00fcll landet, ist ein Problem. Fast der gesamte Textilm\u00fcll wird verbrannt. \u201eDieser Textilm\u00fcll enth\u00e4lt oft eine Mischung verschiedener Fasertypen, teils synthetisch, teils nat\u00fcrlich, die sich nicht leicht trennen lassen\u201c, sagt Jones. Seit 2025 m\u00fcssen alle EU-Mitgliedstaaten Textilien separat f\u00fcr Recycling oder Wiederverwertung sortieren. Die Textilm\u00fcllberge k\u00f6nnen jedoch noch kaum verarbeitet werden. Das Recycling zu Verbundwerkstoffen f\u00fcr Bauanwendungen k\u00f6nnte hier eine L\u00f6sung anbieten \u2013 und funktioniere bereits vergleichsweise gut, so Jones.<\/p>\n<p>Pilzbatterien \u2013 Strom aus lebenden Organismen<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Architektur auf das Myzel als Baustoff setzt, experimentieren andere Forscher mit seinen elektrischen Eigenschaften. Sogenannte mikrobielle Brennstoffzellen nutzen den Stoffwechsel von Pilzen, die wie alle Lebewesen N\u00e4hrstoffe in Energie umwandeln. Bei diesen biochemischen Reaktionen werden Elektronen frei, die als Strom genutzt werden k\u00f6nnen. Bisher handelte es sich bei den eingesetzten Mikroorganismen meist um Bakterien. Eine neue Pilzbatterie nutzt nun erstmals zwei sich erg\u00e4nzende Pilzarten \u2013 B\u00e4ckerhefe und Wei\u00dff\u00e4ulepilz \u2013, um die Batterie leistungsf\u00e4higer zu machen.<\/p>\n<p>Die Pilzbatterie wird mit Hilfe von 3D-Druck aus Pilzsporen und zellulosebasierter Tinte hergestellt. Pilzsporen und Pilznahrung \u2013 gr\u00f6\u00dftenteils Zuckermolek\u00fcle \u2013 werden der Druckertinte bereits zugesetzt. Die Zugabe von Ru\u00df und Graphitflocken macht das zellulosebasierte Material elektrisch leitf\u00e4hig, die H\u00fclle ist aus Bienenwachs. Der 3D-Druck erm\u00f6glicht es den Forschenden dabei, die Komponenten der Pilze passend umzustrukturieren.<\/p>\n<p>\u201eInsgesamt betrachten wir Pilze nicht nur als biologische Bestandteile, sondern als aktive, gestaltbare Elemente zuk\u00fcnftiger nachhaltiger Technologien, die eine Br\u00fccke zwischen Biologie, Materialwissenschaften und Elektronik schlagen k\u00f6nnten\u201c, sagt Carolina Reyes, Research Scientist am Labor f\u00fcr Zellulose- und Holzwerkstoffe Empa der eidgen\u00f6ssischen Materialpr\u00fcfungs- und Forschungsanstalt.<\/p>\n<p>Die Leistungsdichte der Pilzbatterien bleibt zwar gering, doch f\u00fcr Sensoren oder autarke Messsysteme reichen oft Mikrowatt. F\u00fcr dezentrale Anwendungen wie das Umweltmonitoring in W\u00e4ldern oder die landwirtschaftliche Sensorik bieten die Pilzbatterien einige Vorteile. \u201eMan k\u00f6nnte die Pilzbatterien in einem getrockneten Zustand aufbewahren und am Einsatzort einfach durch die Zugabe von Wasser und N\u00e4hrstoffen aktivieren\u201c, sagt Reyes. An ihrem Lebensende zersetzen sich die Pilzbatterien zudem selbst, ganz ohne giftige Hinterlassenschaften.<\/p>\n<p>\u00dcber die Stromerzeugung hinaus besitzen Myzelien eine Art biochemische Intelligenz, mit der sie gezielt Stoffe aus ihrer Umgebung l\u00f6sen, binden und konzentrieren k\u00f6nnen. Diese Eigenschaft macht sie nun f\u00fcr einen Bereich interessant, der bisher schweren Maschinen vorbehalten war: den Bergbau.<\/p>\n<p>Mycomining \u2013 Mining mit Myzel<\/p>\n<p>Um sich von Giften abzuschirmen, haben Pilze eine Zellwandstruktur entwickelt, die chemisch gesehen ein perfekter Schwamm f\u00fcr Metallionen ist. Dies macht Pilze zu hocheffizienten Sammlern, die selbst geringste Konzentrationen von Metallen selektiv binden und anreichern k\u00f6nnen. Pilze verhalten sich nat\u00fcrlicherweise wie winzige, chemische Fabriken. Sie betreiben das sogenannte Bioleaching, bei dem sie organische S\u00e4uren wie Zitronen-, Oxal- oder Glucons\u00e4ure ausscheiden. Diese S\u00e4uren senken zun\u00e4chst den pH-Wert ihrer Umgebung ab, wodurch sich fest gebundene Metalle aus Erz l\u00f6sen. Sobald die Metalle verfl\u00fcssigt sind, treten die organischen Bestandteile der S\u00e4uren als in Aktion: Sie umschlingen die Metallionen wie eine chemische Zange und halten sie in einer l\u00f6slichen Form stabil. Die Zellw\u00e4nde der Pilze \u2013 ein komplexes Geflecht aus Chitin und Proteinen \u2013 besitzen spezielle chemische Andockstellen. Bei der Biosorption werden die gel\u00f6sten Metallionen wie von einem Magneten an die Oberfl\u00e4che der Pilzbiomasse gezogen und dort konzentriert. Auf diese Weise lassen sich selbst kleinste Mengen wertvoller Ressourcen effizient ernten.<\/p>\n<p>Mycomining werde wohl nie Bergbau ersetzen k\u00f6nnen, und auch f\u00fcr das Recyceln von Elektroschrott g\u00e4be es wohl bereits effektivere Methoden, meint Alexander Bismarck, Professor f\u00fcr Materialchemie an der Universit\u00e4t Wien. Interessant werde der Ansatz f\u00fcr den Abbau Seltener Erden, die in sehr geringen Mengen weitl\u00e4ufig in der Erdkruste verstreut sind. \u201eBei Seltenen Erden k\u00f6nnte Myconmining wirklich einen Unterschied machen\u201c, sagt Bismarck. \u201eSeltene Erden Elemente sind n\u00e4mlich gar nicht so selten, nur schwer zu separieren aus dem ganzen anorganischen Zeug, weil sie chemisch relativ \u00e4hnlich sind. Wir hoffen, dass wir genau daf\u00fcr Pilze einsetzen k\u00f6nnen, die diese Materialien selektiv aufnehmen, hoffentlich auch in Gr\u00f6\u00dfenordnungen, die sich lohnen, und mit Pilzen, die Fruchtk\u00f6rper bilden, die man einsammeln kann. Pilze wachsen fast \u00fcberall auf unserem Planeten, gesch\u00e4tzt gibt es 2,1 bis 5 Millionen Spezies. Jetzt m\u00fcssen wir eben nur die richtige Spezies finden.\u201c Julia Broich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"12.05.2026\u00a0\u2013\u00a0Jahrzehntelang basierte Fortschritt auf Extraktion. 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